Digitalisierung RHEINPFALZ Plus Artikel WhatsApp und Google: Wie Senioren das Netz nutzen

Ü70-Youtuberin: Helga Handke ist eine von über 700 Digitalbotschaftern in Rheinland-Pfalz.
Ü70-Youtuberin: Helga Handke ist eine von über 700 Digitalbotschaftern in Rheinland-Pfalz.

Offliner oder leichtes Opfer für Kriminelle: Beim Thema „Senioren im Netz“ gibt es viele Vorurteile. Wir schauen genauer hin. Was ist dran an den Klischees?

Wie fotografiere ich mit dem Smartphone, wo lädt man eine App runter, was kann die KI, und welche Vorteile hat es, die Zeitung im Netz zu lesen? Wenn Helga Handke ein neues Video auf der Plattform Youtube veröffentlicht, spricht sie meist über Alltagsfragen wie diese. Die 73-jährige Mainzerin ist eine von über 700 Digitalbotschafterinnen und Digitalbotschaftern in Rheinland-Pfalz. Das Besondere: Neben persönlicher Beratung bietet sie seit sechs Jahren auch online Unterstützung an. „Helga hilft“ heißt ihre Videoserie, die wenige Minuten langen Beiträge entstehen etwa viermal pro Jahr in Kooperation mit dem Offenen Kanal Mainz und der Medienanstalt Rheinland-Pfalz. Handkes Neugier und Begeisterung im Umgang mit Smartphone und Tablet sind ansteckend, ihre Erklärung so praxisnah, dass auch Einsteiger in fortgeschrittenem Alter folgen können. „Einfach ausprobieren“, ist das Motto der Rentnerin, die sich selbst als Laie in Sachen Technik bezeichnet. „Wenn ich Auto fahre, muss ich doch auch nicht wissen, wie der Motor funktioniert“, begründet sie ihre unerschrockene Herangehensweise.

Die Empfindung, „das ist mir zu kompliziert“, gepaart mit der Angst, sich nicht ausreichend auszukennen und etwas falsch zu machen, ist – quer durch die Altersgruppen – einer der Hauptgründe, warum Menschen das Internet nicht nutzen. Das geht aus dem aktuellen Digital-Index der Initiative D21 hervor. Er liefert seit 2013 ein jährliches Lagebild und will dazu beitragen, Bürger für den digitalen Wandel zu stärken. Etwa zehn Millionen Menschen in Deutschland nehmen demnach immer noch kaum am digitalen Leben teil, 2,8 Millionen waren noch nie im Internet. Der Anteil der Offliner steigt mit dem Alter. Bei den über 80-Jährigen ist mehr als jeder Dritte nicht im Netz unterwegs – aus vielfältigen Gründen.

Gesellschaftlicher Sprengstoff

„Die ältere Generation tut sich oft schwer mit den Eigenlogiken des Digitalen“, erklärt die Politikwissenschaftlerin Jeanette Hofmann einen zentralen Aspekt. Sie leitet am Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft in Berlin das Forschungsprogramm „Die Entwicklung der Digitalen Gesellschaft“. Der Umgang mit Online-Kommunikationsdiensten ähnele dem Erlernen einer Sprache, sagt Hofmann. „Der Zeitaufwand steigt mit dem Alter, während Kinder spielend lernen. Wenn man nicht beständig am Ball bleibt, wird man vom Entwicklungstempo abgehängt.“ Ältere Menschen sowie Personen mit geringer Bildung oder niedrigem Einkommen brauchen Unterstützung, um mit dem digitalen Wandel mitzuhalten und davon zu profitieren, konstatiert auch der Digital-Index. Diese Gesellschaftsgruppen blicken sehr häufig skeptisch bis ablehnend auf die Entwicklung. „Gelingt es nicht, sie mitzunehmen, droht die Kluft in der Digitalen Gesellschaft weiter zu wachsen“, warnen die Autoren.

Projekte wie die 2018 in Rheinland-Pfalz ins Leben gerufenen Digitalbotschafter setzen genau hier an. Über 700 Ehrenamtliche bieten inzwischen landesweit kostenlose Kurse und Einzelberatungen. Viele von ihnen sind wie Helga Handke selbst bereits im Rentenalter. Sie wissen also genau, wo es beim Umgang mit dem Smartphone hakt und welche Anwendungen für Senioren wirklich hilfreich sind, erklärt Fabian Geib. Bei der Medienanstalt Rheinland-Pfalz ist er für die Digitalbotschafter verantwortlich.

