Saarbrücken RHEINPFALZ Plus Artikel Zweieinhalb Stunden Seelenfutter: Alice und ihr Demenz-Tanzkurs

Tanztrainerin Alice de Grazia bricht eine Lanze für Demenzkranke.
Tanztrainerin Alice de Grazia bricht eine Lanze für Demenzkranke.

Demenzkranke haben es nicht mehr drauf? Doch, findet Alice de Grazia. Und gibt mit einer Kollegin einen Tanzkurs für Betroffene. Warum Freud und Leid dicht beieinander liegen.

Wenn sie ihre Musik von früher hören, gehen sie voll ab, erzählt Alice de Grazia. Die Saarbrückerin leitet einen Tanznachmittag für Demenzkranke in Saarbrücken. Zusammen mit Jessica Beyhl sorgt sie dafür, dass die Leute für zweieinhalb Stunden wieder ein Lächeln auf den Lippen haben.

„Das ist wirklich ein Herzensprojekt von mir“, erzählt Alice de Grazia. Die Tanztrainerin macht Kurse für Kinder, Erwachsene – und seit 2018 auch für Leute, die gegen das Vergessen kämpfen. Jeden ersten Dienstag im Monat schwingt sie mit den Teilnehmern in der Tanzschule Bootz-Ohlmann in der Europaallee das Tanzbein. Zwischen 12 und 30 Leute kommen dann immer so in etwa.

Manchmal wird die Tanzlehrerin sogar belehrt

Wenn man aber denkt, die Demenzkranken kriegen das nicht mehr so gut hin, täuscht man sich. „Die sind schon pfiffig“, erzählt Alice de Grazia lachend. „Wenn die Leute dann immer damit kommen: ’Die vergessen doch alles’, dann werde ich schon wie so eine Löwenmutter und verteidige das Ganze. Dann sag ich immer: ’Was denkt ihr denn von den Leuten? Die vergessen das nicht!’“

Es kann sogar auch vorkommen, dass die Trainerin selbst belehrt wird. „Die stehen teilweise dann da, wenn ich mit ihnen tanze, und sagen: ’Aber Alice, beim letzten Mal haben wir das anders gemacht.’ Die sagen mir auch, wenn ich mich vertanze“, schwärmt die Tanzlehrerin.

Die Teilnehmer sind zwischen 50 und weit über 80

Die Leute, die zum Tanznachmittag kommen, sind teilweise auch über 80. Aber auch Leute ab 50 kommen. Die Krankheit Demenz ist ein immer größeres Problem. Sie kann jeden treffen. 1,8 Millionen Menschen leben in Deutschland mit Demenz. Jeden Tag erkranken 900 Leute neu daran. Allein 2021 seien rund 440.000 Menschen an Demenz erkrankt, schreibt die Deutsche Alzheimer Gesellschaft.

Schwierig findet die 40-Jährige es aber nicht, den Demenzkranken die Schritte zu vermitteln. Auch ein oder zwei Demenzhelfer sind immer mit am Start.

Dass der Tanznachmittag nur einmal im Monat stattfindet, findet de Grazia selbst „nicht gerade viel.“ Dafür ist der Tanzkurs kostenlos. „Wenn sie dann zu uns kommen, gibt’s auch immer schön Kaffee und Kuchen. Und dann machen wir die Tanzrunden. Aber eben so, wie es bei ihnen passt“, sagt die Saarbrückerin. Es gibt Tanzrunden im Stehen, aber auch im Sitzen. Je nach Verfassung, Koordination und Fitness der Teilnehmer. Paartänze stehen auch auf dem Programm.

Die Idee zum Tanzkurs hatten die Malteser

„Das klappt eigentlich sehr gut und ist eine tolle Mischung. Das macht auch superviel Spaß. Es ist immer wieder eine Freude, mit denen was zu machen“, schwärmt Alice de Grazia. Das beruht auf Gegenseitigkeit – die Teilnehmer sind „immer hellauf begeistert“. Jedes Mal bedanken sie sich bei den beiden, „und sagen, sie freuen sich schon aufs nächste Mal.“ Klingt nach einem Stück Seelenfutter für beide Seiten.

Wie ist sie darauf gekommen, so etwas auf die Beine zu stellen? Der Malteser Hilfsdienst e. V., eine katholische Hilfsorganisation, ist auf die beiden Tanzlehrerinnen zugekommen. „Dann haben wir drüber gesprochen, wie das so ablaufen könnte. Dann kam aber irgendwann Corona, und wir mussten pausieren. Und, so schlimm wie es ist – natürlich sind auch in dieser Zeit einige von den damaligen Tänzerinnen und Tänzern verstorben.“ Mit solchen traurigen Situationen „muss man auch klarkommen.“

Da Demenzkranke zum Tanznachmittag gehen, sind die beiden Trainerinnen mehr als nur Lehrerinnen. Sie müssen auch Empathie und pädagogisches Geschick mitbringen. Ein Teilnehmer sei in kurzer Zeit sehr aggressiv geworden, erzählt de Grazia. Schließlich gibt es verschiedene Formen der Krankheit.

Zur Musik ihrer Jugend in Erinnerungen schwelgen

„Bei manchen dauert es, bei anderen geht es aber auch sehr, sehr schnell“, sagt die Saarbrückerin. Eine Spur Traurigkeit hat sich ihrer Stimme beigemischt. Das Schöne überwiegt für sie aber. Denn: „Man ist für die Leute da, man bietet ihnen noch mal einen schönen Mittag – so wie früher. Das verbinden die Leute immer mit was sehr Schönem.“

Läuft dann auch die Musik ihrer Jugend? „Ja, das ist dann Schlager“, berichtet de Grazia. „Da merkt man, wie sie noch mal in Erinnerungen schwelgen“, freut sich die Tanztrainerin. Dazu wird dann Walzer, Tango oder Rumba getanzt. Ihre Kursteilnehmer schickt sie durchs Tanzen wieder auf eine Reise zum früheren Ich. Aber auch mal was Moderneres steht auf der Playlist. Etwa von Florian Silbereisens Schlagerband Klubbb3.

Auch andere Instrumente kommen ab und an zum Einsatz – etwa beim Sirtaki. Aber: „Da haben sie auch danach gefragt.“ Manchmal kommen dann auch ganz neue Tanz- und Musikstile dabei raus. Die Teilnehmer haben, obwohl sie gegen das Vergessen kämpfen, eben immer neue Ideen im Kopf.

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