Familie
Essstörungen: Wenn Eltern den Nährboden bereiten
Von Sandra Markert
Ihre Mutter war nie gern mit ihr ins Freibad gegangen. Sie trug weite Kleidung, weil sie ihren Körper nicht mochte. Gab es eine reichhaltige Mahlzeit, war diese oft verbunden mit Kommentaren wie: „Jetzt haben wir aber wieder gesündigt.“ Wenn sich Sylvia Martin, 44, mit ihrer Kindheit auseinandersetzt, dann merkt sie heute: „In meiner Familie gab es keinen normalen Umgang mit Essen.“ Früh schon habe ihr die Mutter vermittelt: Wer es leicht haben will im Leben, der muss dünn sein.
Dieser Glaubenssatz hat sich bei Sylvia Martin, deren Namen für diese Geschichte geändert wurde, festgesetzt. Nach der Geburt ihres Sohnes nahm sie rund 40 Kilo ab – und fühlte sich danach weiterhin zu dick. Irgendwann suchte sie eine Therapeutin auf, weil sie davon ausging, ein Problem mit übermäßigem Essen zu haben. „Es war dann unglaublich zu hören, dass ich vielmehr magersüchtig bin“, sagt Sylvia Martin. Die Therapie half ihr auch zu erkennen, dass die Ursachen für ihre Essstörung bis in die eigene Kindheit zurückreichten – und ihre Mutter selbst früher auch an einer eben solchen gelitten hatte.
„Wenn die Mutter eine Essstörung hatte, besteht auf jeden Fall ein deutlich erhöhtes Risiko, dass auch die Tochter oder der Sohn eine bekommt“, sagt Sandra Steiner. Die Therapeutin bietet in ihrer Praxis im schweizerischen Bern Beratung und Therapie bei Essstörungen an. Dabei merkte sie, dass der Nährboden für eine Essstörung häufig in den Familien gelegt wird und die Muster zu einem ungesunden Essverhalten oft unerkannt von den Eltern an die Kinder weitergeben werden.
„Essstörungen fallen nicht einfach vom Himmel“, fasst Steiner zusammen, die gerade auch ein Buch zu diesem Thema veröffentlicht hat („Muttersein und Essstörung. Den Kreislauf durchbrechen – ein Ratgeber für Mütter“). In den betroffenen Familien sei Essen häufig mehr als nur Nahrungsaufnahme. Es diene als Belohnung. Dazu, Nähe aufzubauen. „Oft herrscht ein stark bewertender und auch kontrollierender Umgang mit dem Essen, aber auch mit dem Körperbild allgemein“, sagt Sandra Steiner.
Wenn Eltern Essen streng kontrollieren
Viele ihrer Patienten berichteten von einer Art Scannerblick der Eltern bei den Mahlzeiten, beim Essen von Süßigkeiten, bei der Wahl der Kleidung, beim Sporttreiben. „Wenn ich in so einer Umgebung aufgewachsen bin, dann ist mein eigener Zugang zum Thema Essen ein sehr unsicherer“, sagt Steiner. Viele würden früher oder später selbst in eine Essstörung rutschen – und die ungesunden Verhaltensmuster wiederum auch an die eigenen Kinder weitergeben.
Auch Sylvia Martin versuchte, ihren Sohn früh mit Keksen oder Schokolade zu beruhigen – so, wie sie es von ihrer eigenen Mutter her kannte. Als sie dann selbst in die Magersucht rutschte, war ihr Sohn zehn Jahre alt. „Natürlich hat er mitbekommen, dass ich andere Dinge gegessen habe als er, und dass bei uns am Esstisch eine angespannte Stimmung herrschte“, sagt sie.
Wichtig: Sensibel sein beim Thema Essen
Nun lebt sie mit der Sorge, dass auch ihr Kind eine Essstörung entwickeln könnte. „Er geht viel ins Fitnessstudio, achtet auf eine proteinreiche Ernährung“, erzählt sie. Es falle ihr schwer, dies nicht zu kommentieren, sein Aussehen nicht zu bewerten. „Möglich ist mir das nur durch meine eigene Therapie geworden, weil sie das Bewusstsein für einen sensiblen, nicht wertenden Umgang rund um das Essen geschaffen hat“, sagt Sylvia Martin.
Die Therapeutin rät allen Eltern, die selbst früher mit einer Essstörung zu tun hatten, sich therapeutisch beraten zu lassen, bevor sie selbst ein Kind bekommen. „Selbst wenn die Essstörung lange zurückliegt, so bleiben doch immer Spuren davon zurück“, sagt Steiner. Denn eine Essstörung betreffe nie nur das Essen, sondern sei auch verbunden mit selbstabwertenden Gedanken. Mit dem Glauben, nicht gut genug zu sein, so wie man ist. „Daraus entwickelt sich dann die Idee, dass man nur geliebt wird, wenn man möglichst schlank und perfekt ist“, sagt Sandra Steiner.
Wer eine solche emotionale Störung nicht in einer Therapie verarbeitet habe, neige dazu, im Umgang mit den eigenen Kindern ähnlich hohe Anforderungen zu stellen. „Diese Eltern haben oft ein sehr enges Verhältnis zu den eigenen Kindern, wollen, dass bei diesen alles möglichst perfekt läuft“, erklärt Sandra Steiner. Dies diene dann aber nicht primär dazu, dass es den Kindern dadurch besonders gut gehen solle – sondern, dass die Eltern sich selbst gut fühlten, um ihren eigenen Selbstwert zu erhöhen.
Deswegen sei es oft auch wenig hilfreich für die Kinder, ein Gespräch mit den eigenen Eltern über deren Umgang mit dem Essen zu suchen. „Ich empfehle das nur, wenn es einer Patientin für sich selbst wichtig ist und nicht, weil sie sich eine Art Einsicht von Mutter oder Vater erhofft“, sagt Sandra Steiner.
Gespräch mit Eltern oft nicht hilfreich
Nur wenige Eltern seien dazu in der Lage, zu sagen: „Du hast ja recht.“ Vielmehr werde das Thema in den meisten Fällen eher abgewehrt, das eigene Verhalten gerechtfertigt oder die Eltern würden sich in eine Art Opferhaltung begeben.
Auch Sylvia Martin hat mit ihrer eigenen Mutter bislang nicht über ihre Essstörung und deren eigenen Beitrag dazu gesprochen. Stattdessen versucht sie, sich Schritt für Schritt weiter von ihr zu lösen. „Ich merke heute, wie sehr ich früher der Lebensinhalt meiner Mutter war. Nicht weil ich ihr Kind war, weil sie mich liebte. Sondern weil sie keine andere emotionale Stütze hatte.“
Zum Thema: Was Essstörungen sind
Sie äußern sich durch ein gestörtes Verhältnis zum Essen und zum eigenen Körper mit teilweise gravierenden gesundheitlichen, seelischen und sozialen Folgen. Eine seelisch bedingte Essstörung ist eine psychosomatische Krankheit und betrifft nicht nur Mädchen und Frauen. Es gibt verschiedene Formen von Essstörungen. Bei Magersucht etwa reduzieren Betroffene die Nahrungszufuhr auf ein Minimum und nehmen sich trotz Untergewichts als dick wahr. Ess-Brech-Sucht äußert sich durch Heißhungerattacken mit folgendem Erbrechen oder Hungern. Unter Binge-Eating-Disorder versteht man wiederkehrende „Fressanfälle“; sie ist besonders weit verbreitet. (Quellen: Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen, Bundesfachverband) Essstörungen
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