Fast jeder nutzt WhatsApp

Kommunikation mit Freunden und Kontakt halten mit der Familie steht für die ältere Generation als Motivation zur Mediennutzung ganz oben – angetrieben auch durch die Einschränkungen in der Corona-Pandemie. So verwundert es kaum, dass der Beitrag „Mit WhatsApp Nachrichten und Bilder verschicken“ mit fast 40.000 Aufrufen ein Quotenhit in der Reihe „Helga hilft“ ist. Der Kurznachrichtendienst des US-Konzerns Meta ist bei über 60-Jährigen mit weitem Abstand die meistgenutzte App.

Ein zweiter wichtiger Aspekt ist der Zugang zu Informationen im Web. Suchmaschinen und Nachrichtenportale stehen bei Senioren ebenfalls hoch im Kurs. Mehr als die Hälfte der über 60-Jährigen nutzt sie laut SIM-Studie täglich. Die vom Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest und der katholischen Hochschule Freiburg veröffentlichte bundesweite Erhebung zu „Senior*innen, Information, Medien“ (SIM) untersucht die Mediennutzung, -ausstattung und -kompetenz sowie das tägliche Informationsverhalten von Menschen ab 60 Jahren. Nach gängiger Definition, etwa der Vereinten Nationen, gilt man ab diesem Alter als Senior. Im Online-Marketing werden bereits kaufkräftige Internetnutzer ab 50 Jahren als „Silver Surfer“ bezeichnet.

Opa ist online: Mit der Familie in Kontakt bleiben und im Netz nach Informationen suchen, das ist älteren Nutzern wichtig.
Opa ist online: Mit der Familie in Kontakt bleiben und im Netz nach Informationen suchen, das ist älteren Nutzern wichtig.

Die Unterschiede innerhalb der älteren Generation sind jedoch laut SIM-Studie deutlich. Bei den 60- bis 69-Jährigen, die ja häufig bereits berufsbedingt Umgang mit digitalen Medien haben, besitzen rund 90 Prozent Smartphone und Computer, bei den 70- bis 79-Jährigen sind es immer noch 85 Prozent der Haushalte. Im Vergleich zur ersten SIM-Studie von 2021 holen gerade Personen über 80 Jahren deutlich auf. Rund 60 Prozent der Hochbetagten sind mittlerweile mit internetfähigen Geräten ausgestattet. Dass der Anteil hier im Vergleich zu anderen Altersgruppen schneller wächst, liegt auf der Hand. Seit knapp 15 Jahren sind Smartphones ein Massenprodukt, erwachsene Besitzer sind inzwischen eben auch nach und nach im Rentenalter.

13 Stunden pro Woche im Netz

Knapp drei Viertel aller Befragten über 60 nutzen nahezu täglich ein Smartphone, rund die Hälfte sogar mehrmals am Tag. Die Altersgruppen unterscheiden sich hier nur um wenige Prozentpunkte. Wer ein Smartphone hat, nutzt es. Bei der Frage, auf welches Gerät man am wenigsten verzichten kann, liegt das internetfähige Mobiltelefon bei den jüngeren Senioren sogar deutlich vor dem immer noch nahezu flächendeckend verbreiteten Fernseher. Entsprechend hoch ist bei den 60- bis 69-Jährigen die Häufigkeit der Internetnutzung. Nur vier Prozent geben in der repräsentativen SIM-Studie an, nie online zu sein. Bei den Befragten ab 80 Jahren sind es 38 Prozent. Im Schnitt surfen junge Ältere wöchentlich 13 Stunden im Netz, über 80 Jahren liegt die Nutzungsdauer bei durchschnittlich vier Stunden.

Das bevorzugte Medium wählen Senioren laut Studie je nach Thema. Über das Weltgeschehen informieren sie sich mehrheitlich im Fernsehen, für regionale Nachrichten ist die Zeitung erste Wahl. Bei Gesundheitsthemen ist dagegen für jeden Zweiten bereits das Netz die wichtigste Quelle. Eine Entwicklung, die in der Forschung ambivalent eingeschätzt wird. Denn die digitalen Kompetenzen steigen nicht in dem Maße, wie die Nutzung der Medien zunimmt. So fällt es beispielsweise vielen schwer, Inhalte und Quellen kritisch zu bewerten, das Bewusstsein für Cybersicherheit ist wenig ausgeprägt. Und zwar quer durch die Altersgruppen.

