Pfalzgeschichte(n) RHEINPFALZ Plus Artikel Hinter der Miró-Wand warten 10.000 Schätze: Ein Tag im Wilhelm-Hack-Museum

Die berühmte Miró-Wand ist zu einem Wahrzeichen Ludwigshafens geworden.
Die berühmte Miró-Wand ist zu einem Wahrzeichen Ludwigshafens geworden.

Das Ludwigshafener Wilhelm-Hack-Museum ist das bedeutendste Haus für moderne Kunst im Land. Wir haben eine spannende Entdeckungsreise durchs Museum gemacht.

„Sagen Sie mir doch einfach mal einen Namen.“ Udo Baur ist sich seiner Sache absolut sicher, und er kann sich auch ein Grinsen nicht verkneifen. Baur ist im Team von Museumsdirektor René Zechlin nicht nur für die Ausstellungstechnik zuständig. Er ist auch so etwas wie der Gralshüter, wacht über die im Depot eingelagerten Schätze des Hauses. Und da hat er wirklich einiges zu tun.

Die Grafiken und Drucke lagern im Museumsdepot in waagrechten Schubladen.
Die Grafiken und Drucke lagern im Museumsdepot in waagrechten Schubladen.

Wir sind im Raum mit den Grafiken und Drucken, die in flachen Schubladen eingelagert sind. Es hat etwas von Aktenschränken in einem Behördenbüro. Nur lagern hier eben keine Akten, sondern Kunst. „Andy Warhol“, bringe ich nach etwas Zögern heraus. Es ist noch vor Mittag, und die letzte mündliche Prüfung liegt schließlich auch schon über 30 Jahre hinter mir. Und die war im Rigorosum in Musikwissenschaft, nicht in Kunstgeschichte.

Andy Warhol? Kein Problem!

Aus Baurs Grinsen wird ein Strahlen. „Gar kein Problem, das haben wir gleich.“ Ein gezielter Griff nach einer Schublade – und vor dem staunenden Besucher liegt ein Druck aus der „Flowers“-Serie des amerikanischen Pop-Art-Superstars. Da ist man doch sehr schnell sehr beeindruckt.

Die Gemälde hängen senkrecht. Hier unter anderem Werke von Max Beckmann und Piet Mondrian.
Die Gemälde hängen senkrecht. Hier unter anderem Werke von Max Beckmann und Piet Mondrian.

Im nächsten Raum sind die Regale nicht waagrecht, sondern senkrecht angeordnet. Mitten im Zimmer steht Ernst-Ludwig Kirchners „Das Urteil des Paris“. Eines der wichtigsten expressionistischen Werke im Besitz des Museums. Und eines, das als Raubkunst identifiziert wurde und deshalb eigentlich restituiert werden sollte. Doch zum Glück für Ludwigshafen und das Museum kam es anders. Das Bild, das auf der Rückseite die „Badenden auf Fehmarn“ zeigt und das kurz vor dem Ersten Weltkrieg entstand, blieb im Museum. Weil man sich mit den rechtmäßigen Erben einigen konnte. Und weil man eine Spendenaktion gestartet hatte, an der sich Privatleute ebenso beteiligt haben wie Unternehmen und öffentliche Institutionen. „Erna“, wie das Gemälde im Volksmund heißt, ist also der Stadt und dem Museum erhalten geblieben.

Verantwortlich für die Provenienzforschung im Wilhelm-Hack-Museum ist Anna Gürteler. Die Stelle werde finanziert durch das Deutsche Zentrum für Kulturverluste in Magdeburg, berichtet Zechlin. Gürteler hat einen Teil ihrer Aufgabe bereits erfolgreich erledigt. Alle Gemälde und Skulpturen aus dem Besitz des Museums wurden bereits untersucht. „Wir haben zwölf Werke in die Lost-Art-Datenbank eingestellt“, so Zechlin. Diese Datenbank dokumentiert sogenannte Raubkunst, also Werke, die meist jüdischen Besitzern während der NS-Diktatur unrechtmäßig entzogen wurden.

Ernst Ludwig Kirchners Bild „Das Urteil des Paris“ (hier ein Ausschnitt) sollte restituiert werden, konnte aber im Museum bleibe
Ernst Ludwig Kirchners Bild »Das Urteil des Paris« (hier ein Ausschnitt) sollte restituiert werden, konnte aber im Museum bleiben.

