Meinung
Der Tag danach: Wie geht es weiter nach der Fällung an der Uralt-Linden?
Wer hätte gedacht, dass fünf Bäume die Emotionen so hoch kochen lassen, wie das diese Woche wegen der fünf Linden an der Kaffeetreppe der Fall war? Mit schwerstem Gerät rückten die Arbeiter an. Es wirkte fast wie eine Theaterinszenierung, als erst die Männer mit der Säge und dann die Baumteile durch die Luft flogen, die Baumteile direkt in den Schlund des Häckslers schwebten.
An der Kaffeetreppe hätten noch Lautsprecher mit einer Oper von Richard Wagner installiert werden sollen, dann wäre es perfekt gewesen. Da haben die fünf Linden den Zweiten Weltkrieg überlebt, mit fast totaler Zerstörung des benachbarten Alten Rathauses, aber die Verkehrssicherungspflicht war jetzt stärker als jeder alliierter Bombenteppich. In wenigen Tagen, wenn das Gartenbauamt mit seiner Spezialfräse die Baumstümpfe verschwinden lässt, erinnert nichts mehr an die Baumgruppe.
Im Internet und sozialen Medien werden jetzt Fotos der abgesägten Stämme und Baumstümpfe rumgeschickt und diskutiert, ob so pilzkranke Bäume aussehen oder nicht. Solche Fotos werden im Übrigen auch öfter von Anwohnern an die Zeitung geschickt, wenn irgendwo in der Stadt – wie beispielsweise im Alten Friedhof – Bäume gefällt werden, die nach Meinung des Gartenbauamtes krank waren. Die Baumfällerei macht viele Pirmasenser wütend und lässt sie letztlich in einer Ohnmacht zurück.
Kritik scheint unerwünscht
Was bei den fünf Linden auffällt, ist die geschlossene Front der Regierungskoalition im Stadtrat, die sich wie eine Mauer hinter die Mitarbeiter des Garten- und Friedhofsamts stellt. Das ist erfreulich für die Verwaltung. Mit so einem Stadtrat lässt sich was machen. Bedenklich sind aber die Stimmen im Stadtrat, die von allen in der Stadt das Gleiche fordern und es unverschämt finden, wenn jemand etwas anderes sagt oder nur einen Hauch von Zweifel an der Version der Verwaltung äußert. Wer von CDU, FWB und FDP etwas anderes denkt, äußert das nur hinter doppelt vorgehaltener Hand. Ein öffentliches Bekenntnis pro Baum wäre das politische Todesurteil für den Betreffenden. Das lässt auf ein seltsames Verständnis von Debattenkultur schließen.
Was in den sozialen Medien auffällt: dass die Wellen schnell hochschlagen, viele setzen ein Herzchen, Daumen hoch und allerlei Emojis, und ganz schnell ist wieder Ruhe. Höchstens bei der nächsten Wahl wird fix das Kreuz bei einer mutmaßlichen Protestpartei gesetzt, aber auch nur, weil die Bäume in einer Ecke standen, wo nie ein Mensch auf die Idee käme, einen Parkplatz einzurichten. Was wohl auch der Grund war, warum das Quintett so lange unbehelligt blieb. Hätte die Verwaltung an der Stelle fünf Parkplätze angekündigt, wäre alles in Ordnung.
Wie wäre es mit einem Baumschutzverein?
Aber mehr als ein Raunen im Internet passiert jetzt auch wegen der Aktion an der Kaffeetreppe nicht. Dabei gäbe es für alle, die mit der Fällung der fünf Linden und dutzender, auch sehr alter Bäume im Alten Friedhof oder am Eisweiher, nicht einverstanden sind, eine Möglichkeit, etwas richtig Wirkungsvolles zu tun: Eine Bürgerinitiative oder ein Baumschutzverein würde in Zukunft etwas ändern. Zweitmeinungen könnten von anerkannten Experten bestellt werden, der Verein könnte sich für eine echte Stadtverwaldung statt Entwaldung einsetzen und, was am wichtigsten wäre: Es wäre eine Lobby vorhanden, die gegen die Folgen der unsäglichen Verkehrssicherungspflicht in Stadt und Wald vorgehen und auf eine Änderung der Gesetze drängen könnte.