Pfalz
Konzerte für Demenzkranke: Töne als Therapie
Mit der roten Clownsnase überrascht Hans Joachim Strümpel seine Freundin. „Die hab ich mir nicht im Boxring geholt“, scherzt der 86-Jährige. Lisa Köllges lacht glücklich über den Einfall ihres Achims. Weil er gerade am Valentinstag die Farbe der Liebe mitten im Gesicht trägt. Weil Fasching ist und weil er damit zeigt, er lässt sich nicht unterkriegen von der Demenz. Dass ihr Partner die Verabredung zum Konzert der Staatsphilharmonie in Ludwigshafen anderthalb Stunden zu früh terminiert hat, stört Lisa nicht. Sie weiß, Achim kann Zeiten und Distanzen nicht mehr gut kalkulieren.
„Früher galten Leute wie ich als zauselig, heute sind sie dement. Ich mache kein Geheimnis daraus“, sagt Strümpel, der viele Jahre als Entwicklungsingenieur in ganz Europa auf Achse war. Als er vor zwei Jahren die Diagnose bekam, hatte er Angst, bekennt der 86-Jährige offen. Da es bislang kein Medikament gibt, das den schleichenden geistigen Verfall wirksam stoppt, stärkt sich der Witwer durch Aktivität. „Die einzige Medizin, die wirkt.“ Daheim im Verein „Leben mit Demenz“ in Weinheim singt er im Chor, tanzt Neuro-Tango, bastelt. Und hat in einem virtuellen Seniorenforum vor einem Jahr seine späte Liebe gefunden, die in Limburgerhof im betreuten Wohnen lebt. Die ebenfalls verwitwete Lisa sei seine „Erinnerungshelferin“, wenn er Wortfindungsstörungen hat. Heute entführt er die 84-Jährige nun in die Konzertreihe, die speziell für Menschen mit Demenz und ihre Nächsten konzipiert ist.
Der Strom der Gäste bewegt sich im Schneckentempo. Geduldig führen erwachsene Kinder ihre Eltern Stufe um Stufe zum Probensaal. Wer im Rollstuhl oder mit Rollator kommt, nimmt den Aufzug. Lisa und Achim wissen genau, wo sie hinmüssen. Die Stühle, die im Halbkreis um die Bühne angeordnet sind, tragen Namensschilder. Sie sind in Form von Sitzinseln gruppiert, sodass jeder Gast mit seiner Begleitung Privatsphäre hat. Zwischen den Stuhlreihen ist viel Platz, damit die größtenteils gehbehinderten Kranken den Saal jederzeit verlassen können.
Ganz auf die Bedürfnisse der Gäste abgestimmt
Es ist ein Kontrastprogramm zu den üblichen Klassik-Konzerten. Wenn die 86-köpfige Staatsphilharmonie vor bis zu 1000 disziplinierten Zuhörern zwei Stunden lang auftritt, hört man normalerweise keine Stecknadel fallen. Heute ist alles anders: Sieben Musiker werden für 45 Minuten aufspielen, während die Gäste sich frei bewegen dürfen. Die Zuschauerzahl ist auf 85 beschränkt, weil das Format exakt auf die Bedürfnisse des besonderen Publikums zugeschnitten ist. Es gibt reservierte Parkplätze direkt vor der Haustür und Windeln für Erwachsene in den Toiletten. Lotsen betreuen die Gäste und bedienen beim anschließenden Kaffeekränzchen. Und selbst an einen Ruheraum mit Liege und Sessel ist gedacht.
„Singen, klatschen, tanzen: Alles ist erlaubt“, eröffnet Moderator Jochen Keller das Konzert, das immer wieder mitnimmt auf eine Reise in die Vergangenheit. Erinnerungen werden geweckt an Tanzabende, Radiosendungen und Fernsehkonzerte – etwa mit dem Zaubergeiger Helmut Zacharias, der in den 1960er- und 70er-Jahren fast an jedem Wochenende auf der Mattscheibe zu sehen war. Zu hören ist klassische und moderne Unterhaltungsmusik. Die Stücke sind kurz, die Künstler stehen unmittelbar vor dem Publikum und liefern mit ausdrucksstarker Mimik und Gestik Showeinlagen. Keller, selbst seit 1995 Trompeter der Staatsphilharmonie, gibt den amüsanten Conferencier und fachsimpelt über die Werke, die sich diesmal auf zwei Jahreszeiten beziehen: den Frühling und die fünfte, den Karneval, den er als Kölner mit dem Narrenruf „Kölle Alaaf“ feiert.