Im Hack-Huseum wird aktuell die grafische Sammlung auf mögliche Raubkunst untersucht. Für Zechlin ist diese Provenienzforschung eine Herzensangelegenheit, weshalb sein Museum anders als andere Einrichtungen auch schon sehr früh diesen Weg eingeschlagen habe. „Andere haben noch gar nicht angefangen“, berichtet er. Für Zechlin undenkbar. Für ihn ist die Restitution von Raubkunst eine moralische Verpflichtung. „Es geht um die Wiedergutmachung von begangenem Unrecht.“

Zum Glück keine weitere Quizfrage

Unterdessen verzichtet Baur im Depotraum mit den Gemälden auf eine weitere Quizfrage und zieht einfach eine der hohen Gitterwagen, die auf beiden Seiten Kunstwerke aufbewahren, heraus. Und man kommt aus dem Staunen nicht heraus. Da hängt dann ein Werk von Max Beckmann neben einem von Piet Mondrian und einem weiteren von Karl Schmidt-Rottluff. Die klassische Moderne auf engstem Raum – und von beträchtlichem Wert. Und die Bilder hängen hier einfach so rum? „Wir haben heute Morgen schon alle Alarmanlagen ausgeschaltet, bevor wir hier reingegangen sind“, beruhigt Zechlin. „Sonst wäre die Polizei schon längst da. Die brauchen keine sechs Minuten.“ Ein Problem hat er trotzdem mit seinem Depot. Es ist schlichtweg zu klein geworden. „Eigentlich ist unser Depot voll. Wir können zwar nichts ankaufen, weil die Mittel fehlen, bekommen aber viele Schenkungsangebote. Aber davon müssen wir auch viele ablehnen, weil sie einfach nicht zu unserer Sammlung passen.“

Museumsdirektor René Zechlin.
Museumsdirektor René Zechlin.

Für Ausstellungen stehen Zechlin pro Jahr 500.000 bis 600.000 Euro zur Verfügung. Hinzu kommen externe Mittel etwa von der BASF, die immer wieder große Ausstellungen im Hack-Museum unterstützt. Im unteren Bereich des Museums zeige man drei Ausstellungen pro Jahr, so Zechlin. „Hinzu kommen noch eine Sammlungspräsentation, drei Kabinettausstellungen sowie drei Ausstellungen in der Scharpf-Galerie, die ja auch zu uns gehört.“

Während gerade eine Schulklasse das Museum betritt, das für Kunstvermittlungskurse auch an Montagen öffnet, betreten wir das Labor von Restaurator Herbert Nolden. Hier herrscht eine konzentrierte Atmosphäre, braucht Nolden für seine Arbeit doch eine äußerst ruhige Hand.

Als wir den Raum betreten, steht er über ein mittelalterliches Tafelbild gebeugt. „Das Gemälde wurde großflächig übermalt“, erzählt Nolden. Diese Farbe, die da nicht hingehört, müsse er jetzt äußerst vorsichtig entfernen und danach die entstandenen Löcher wieder kitten. Eine extrem zeitaufwendige Arbeit, die sich schon über einige Jahre hinziehe, da er wegen zahlreicher anderer Aufgaben im Museum immer nur einige Wochen im Jahr darauf verwenden könne: „Sie können das nicht nebenbei machen, sondern müssen dann schon an der Arbeit dranbleiben können.“

Dieses Kunstwerk von Niki de Saint Phalle muss zum Museumsdoktor, also zum Restaurator, weil die weiße Farbe von dem Kunststoff
Dieses Kunstwerk von Niki de Saint Phalle muss zum Museumsdoktor, also zum Restaurator, weil die weiße Farbe von dem Kunststoff abbröckelt.

Doch nicht nur die Kunst des Mittelalters braucht „ärztliche“ Hilfe durch den Restaurator. Auch moderne Kunst kann schon mal schwächeln. Zum Beispiel eine Arbeit von Niki de Saint Phalle, die ebenfalls den Weg ins Labor gefunden hat. Die französisch-schweizerische Malerin und Bildhauerin, die vor allem durch ihre „Nana“-Figuren bekannt geworden ist, hat schon sehr früh mit Kunststoff gearbeitet. Und das ist das Problem. Darauf haftet die weiße Farbe nach einigen Jahrzehnten nicht mehr. Sie bröckelt ab und muss so ergänzt werden, dass das Kunstwerk in seinem Originalzustand erhalten bleibt.

Am Anfang stand ein Geschenk

Eröffnet wurde das Wilhelm-Hack-Museum im Jahr 1979. Auslöser für den Neubau, der heute die bedeutendste Sammlung moderner Kunst mit Werken zum Beispiel von Malewitsch, Mondrian, Kandinsky oder Warhol in Rheinland-Pfalz beherbergt, war eine Schenkung. 1971 vermachte der Kaufmann Wilhelm Hack Ludwigshafen seine Sammlung, die neben der klassischen Moderne auch mittelalterliche Kunst sowie den sogenannten „Gondorfer Fund“, einen Gräberfund aus der Völkerwanderungszeit, der in Gondorf an der Mosel ausgegraben worden war, umfasst.

Mit der Annahme dieser Sammlung verpflichtete sich die Stadt zum Bau eines Museums. 1972 wurde bundesweit ein Architekturwettbewerb ausgeschrieben, bei dem das Stuttgarter Büro Hagstotz und Kraft als Sieger ausgewählt worden war. Mit dem Bau wurde 1975 begonnen, am 28. April 1979 konnte das nach seinem wichtigsten Stifter benannte Wilhelm-Hack-Museum eröffnet werden. Auch dank der zweiten großen Schenkung an das Museum 1988 durch den Düsseldorfer Rechtsanwalt und Kunstmäzen Heinz Beck, die Grafiken und Multiples – also Werke, die in Serie hergestellt wurden – umfasst, besitzt das Museum heute über 10.000 Kunstwerke.

