Meinung Wohnungsnot: Neue Regierung muss „Bau-Turbo“ rasch zünden
Die Stimmung in der Baubranche hat sich etwas aufgehellt durch die Ankündigungen der künftigen Bundesregierung und ihren im Koalitionsvertrag fixierten Plänen zum Bauen. Bis allerdings auch die Lage besser werden kann, dauert es. Es fehlt zunehmend an Wohnraum in Deutschland. Das ist nicht überall der Fall, aber die Frage des Wohnens birgt sozialen Sprengstoff. In Ballungsräumen, an die oft wirtschaftsstarke Regionen angrenzen, die Speckgürtel, haben es viele Menschen schwer, die hohen Wohnkosten zu schultern oder überhaupt erst eine Wohnung zu finden, die sie sich leisten können. Forscher haben die Kosten des Wohnens zum akuten Armutsrisikofaktor ausgerufen.
Soziale Schieflage
Junge Familien oder ältere und nicht mit üppigen Renten ausgestattete Menschen suchen verzweifelt ein Haus oder eine Wohnung, die sie ohne Lottogewinn bezahlen können. Andererseits haben viele Eigentümer genug Geld, um es sich leisten zu können, bei Miete oder Kaufpreis so lange zu pokern, bis jemand ihre hohen Forderungen erfüllt. Die Schere zwischen Arm und Reich, zwischen Eigentümern von oft mehreren Immobilien und Mietern, die Mühe haben, die Kosten fürs Wohnen zu stemmen, geht immer weiter auf.
Neubauprogramme schnell umsetzen
Das Ziel von 400.000 Wohnungen, die die gescheiterte Ampelregierung im Bund jährlich neu bauen lassen wollte, um Druck vom Markt zu nehmen, war stets meilenweit entfernt. 2024 sank die Anzahl der Baugenehmigungen auf nur noch 216.000, für dieses Jahr erwarten manche Experten gar weniger als 200.000 neue Wohnungen. Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung hat nun analysiert, dass in Deutschland bis 2030 jedes Jahr „nur“ 320.000 neue Wohnungen gebraucht werden. Dabei haben die Experten auf den Bedarf vor allem in den Ballungsräumen verwiesen, allen voran München und Berlin, gefolgt von Frankfurt, Stuttgart und Hamburg. Klar ist: Die neue Bundesregierung muss ihre gerade verkündeten Neubauprogramme per „Wohnungsbau-Turbo“ auch tatsächlich umsetzen.
Bestand in alten Ortskernen sanieren
Auch die Gebäudesanierung in alten Ortskernen muss vorangetrieben werden. Dazu gehören schon laufende Bemühungen, Dorfzentren aufzumöbeln und zu beleben. Da zielt das noch von der alten Bundesregierung 2024 gestartete Programm „Jung kauft Alt“ in die richtige Richtung. Dabei werden Familien mit Kindern und „kleinen oder mittleren Einkommen“ mit zinsverbilligten Krediten unterstützt, wenn sie sanierungsbedürftige Gebäude kaufen, um sie zu renovieren und darin zu wohnen. Der Ansatz ist richtig. An den Konditionen, an den Einkommensgrenzen und am Umfang der Mittel, 350 Millionen Euro für 2024, muss noch kräftig nachjustiert werden, damit daraus echtes Wachstum entstehen kann. Da müssen die Anreize für Privatleute, sich intensiv um solche älteren Immobilien zu kümmern, deutlich verstärkt werden.
Es müssen von der neuen Bundesregierung, aber auch von den Ländern und den Kommunen, so sie denn auch dafür noch Geld aufbringen können, den vielen Worten rasch Taten folgen, den Mangel an Wohnraum zumindest merklich abzumildern. Ein bundesweiter Bau- und Sanierungsboom würde zudem der lahmenden Konjunktur in Deutschland immens helfen.
Hier lesen Sie einen ausführlichen Hintergrund zum Thema Wohnungsmarkt und Bauen.