Selbst Rollstuhlfahrer tanzen
Einige Damen haben herzförmige Luftballons mitgebracht, die sie schwenken. Die Gäste lassen sich von den Melodien anstecken. Sie lauschen mit geschlossenen Augen dem „Schwan“ aus dem Karneval der Tiere von Camille Saint-Saëns, schunkeln zum Walzer „Frühlingsstimmen“ von Johann Strauß und singen mit der Sopranistin Viola Elges Volkslieder. Es wird gelacht, zuweilen auch geweint. Bei Ralf Arnies „Tulpen aus Amsterdam“ zieht eine Tochter ihre Mutter aus dem Rollstuhl. Beide tanzen eng umschlungen. „Danke“, sagt die Mutter danach und lächelt selig.
Für einen magischen Moment sorgt der Ludwigshafener Tanzlehrer Alexander Gipp. Als Autor und bundesweit gefragter Referent ist er auf Tänze für Demenzpatienten spezialisiert. Intervention nennt sich sein Mitmachangebot, das Teil des Konzertprogramms ist und helfen soll, die Gehirnhälften zu vernetzen und das Gleichgewicht zu verbessern. „Wir dirigieren und machen Dubbe“, sagt Gipp. Er fordert das Publikum auf, mit Daumen und Zeigefinger Kreise zu formen und zur „Elisabethserenade“ von Ronald Binge Tupfen in die Luft zu malen. Wie an unsichtbaren Fäden zieht Gipp die erhobenen Hände in alle Richtungen. Die Gäste sind gebannt und ganz im Augenblick. Wie Kinder mit Falten im Gesicht scheinen sie die Tupfen über ihren Köpfen tatsächlich sehen zu können.
Radiomusik als Initialzündung
Im Publikum sitzt Miriam Tressel. Die frühere Assistentin der Staatsphilharmonie hat das Format „Musik – Unvergessen“ in der Coronazeit entwickelt. Die Initialzündung sei eine Autofahrt mit ihrem dementen Vater gewesen. „Walter war normalerweise sehr teilnahmslos. Im Autoradio liefen Schlager, die er plötzlich mitsang. Und zwar alle Strophen“, erinnert sich Tressel. „Danach konnten wir richtige Gespräche führen, auf Augenhöhe.“ Musik ist für sie ein großer Schatz, mit dem man im Umgang mit Dementen viel erreichen kann. Das Konzept der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz ist aus Tressels Sicht in der Region einzigartig, „weil es musikalisch auf hohem Niveau ist und wir es medizinisch-wissenschaftlich gemeinsam mit Experten entwickelt haben“. Mit im Boot waren neben Bernd Reuschenbach, Professor für Pflegewissenschaft und Gerontologie an der Katholischen Stiftungshochschule München, Musiktherapeuten der SRH Hochschule in Heidelberg.
Dass Musik auf Demenzpatienten anregend wirkt, wusste man schon vor rund 100 Jahren. Damals stellte Alois Alzheimer in Fachkreisen erstmals die „Krankheit des Vergessens“ vor. Diese häufigste Form der Demenz wurde später nach dem deutschen Psychiater benannt. In den „Anstalten für Irre“, wie psychiatrische Kliniken damals hießen, gab es bereits sogenannte psychosoziale Aktivitäten mit Konzerten. Einen Boom erfuhr die Musiktherapie für diese Patientengruppe durch den preisgekrönten Dokumentarfilm „Alive Inside“ aus dem Jahr 2014 von Michael Rossato-Bennett. Darin wird Dan Cohen, der Gründer der Organisation „Music & Memory“, bei seiner Arbeit mit an Demenz erkrankten Menschen vorgestellt. Der Film zeigt, wie verloren geglaubte Erinnerungen durch Musik aus der Jugendzeit wieder aktiviert werden können. Inspiriert durch den Film entstanden auch in Deutschland zahlreiche ähnliche Initiativen.
