RHEINPFALZ-Wohnreport RHEINPFALZ Plus Artikel Bau-Turbo ohne Bauarbeiter: Wer soll eigentlich fehlende Wohnungen bauen?

Im Baugewerbe waren Ende vergangenen Jahres rund 46.000 Stellen unbesetzt. Der Fachkräftemangel droht den Bau-Turbo der Bundesre
Im Baugewerbe waren Ende vergangenen Jahres rund 46.000 Stellen unbesetzt. Der Fachkräftemangel droht den Bau-Turbo der Bundesregierung deutlich auszubremsen.

Deutschland fehlen Wohnungen – doch der geplante Bau-Turbo droht an fehlenden Fachkräften zu scheitern. Schon heute bleiben zehntausende Stellen im Baugewerbe unbesetzt.

Deutschland mangelt es an Wohnraum – und zwar nicht zu knapp. Laut dem Mietenreport 2025 des Pestel Instituts fehlen hierzulande rund 1,4 Millionen Wohnungen. Um dieses Defizit auszugleichen, sind jährlich 400.000 neue Wohnungen erforderlich. Das ist keine neue Erkenntnis. Die Bundesregierung will mit ihrem im vergangenen Herbst beschlossenen Bau-Turbo daher den Wohnungsbau mit einem unkomplizierteren Baurecht und zügigeren Genehmigungsverfahren beschleunigen.

Doch eine weitere entscheidende Herausforderung wird oft übersehen: Wer soll diese neuen Wohnungen überhaupt bauen? Der Fachkräftemangel im Baugewerbe ist riesig – und hat das Potenzial, den angekündigten Bau-Turbo zu einer Bau-Bremse werden zu lassen.

Wie viele Fachkräfte fehlen?
Im Baugewerbe weist die Bundesagentur für Arbeit für Dezember 2025 knapp 46.000 unbesetzte Stellen aus, sagt Felix Pakleppa. „Wir gehen aber davon aus, dass viele offene Stellen bei der Arbeitsagentur gar nicht gemeldet werden. Die tatsächliche Lücke dürfte bei rund 90.000 unbesetzten Stellen liegen“, so der Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands Deutsches Baugewerbe (ZDB).

Besonders groß seien die Engpässe 2025 in der Bauelektrik mit 16.720 und in der Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik mit 10.941 unbesetzten Stellen im Jahresdurchschnitt gewesen, erklärt Ökonom Gero Kunath vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW).

Was sind die Gründe für den Fachkräftemangel?
Die Gründe für die Personalnot im Baugewerbe seien vielfältig, meint Kunath. „Ein zentraler Grund – auch für einen perspektivisch hohen Fachkräftebedarf in Bauberufen – ist der demografische Wandel“, sagt er. Zwischen Juli 2024 und Juni 2025 war laut IW mehr als jede vierte sozialversicherungspflichtig beschäftigte Arbeitskraft (26,1 Prozent) in Bauberufen älter als 55 Jahre – und verlässt somit voraussichtlich in den kommenden zehn Jahren den Arbeitsmarkt. „Die Babyboomer-Generation geht in Rente und es rücken zu wenige Jüngere nach“, meint auch Pakleppa vom ZDB. Bis 2030 würden somit allein in der Baubranche hierzulande rund 120.000 Arbeitnehmer fehlen, rechnet er.

Den demografischen Wandel haben auch die politisch Verantwortlichen erkannt. „Inwiefern daraus letztlich Fachkräfteengpässe in bestimmten Berufen und Regionen entstehen, hängt aber auch maßgeblich von der wirtschaftlichen Entwicklung und möglichen Veränderungen der Wirtschaftsstruktur in Deutschland ab“, erklärt eine Sprecherin des Bundesbauministeriums auf RHEINPFALZ-Anfrage.

Aus Sicht des ZDB gibt es aber noch weitere Gründe für den Fachkräftemangel. Zum einen „mangelt es in Schulen und in der Gesellschaft an Wertschätzung für handwerkliche Berufsausbildungen“, sagt Pakleppa. Akademische Laufbahnen würden als erstrebenswert gelten, obwohl „die Baubranche exzellente Karriere- und Verdienstperspektiven bietet“. Zum anderen sei auch die Fachkräftezuwanderung ein wichtiger Baustein. „Es fehlt an einfacheren Wegen für qualifizierte Zuwanderer in den deutschen Arbeitsmarkt“, so der ZDB-Hauptgeschäftsführer.

