Glosse
Zwischenrufe – das Salz in der Suppe einer Debatte
Zwischenrufe sind bei einer Bundestagsdebatte das Salz in der Suppe. Sie können einen Redner, der am Manuskript klebt, aus dem Konzept bringen, oder erregte Gemüter zu scharfen Antworten provozieren. Wer schlagfertig reagiert, kann sich Anerkennung verdienen. Doch auch Zwischenrufe unterliegen dem Zeitgeist. Sie wandeln sich wie die Mode und die Themen, die das Land beschäftigen. Biedere Ausdrücke wie „Strolch“ oder „Quatschkopf“, wie sie einst im Plenum zu hören waren, sind ausgestorben. Freilich wusste der legendäre SPD-Fraktionschef Herbert Wehner, wie man wirksam seine Gegner diskreditiert. 34 Jahre saß Wehner im Bundestag, in dieser Zeit kassierte er 77 Ordnungsrufe, ein einsamer Rekord. Den CDU-Abgeordneten Jürgen Todenhöfer nannte er „Hodentöter“ und bezeichnete dessen Kollegen Jürgen Wohlrabe als „Übelkrähe“.
Esken ist politisch korrekt
Ein Hauch der alten Zeit spürte man in der zurückliegenden Haushaltswoche bei der Rede von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD). Nicht jedem Abgeordneten war der Begriff „Glaskinn“ geläufig, mit dem Scholz das Beleidigtsein von CDU-Oppositionschef Friedrich Merz verspottete. Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge (39) bekannte, sie habe den Ausdruck erst mal googeln müssen. CSU-Abgeordnete Dorothee Bär tadelte Scholzens Stichelei gegen Merz übrigens mit dem zeitgemäßen Zwischenruf „Völlig von der Rolle!“ So wie SPD-Chefin Saskia Esken die AfD-Fraktionschefin Alice Weidel während ihrer Schimpftirade auf die Regierung politisch korrekt nicht mit Kübeln von Mist bewarf, sondern ihr empfahl: „Sie sollten Kinderbuchautorin werden!“
Baldy: „Geh nach Hause!“
Eine eher ungewöhnliche Rüge handelte sich im vorigen Mai der in Mainz lebende rheinland-pfälzische SPD-Abgeordnete und Gymnasiallehrer Daniel Baldy ein. Im Jargon der Straße rief der 29-Jährige dem Abgeordneten Robert Farle zu: „Alter, ey, nerv’ nicht mit deinem Gelaber! Also wirklich! Geh nach Hause!“ Baldy muss man zugute halten, dass Farle – einst DKP-, dann AfD-Mitglied, mittlerweile parteilos – eine völlig absurde Rede gehalten hatte, in der er den Grünen vorwarf, eine Partei zu sein, „die aus den USA gesteuert wird, um unsere Wirtschaft zu zerstören“.
Bundestagsvizepräsident und Sitzungsleiter Wolfgang Kubicki (FDP) erteilte Baldy einen Ordnungsruf für die Bemerkung „Alter“. Das sei Altersdiskriminierung. Und „Nerv’ nicht mit deinem Gelaber!“, sei des Hauses unwürdig, merkte Kubicki streng an. Jede Wette: Herbert Wehner hätte bei diesem Disput seinen Spaß gehabt.