Meinung RHEINPFALZ Plus Artikel Digitalisierung: Ältere werden zu oft vergessen

Nur wer sich sicher im Umgang mit dem Internet fühlt, kann dessen Vorteile für sich nutzen.
Nur wer sich sicher im Umgang mit dem Internet fühlt, kann dessen Vorteile für sich nutzen.

Digitale Technik könnte gerade Älteren helfen. Doch immer noch fühlen sich zu viele überfordert und abgehängt. Ändert sich das nicht, wächst die Spaltung der Gesellschaft.

Bahntickets kaufen, Termine im Bürgerbüro oder beim Arzt vereinbaren, Kontoauszüge einsehen, den Wetterbericht abrufen: Viele Dienstleistungen und Informationen sind ohne Zugang zum Internet nicht oder nur noch mit deutlich mehr Aufwand verfügbar. Die fortschreitende Digitalisierung verändert unseren Alltag, unsere Art zu konsumieren, uns zu informieren und miteinander zu kommunizieren. Das kann man schlecht finden. Umkehren wird sich diese Entwicklung nicht. Im Gegenteil: Es ist davon auszugehen, dass die Digitalisierung, etwa im Gesundheitsbereich, noch an Fahrt aufnimmt.

Umso wichtiger ist es, dass möglichst viele in der Lage sind, die Vorteile des weltweiten Netzes und der digitalen Angebote für sich in Anspruch zu nehmen. Aber auch Risiken zu erkennen und dahinterliegende Mechanismen sowie Möglichkeiten der Manipulation zu durchschauen. Kurz: Es braucht mündige Nutzer.

Doch davon sind wir in Deutschland noch weit entfernt. Nur rund die Hälfte aller Bürger beherrscht den sicheren Umgang mit Passwörtern oder traut sich zu, verdächtige E-Mails zu erkennen. Besonders schwach ausgeprägt sind solche digitalen Basiskompetenzen bei Personen mit geringer Bildung und niedrigem Einkommen. Und bei der wachsenden Bevölkerungsgruppe der Älteren. Studien zeigen, dass in den letzten Jahren zwar immer mehr Senioren das Internet nutzen. Die digitale Kluft zwischen Jüngeren und Älteren ist jedoch weiter groß. Während in der Phase rund um den Ruhestand der Anteil derer mit Zugang zum Web mittlerweile hoch ist, sind Personen ab Mitte 70 immer noch wesentlich seltener online. Mit dem Alter steigen Ängste und Unsicherheiten. Angesichts dieser Entwicklung warnen Experten vor einer digitalen Spaltung.

Dass die ältere Generation durchaus offen ist für neue Technologien, zeigt eine vergangene Woche veröffentlichte Studie im Auftrag des Digitalverbands Bitkom. 81 Prozent der Befragten im Alter ab 65 Jahren sehen die Digitalisierung als Chance. Allerdings wünschen sie sich deutlich mehr Unterstützung, etwa durch Hilfetelefone oder kostenlose Kurse. Sie fordern vom Staat mehr Anstrengungen, damit niemand digital abgehängt wird. Es sei politisches Ziel, dass digitale Teilhabe keine Frage des Alters ist, betonte Seniorenministerin Karin Prien (CDU) bei der Präsentation der Bitkom-Studie.

Bei Problemen oft sich selbst überlassen

Doch da gibt es noch viel Luft nach oben. Die für den Altersbericht der Bundesregierung verantwortliche Kommission hat bereits 2020 Bildungsangebote gefordert, die nicht nur Senioren selbst fit fürs Netz machen, sondern auch Mitarbeiter in Gesundheit und Pflege, bei Handel, Banken und anderen Berufsgruppen für deren Belange sensibilisieren. Die Digitalisierung kann für mehr Selbstständigkeit im Alter sorgen. Smart-Home-Technologien, mit denen sich Brandschutz, Türöffnung und Beleuchtung, aber auch Sturzerkennung steuern lassen, können für zusätzliche Sicherheit sorgen. Saugroboter helfen im Haushalt, Hörgeräte lassen sich per App individuell anpassen. Neben den Anschaffungskosten schreckt aber gerade ältere Nutzer mangelnde Beratung ab. Geräte sind oft zu wenig bedienerfreundlich und selbsterklärend, bei Problemen mit der Technik ist man schnell sich selbst überlassen.

Digitale Angebote können Wege aus der im Alter zunehmenden Vereinzelung bieten. Der Enkel im hohen Norden führt sein Legokunstwerk per Videoanruf vor, die Freundin schickt Urlaubsfotos per WhatsApp, in Foren tauschen Gleichgesinnte sich über ihr Hobby aus. Wer noch mobil ist, findet möglicherweise über Nachbarschaftsportale neuen Anschluss. Auch bei Pflege und Gesundheit können digitale Anwendungen die Versorgung verbessern und – angesichts des wachsenden Personalmangels – Mitarbeiter entlasten.

Um die Chancen des digitalen Wandels für Senioren zu nutzen, braucht es aber noch mehr gezielte Forschung und Innovation sowie Firmen, die nicht nur das Potenzial dieses Markts erkennen, sondern auch Verantwortung tragen für einen einfachen, sicheren Zugang. Und es braucht Politik, die auf öffentliche Bekenntnisse Taten folgen lässt. Sie muss für einen klaren rechtlichen und ethischen Rahmen, Datensicherheit sowie Verbraucherschutz sorgen. Denn die ältere Generation beim digitalen Wandel mitzunehmen, sie für einen souveränen Umgang damit zu stärken, ist kein Akt des guten Willens oder klingt nett in Sonntagsreden. Es ist schlicht gesellschaftliche Notwendigkeit.

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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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