Welche Folgen hat der Engpass an Fachkräften?
Die unmittelbarste Folge sei, dass Aufträge nicht mehr angenommen würden, erklärt Pakleppa vom ZDB. „Das kostet Unternehmen Umsatz und Marktanteile.“ Damit der Wohnungsbau in Deutschland tatsächlich richtig Fahrt aufnehmen kann – wozu aus Sicht von Pakleppa neben dem Bau-Turbo noch viele weitere Maßnahmen nötig wären –, dafür besteht aktuell „im Baugewerbe der Bedarf nach rund 100.000 Beschäftigten zusätzlich“. Das sehen auch viele Experten so. Aufgrund des Fachkräftemangels könnten „Aufträge trotz Nachfrage nur verzögert oder teils gar nicht angenommen“ werden, sagt Gero Kunath vom IW in Köln.

Dadurch verlängern sich Projektlaufzeiten, Wartezeiten und Kosten erhöhen sich. „Der Bau-Turbo wie das Sondervermögen für Infrastruktur dürfte die Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften in Bauberufen in naher Zukunft deutlich erhöhen“, sagt der Ökonom. Die Fachkräfteengpässe könnten die gewünschten Impulse aber ausbremsen. „Damit das durch das Sondervermögen bereitgestellte Geld auch in mehr Bautätigkeit übersetzt werden kann, braucht es daher eine aktive Fachkräftesicherung“, betont Kunath.

Wie kann man das Fachkräfteproblem lösen?
Der Zentralverband des Deutschen Baugewerbes fordert gleich ein ganzes Maßnahmenbündel. Unter anderem müssten Vorurteile gegenüber Bauberufen in Schulen und im gesellschaftlichen Diskurs systematisch abgebaut werden. „Master und Meister müssen endlich gleichwertig behandelt werden“, sagt Pakleppa vom ZDB. Außerdem müsse die Zuwanderung in die Beschäftigung erleichtert werden. „Die bürokratischen Verfahren zur Anerkennung ausländischer Abschlüsse und zur Erteilung von Arbeitsvisa sind zu komplex und zu langsam“, betont der ZDB-Hauptgeschäftsführer.

Darüber hinaus könne auch die künstliche Intelligenz helfen, „Planung, Dokumentation und Logistik effizienter zu machen“. Aber: KI sei kein Allheilmittel. „Am Ende braucht es Menschen, die auf der Baustelle arbeiten“, sagt Pakleppa. Zwar würden sich die Anforderungen möglicherweise verändern, „aber der Mensch und seine handwerkliche Arbeit bleiben auf dem Bau unverzichtbar“.

Die Bundesregierung hält das KI-Potenzial in der Bauwirtschaft für deutlich größer. „KI und Automatisierung können dazu beitragen, Fachkräfte gezielt zu entlasten“, sagt die Ministeriumssprecherin. So würden beispielsweise serielles, systemisches und modulares Bauen durch standardisierte Module, Robotik und automatisierte Prozesse großes Potenzial zur Effizienzsteigerung bieten. „Automatisierung und KI bieten zudem Potenziale, körperliche Belastungen zu reduzieren“, so die Sprecherin. Diese Möglichkeiten könnten mittelbar auch Fachkräfteengpässen in den Bauberufen entgegenwirken.

Was will die Regierung sonst noch gegen den Fachkräftemangel tun?
„Ohne Fachkräfteeinwanderung wird es nicht gehen, weil vor allem perspektivisch die inländischen Potenziale nicht mehr ausreichen werden“, heißt es vonseiten des Ministeriums. Daher wolle man in der aktuellen Legislaturperiode die Prozesse der Erwerbsmigration verbessern, insbesondere durch die Schaffung einer Work-and-Stay-Agentur.

Geplant ist damit eine zentrale Behörde und digitale Plattform der Bundesregierung, die darauf ausgelegt ist, die Einwanderung und Integration von Fachkräften aus Drittstaaten zu beschleunigen und zu entbürokratisieren. „Klar ist: Je mehr gebaut wird, desto mehr Fachkräfte werden in der Baubranche benötigt“, erklärt die Sprecherin des Bundesbauministeriums. Derzeit stehe jedoch die Stabilisierung und Verbesserung der Auftragslage im Vordergrund.

Das klingt zumindest nicht unbedingt so, als hätte der Fachkräftemangel im Bausektor bei der Bundesregierung eine übergeordnete Stellung. Eine Priorisierung, die sich noch rächen könnte – spätestens, wenn in ein paar Jahren ein großer Teil der Beschäftigten in Rente ist.

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