Anders als historische Museumsbauten, die man meist durch eine Art Portal betritt und bei denen die prachtvolle Architektur in Konkurrenz zu der ausgestellten Kunst tritt und diese mitunter sogar in den Hintergrund drängt, hält sich der Bau in Ludwigshafens Mitte gleichsam dezent im Hintergrund. Niederschwelligkeit wird großgeschrieben. Das Hack-Museum will Neugierde wecken, keinen Respekt einfordern. Es wurde viel Glas verbaut, auch, um zu demonstrieren: Wir sind offen für die Stadtgesellschaft, haben nichts zu verbergen. Was vielleicht sogar notwendig war, denn der Museumsbau für moderne Kunst stieß bei den Ludwigshafener Bürgerinnen und Bürger keineswegs nur auf ungeteilte Zustimmung.

Die Stadt Ludwigshafen muss sich immer wieder gegen ihr Image als Arbeiterstadt – die sie ja auch längst nicht mehr ist – wehren. Und dieses Image war nie als Lob gedacht, sondern vielmehr als Schmähung, nicht selten geäußert von der vermeintlich schöneren Schwester Mannheim jenseits des Rheins, wo man Ludwigshafen gerne als vieles – Schlechtes – wahrnimmt, bestimmt aber nicht als Stadt der Kultur. Doch genau dies ist Ludwigshafen trotz aller Probleme, aller Wunden und Narben eben auch.

Und dafür steht mitten im durchaus von sozialen und architektonischen Widersprüchen umtosten Zentrum ein Dreigestirn an Gebäuden mit dem Wilhelm-Hack-Museum als Herzstück. Da wäre einerseits der Pfalzbau aus dem Jahr 1968, andererseits die 1985 eröffnete Philharmonie, die Heimstätte der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz. Hinzuzählen müsste man unbedingt noch die auch nur eine kleine Wegstrecke entfernte großartige Stadtbibliothek, die mit einer ebenso funktionalen wie lichtdurchfluteten transparenten Architektur besticht.

Miró-Wand mit Lutherkirche.
Miró-Wand mit Lutherkirche.

Doch zurück zum Museum, das die anderen Gebäuden, wenn auch nicht überragt, so doch bestimmt überstrahlt. Und der Grund dafür heißt Joan Miró. Der 1893 geborene und 1983 gestorbene Grafiker, Maler und Bildhauer gehört zu den bekanntesten Vertretern der klassischen Moderne. Er hat zwar Ludwigshafen nie besucht, aber er hat der Stadt am Rhein sein in jeder Hinsicht größtes Werk geschenkt (also natürlich ist er dafür bezahlt worden): die Miró-Wand am Wilhelm-Hack-Museum.

Wahrzeichen eines bunten Ludwigshafens

Sie strahlt wirklich wie ein Fanal eines anderen, eines bunten Ludwigshafens in die unübersehbare und ja auch nicht zu leugnende Tristesse der Stadt. 7200 Fliesen hat der Keramiker Joan Gardy-Artigas für den katalanischen Künstler hergestellt, das Ergebnis ist 55 Meter breit und zehn Meter hoch. Ein Statement, im Vergleich zu dem der Mannheimer Wasserturm geradezu mickrig wirkt.

Wie Zechlin dieser Zeitung in einem früheren Interview berichtet hat, ist die Wand, die heute ein Wahrzeichen der Stadt ist, auf einen Fehler beim Planen des Museumsbaus zurückzuführen. Man hatte gemerkt, dass nicht genügend Platz für eine Klimaanlage vorgesehen war, weshalb die Wand an der Südostseite um vier Meter erhöht werden musste. Eben jene Wand, die dann 1980 von Miró auf so einzigartige Weise veredelt worden ist.

Zechlin sieht sein Museum trotz aller Probleme, welche Ludwigshafen habe, sehr gut vernetzt mit der Stadtgesellschaft. „Dabei hilft uns der Hack-Garten sehr. Viele Menschen sind über den Hack-Garten auch zum ersten Mal ins Museum gekommen.“ Natürlich weiß auch Zechlin, dass er in anderen Städten mit denselben Ausstellungen mehr Menschen ins Museum locken könnte. In Ludwigshafen sind es 20.000 bis 30.000 pro Jahr. „Das ist natürlich ein Problem des Standorts Ludwigshafen. Trotzdem bin ich jetzt zwölf Jahre hier. Hier hat man eine Aufgabe in der Stadt. Man ist kein Museum unter vielen, sondern hat eine besondere Verantwortung.“ Und wer kann schon von seinem Arbeitsplatz behaupten, dass dessen Außenwand ein echter Miró ist?

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