Auswärtsauftritte geplant
Bislang lief „Musik – Unvergessen“ nur in der Ludwigshafener Staatsphilharmonie, doch das soll sich ändern. Bereits in diesem Jahr will das Ensemble in der Region auf Tournee gehen, berichtet Sopranistin Viola Elges, die als Assistentin der Orchesterbibliothek arbeitet und die Konzertreihe organisiert. Mit Veranstaltern in Landau stehe man bereits in Verhandlungen, in Worms sowie im Landkreis Mainz-Bingen habe man ebenfalls die Fühler ausgestreckt.
Seit Frühjahr 2024 gibt es die Konzerte für Menschen mit Demenz dreimal im Jahr. Die Termine sind stets ausverkauft. Das Projekt ist ein Gemeinschaftswerk von Musikern, ehemaligen Mitarbeitern der Philharmonie und Ehrenamtlichen. Viele von ihnen haben selbst Verwandte mit Demenz. Daher sei das Format „eine Herzensangelegenheit“, berichtet Moderator Keller und erzählt von seinen Schwiegereltern, die er Tag und Nacht gepflegt hat. Das Hamsterrad des fremdbestimmten Kümmerns sei Stress. „Man kommt nie raus, wird allem nicht gerecht“. Und da sei noch das Gefühl, mit der schwindenden Erinnerung einen geliebten Menschen zu verlieren. „Die Konzerte sind für die Angehörigen sowohl eine Auszeit des Aufatmens und Auftankens als auch für die Kranken die Chance, sich durch den Türöffner Musik zu erinnern“, sagt Keller, der die Konzertreihe mit begründet hat.
Immer wieder erlebt er dabei Bewegendes. „Es gibt Momente, die so intim sind, dass man fast nicht darüber reden möchte, um den geschützten Raum nicht zu verletzen – die Konzerte sind eine sehr achtsame Sache.“ Manche Besucher seien stark beunruhigt, manche wiederum völlig ruhig. In seiner Moderation will Keller sensibel auf die Befindlichkeiten eingehen. „Diese Krankheit ist ein Überraschungsei. Ich muss mich jedes Mal neu auf das Publikum einstellen und es anders einfangen.“ Sie sei von der Wirkung stets von Neuem erstaunt, ergänzt Organisatorin Viola Elges: „Wenn die Besucher in den Saal kommen, sehe ich genau, wer dement ist und wer nicht. Diese Grenzen verschwimmen im Laufe des Konzerts, die Betroffenen werden wacher, nehmen Anteil, blühen richtig auf.“
Kaffee und Kuchen im Foyer
Nach den letzten Tönen wird kräftig applaudiert. Als Zugabe spendiert das Ensemble die „Petersburger Schlittenfahrt“ von Richard Eilenberg. Im Schneckentempo geht es zurück ins Foyer, wo ein Dutzend hausgemachter Kuchen auf der Theke steht. Kaffeeduft liegt in der Luft. Die Besucher – die meisten sind Stammgäste – sitzen in Gruppen zusammen und schwatzen. Lisa Köllges muss zum Zug nach Limburgerhof. „Das war große Klasse. Toll, dass es so was gibt, wir kommen wieder!“, ruft sie zum Abschied und winkt.
An einer langen Kaffeetafel öffnet Besucherin Brigitte Horn für ihren Günter eine Tüte Gummibärchen und reicht ihm seine Schnabeltasse. Seit 51 Jahren sind die Horns verheiratet. Vor neun Jahren sei ihr Mann dement geworden, vor zwei Jahren habe sich die Krankheit verstärkt. Günter kann kaum mehr sprechen, Brigitte ist nun sein Sprachrohr. Das Paar kennt die Konzertreihe der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz schon von Anfang an. „Günter empfindet dabei eine Freude, die er sonst nicht fühlt. Er lächelt und hat plötzlich keine Angst“, sagt seine Ehefrau. Und erzählt, dass sie bei jedem Besuch mit ihrem Mann tanzt. So wie früher.
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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.
