Otterstadt Der Trompeter Jochen Keller betreut für die Staatsphilharmonie die Seite „Junge Klassik“
Als Jochen Keller 2006 die erste Webseite für Kinder ins Leben rief, damals noch unter dem Titel „Listen to our Future“, freute er sich über die Möglichkeit, ein Instrumenten-Puzzle anklicken zu können. „Und das war schon weit gedacht“, sagt er und lacht bei der Erinnerung an die ersten digitalen Gehversuche. Inzwischen hat er gemeinsam mit dem Gestalter Uwe Stanzl, der wie er in Otterstadt lebt, die Seite stetig weiterentwickelt. Heute kann man auf junge-klassik.de, wie das Projekt inzwischen heißt, sein Wissen über Instrumente testen, sich in die Geschichte der klassischen Musik vertiefen und erfahren, warum ein Orchester einen Dirigenten braucht.
Der Seite eine zeitgemäße Optik zu verpassen, sie technisch auf den neuesten Stand zu bringen und sie für die Ansicht auf mobilen Geräten zu optimieren – all das hatte Jochen Keller schon vor der Corona-Krise geplant. Jetzt, hofft er, wird das Interesse der Familien in der Zeit der geschlossenen Schulen besonders groß sein. Geplant ist zum Beispiel ein virtueller Rundgang durch die Philharmonie in der Ludwigshafener Heinigstraße. Er merke schon jetzt, dass die Zugriffszahlen steigen.
Die nonverbale Kommunikation
Seit 25 Jahren gehört Jochen Keller dem Ludwigshafener Orchester an. Neben seinem Beruf als Trompeter hat er sich schon lange – selbst mit fast kindlicher Begeisterung – um Kindervermittlung gekümmert, auch mit einem eigenen Jazzensemble, dem Jochen Keller Kwartett. Neu ist, dass er für zwei Jahre freigestellt wird und im Auftrag des Ministeriums in Mainz Fortbildungen für Lehrer entwickeln soll, die ihren Schülern das Thema Orchester näherbringen möchten – und zwar nicht nur die Staatsphilharmonie. „Die Idee ist, dass Lehrer aus Trier, Mainz oder Kaiserslautern vor Ort ihre Orchester besuchen“, sagt er.
Wenn Kinder oder auch Erwachsene den 53-Jährigen fragen, was so spannend ist an klassischer Musik, dann gibt er eine überraschende Antwort. „Ein Orchester und eine Fußballmannschaft haben ganz viel miteinander zu tun“, sagt er. „Bei beiden gibt es einen Trainer oder Spielführer, einen Dresscode und jeder hat seine Position“, sagt er. „Wichtig ist, dass jeder Einzelne gut ist. Aber am Ende muss das Gruppenergebnis stimmen. Bei einem Orchester ist immer das Entscheidende, wie gut es zusammenspielt, wie man in der Gruppe agiert. Jeder muss sich einbringen, und jeder muss sich auch zurücknehmen können.“ Und: Es gebe eine eigene, nonverbale Kommunikation.
Etwas für die Zielgruppe Kinder zu entwickeln – oder für Lehrer, die es an Kinder weitergeben sollen –, ist für Keller eine besondere Herausforderung. „Wenn die Geschichte stimmt, wenn die Sprache stimmt, dann kann man Sachthemen so super kindgerecht darstellen, dass sie für jedes Alter funktionieren“, sagt er, „ganz niederschwellig, aber nicht flach.“ Sein großes Vorbild sei die „Sendung mit der Maus“. Ob seine eigenen Ideen funktionieren, konnte der dreifache Vater früher immer an seinen eigenen Kindern erproben – inzwischen sind die 18, 20 und 22 Jahre alt.
Mehr als nur Konzerte spielen
Dass die Staatsphilharmonie im Moment geschlossen ist und keine Konzerte geben kann, ist für Jochen Keller nicht so schlimm. „Für mich bietet es sich gerade an, im Homeoffice zu arbeiten“, sagt er. Denn zum ersten Mal seit Jahrzehnten ist das Trompetespielen für ihn nur Freizeitbeschäftigung und nicht Beruf. Bevor er 1995 zur Staatsphilharmonie kam, war er bei Orchestern in Flensburg und Lübeck beschäftigt und hat in Hamburg freiberuflich in Musical-Orchestern gespielt und war oft für das „Phantom der Oper“ im Einsatz. Eines könne man in der jetzigen Situation aber auch zeigen: „Ein Orchester“, sagt Jochen Keller, „hat viel mehr Möglichkeiten, als nur Konzerte zu spielen.“