Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Interview: Das erste demenzsensible Konzert bei der Staatsphilharmonie

„Die Musik ist ein großer Schatz“, sagt Miriam Tressel von der Staatsphilharmonie.
»Die Musik ist ein großer Schatz«, sagt Miriam Tressel von der Staatsphilharmonie.

Zum ersten Mal veranstaltet die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz in Ludwigshafen ein Konzert für Menschen mit Demenz und ihre pflegenden Angehörigen. Im Gespräch mit Nicole Sperk erklärt Miriam Tressel, was es damit auf sich hat.

Frau Tressel, der Titel Ihres Konzerts lautet „Musik – Unvergessen“. Wie ist das zu verstehen?
Durch Musik können bei Menschen mit demenziellen Erkrankungen Erinnerungen abgerufen werden. Erfahrungen, die ein Mensch in frühester Kindheit und Jugend mit Musik gemacht hat, werden bis ins hohe Alter gespeichert. Selbst Menschen, die sich ihrer Umgebung kaum mitteilen können, öffnen sich durch die Musik. Wie faszinierend das ist, erlebe ich selbst bei meinem an Demenz erkrankten Vater, der ganz nah bei sich ist, wenn wir zusammen alte Volkslieder singen – in den höchsten Tönen und mit viel Freude.

Wie wurde aus diesen Erfahrungen ein Projekt für die Staatsphilharmonie?
Wir haben in der Corona-Zeit begonnen, den Zusammenhang zwischen Musik und Gesundheit zu beleuchten. Die Musik ist ein großer Schatz, mit ihr kann man so viel erreichen. Was genau im Gehirn passiert, auf welchen Arealen die musikalischen Erinnerungen gespeichert sind – das ist auch etwas, womit sich Wissenschaftler beschäftigen. Es ist unser Auftrag, Musik zu allen Menschen zu bringen. Das geschieht natürlich durch große Sinfoniekonzerte – aber auch durch Formate, die besonders nah bei den Menschen sind.

War das Orchester gleich aufgeschlossen dafür?
Ja, sehr. Das Interesse war sehr groß, als wir intern ein Kompetenzteam für die demenzsensiblen Konzerte gebildet haben. Wir wurden zum Beispiel darin geschult, wie man mit Erkrankten spricht und wie dieses Konzert für alle zu einem angenehmen Erlebnis wird.

Was ist genau geplant?
Ein Quintett, eine Sängerin und ein Moderator werden das Programm gestalten. Es besteht aus bekannten Stücken wie dem „Nussknacker“-Marsch und Liedern zum Mitsingen. Dazu wird es Übungen zur Sturzprävention geben, die als Anreiz für die weitere Beschäftigung mit Musik im häuslichen Umfeld dienen sollen. Nach dem Gespräch können die Angehörigen bei einem Kaffeekränzchen ins Gespräch kommen und sich in einer Ausstellung über Hilfsangebote von verschiedenen Einrichtungen informieren. Pflegende Angehörige kümmern sich oft bis zur Erschöpfung und darüber hinaus. Ihnen möchten wir einen Tag bieten, an dem sie ganz sorgenfrei sein können.

Was heißt das?
Das beginnt bei der Parkplatzsuche – in Absprache mit der Stadtverwaltung können wir den Besuchern an diesem Tag Parkplätze an der Philharmonie reservieren. Es wird einen Raum geben, in den man sich bei Bedarf zurückziehen kann – so muss man sich keine Sorgen machen, wenn es beim demenziell erkrankten Partner ein Problem mit Inkontinenz gibt. Diese Menschen leisten so viel – bei uns sollen sie sich einfach wohlfühlen können.

Wie ist die Resonanz?
Das erste Konzert am 24. Februar ist ausgebucht. Allerdings haben wir, um den geschützten Rahmen bieten zu können, auch nur eine beschränkte Anzahl an Karten ausgegeben. Mich überrascht die große Nachfrage nicht. Allein in Rheinland-Pfalz leben schätzungsweise 84.000 demenziell erkrankte Menschen. Zwei Drittel von ihnen werden im häuslichen Umfeld gepflegt. Damit sind 6 bis 7 Prozent der Bevölkerung direkt oder indirekt von Demenz betroffen.

Wird es weitere Angebote dieser Art geben?
Ja, wir planen die nächsten Konzerte dieser Reihe für den 22. Juni und den 21. September. Dafür gibt es auch noch Karten. Das Angebot möchten wir dann gerne regelmäßig machen.

Zur Person

Miriam Tressel, 47, ist seit 2019 die Assistentin des Staatsphilharmonie-Intendanten Beat Fehlmann. Sie lebt mit ihrem Mann im württembergischen Herrenberg.

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