Digitale Kompetenz fehlt

Hinter dem Ziel, dass bis 2030 mindestens 80 Prozent der EU-Bürger über digitale Basiskompetenzen bei der Onlinekommunikation, Informationsnutzung sowie beim Erstellen und Bearbeiten von Inhalten verfügen sollen, ist Deutschland meilenweit entfernt. Seit Jahren stagniert der Wert im Schnitt bei knapp 50 Prozent. Selbst in den jüngeren Generationen fehlen wichtige Kenntnisse. Ältere Personen sind sich ihrer Defizite jedoch häufig bewusster. Was beispielsweise Falschnachrichten angehe, seien Senioren sehr vorsichtig, ist die Erfahrung von Fabian Geib aus der Arbeit der Digitalbotschafter. „Sie hinterfragen Dinge eher, zum Teil auch aus Unsicherheit.“ Ganz unbegründet sind diese Ängste nicht: Fast jeder Fünfte der Über-69-Jährigen war laut einer Befragung des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik schon einmal von Cyberkriminalität betroffen.

Doch Senioren im Zusammenhang mit digitalen Medien nur als Opfer und Abgehängte darzustellen, greift nach Ansicht von Anna Sophie Kümpel zu kurz. Sie wünscht sich eine Debatte, die Vorteile gerade für Ältere stärker in den Blick nimmt. Die Professorin aus München leitet ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördertes Projekt, das noch bis Oktober untersucht, wie Menschen ab 60 Jahren soziale Medien und Messenger-Apps nutzen. Diese sind laut Kümpel mittlerweile auch für viele Senioren eine zentrale Informationsquelle und Orte des Austauschs über Interessensgebiete. Parteien, Organisationen und Medien sollten das aus Sicht der Forscherin stärker als bisher bei ihrer Online-Kommunikation mitdenken.

„Stille Beobachter“ auf Facebook

„Ältere Erwachsene sind keine völlig unbedarften Nutzer, sondern haben ein differenziertes und informiertes Verständnis der Plattformen“, widerspricht Kümpel weit verbreiteten Vorurteilen. Sie legen in Netzwerken wie Facebook allerdings großen Wert auf den Schutz ihrer Privatsphäre – und agieren deshalb häufig nur als „stille Beobachter“. Schulungsangebote sollten stärker auf Hintergrundwissen abzielen, etwa zum Verständnis von Algorithmen und Erkennen von künstlich generierten Inhalten, fordert Kümpel.

Bessere Benutzerfreundlichkeit und Unterstützung beim Erlernen und Anwenden von digitalen Fähigkeiten, das wünscht sich die große Mehrheit der über 65-Jährigen in einer gerade veröffentlichten Studie im Auftrag des Digitalverbands Bitkom. Die Befragten zeigen eine große Offenheit gegenüber neuen Technologien. Das Internet helfe ihnen, Freizeitaktivitäten zu planen, gedanklich fit und in Kontakt mit der Familie zu bleiben, sagen viele.

Vom Nutzen moderner Medien für Senioren ist auch Michael Doh, Professor für Digitale Transformation im Sozial- und Gesundheitswesen an der Katholischen Hochschule Freiburg überzeugt – ob zur Unterhaltung und Information, zur Kommunikation und sozialen Teilhabe oder zur Bewegungsförderung. In einem Forschungsprojekt, an dem die Stiftung Medienkompetenz Forum Südwest mit Sitz in Ludwigshafen beteiligt war, hat er gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen untersucht, wie Menschen im Betreuten Wohnen und in Pflegeheimen von Möglichkeiten der Digitalisierung profitieren können. Unter anderem wurden dabei digitale Bildungsangebote für Alteneinrichtungen entwickelt.

WLan im Altenheim? Fehlanzeige

Wie bei den Digitalbotschaftern geht es in dem Projekt unter anderem darum, dass Bewohner ehrenamtlich andere Senioren beim Umgang mit dem Internet unterstützen. Außerdem wurden Methodenkoffer für Pflegeeinrichtungen zusammengestellt. Mithilfe von Kartendiensten wie Google Earth können Hochbetagte zurück an den Ort ihrer Kindheit reisen, auf Spotify finden sie Musik aus der Jugend, in Videos auf Youtube hören sie den Dialekt der alten Heimat – Anregungen, mit denen insbesondere Demenzkranke gefördert werden können.

Eine der sogenannten Technikbegleiterinnen im Seniorenalter spricht in einem Erklärvideo begeistert von einem „neuen Lebensabschnitt in der digitalen Welt“. Offenheit und Interesse der Bewohner seien groß, sagt Projektleiter Doh. Die größte Hürde seien Personalmangel und unzureichende technische Ausstattung. Ein erster, wichtiger Schritt wäre aus seiner Sicht eine bundesweite gesetzliche Verpflichtung für freies WLan in allen Pflegeeinrichtungen, wie es sie derzeit etwa in Berlin und Nordrhein-Westfalen gibt. Denn Mitreden können in der digitalen Welt sollte keine Frage des Alters und der Wohnsituation sein. Das findet sicher auch Digitalbotschafterin Helga.

Info

Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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