Sportkolumne RHEINPFALZ Plus Artikel Sie wollen uns den Fußball rauben! Wie Infantino und Trump die WM-Vorfreude zerstören

Die Vorfreude erschlagen: US-Präsident Donald Trump (links) und Fifa-Chef Gianni Infantino.
Die Vorfreude erschlagen: US-Präsident Donald Trump (links) und Fifa-Chef Gianni Infantino.

In wenigen Tagen beginnt die Fußball-WM. Doch das alte Kribbeln vor dem Turnier ist weg. Vernichtet wurde die Vorfreude von Gianni Infantino und Donald Trump. Eine Wutrede.

Neulich, beim Anschauen der wundervollen TV-Dokumentation „Ein Sommer in Italien“ über den deutschen WM-Triumph 1990, flammte es wieder auf. Dieses selige Gefühl der Vorfreude auf eine Fußball-Weltmeisterschaft, das mich durch meine Jugend und mein junges Erwachsenenalter begleitet hat. Ein sanftes Kribbeln, das sich Wochen vor dem Eröffnungsspiel einstellte. Man blätterte in Sonderheften, tippte im Freundeskreis die Gruppenphase, berechnete den möglichen deutschen Weg ins Finale und glaubte ganz naiv an das Versprechen des Sports: dass hier die Besten der Welt in einem fairen, friedlichen Wettstreit zusammenkommen.

Diese Zeit ist vorbei. Die Vorfreude ist tot. Erschlagen von zwei Männern, die auf den ersten Blick wenig gemein haben, aber im Geiste Zwillinge sind: Gianni Infantino und Donald Trump. Sie wollen uns den Fußball, wie wir ihn liebengelernt haben, rauben!

Wenn in ein paar Tagen die gigantomanische XXL-WM in den USA, Kanada und Mexiko angepfiffen wird, schaut die Welt nicht auf ein Sportfest. Sie schaut auf das ultimative Monument des modernen Größenwahns.

Da ist Infantino. Der Fifa-Präsident, der sich längst als eine Mischung aus UN-Generalsekretär und absolutistischem Fußball-Herrscher geriert. Sein monströs peinlicher „Friedenspreis“ für Trump, verliehen während der WM-Auslosung, war der moralische Tiefpunkt in der an moralischen Tiefpunkten ohnehin reichen Geschichte des Weltverbands.

Absurde Aufblähung

Unter Infantinos Ägide hat die Fifa das Turnier auf absurde 48 Mannschaften aufgebläht. Mehr Spiele, mehr TV-Gelder, mehr Macht. Sportlich ist damit vor allem die Qualität der Vorrunde völlig verwässert worden, nur 16 Teams müssen nach der Gruppenphase nach Hause fliegen. Das dürfte mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit dazu führen, dass viele Außenseiter in der ersten Turnierphase den sprichwörtlichen Bus vor dem eigenen Strafraum parken werden, um sich durch glückliche Fügungen vielleicht doch irgendwie in die K.o.-Phase zu schmuggeln. Welche Auswirkungen dieser im WM-Modus angelegte Anreiz zur Defensive für das Niveau und den Unterhaltungswert zu WM-Beginn bedeuten wird, muss man niemandem erklären.

Infantinos Fußball ist kein Spiel mehr, sondern eine hyper-kapitalistische Melkkuh, die so lange gemolken wird, bis sie kollabiert. Die Romantik wurde endgültig aus den Stadien gefegt und durch katarische Wüstenträume und saudische Zukunftsvisionen ersetzt. Infantino lächelt dazu sein Teflon-Lächeln und erklärt uns, dass er den Fußball „globalisiere“. In Wahrheit zerstört er seine Seele. Dass die Spitze des deutschen Fußballverbandes DFB bei diesem entsetzlichen Treiben untätig an der Seitenlinie steht, statt Infantino zumindest hier und da einmal an die Werte des Sports zu erinnern, macht fassungslos.

Trumps Ego-Show

Und dann ist da der Gastgeber im Weißen Haus. US-Präsident Donald Trump wird dieses Turnier nutzen, wie er alles nutzt: als gigantische Kulisse für seine eigene Ego-Show. Eine WM im Land des „America First“, regiert von einem Mann, der Spaltung zum Prinzip erhoben und die Demokratie zum Abschuss freigegeben hat. Man muss sich das Szenario vorstellen: Der mächtigste Populist der Welt sonnt sich im Glanz des WM-Finales, während Infantino neben ihm applaudiert. Zwei Meister der Inszenierung, die Wahrheit und Werte nur als Verhandlungsmasse betrachten.

Schon jetzt Probleme bei der Einreise

Die Vorboten des drohenden Unheils, das uns in den kommenden sechs Wochen bevorsteht, sind bereits jetzt erkennbar. Noch verstecken sie sich in kleineren Nachrichten. Teilnehmer wie Iran, Südafrika oder die Schweiz klagen über Probleme mit der Genehmigung von Visa für die USA – wenn erst einmal die Fans aus aller Welt anreisen, dürfte es bei den scharfen Grenzkontrollen an den amerikanischen Flughäfen noch zu allerhand unschönen Episoden kommen. Und wer kann eigentlich garantieren, dass Trump im Falle von Protesten gegen sein Regime während des Turniers nicht wieder die Schergen seiner Schläger- und Mördertruppe ICE in die Gastgeberstädte entsendet?

Wie soll man sich auf Spiele freuen, die in dieser toxischen Atmosphäre aus Gier, politischem Narzissmus und möglicherweise Gewalt stattfinden? Wie soll der Ball unbeschwert rollen, wenn jeder Pass von der Gewissheit begleitet wird, dass am Ende nur die Taschen der Funktionäre und das Ego eines Autokraten gefüllt werden? Wenn das Ticket für ein gewöhnliches Vorrundenspiel so viel kostet wie eine Woche Urlaub auf Mallorca? Viele Mitbürger im Land haben es offensichtlich satt: Laut dem Marktforschungsinstitut YouGov freuen sich nur 38 Prozent aller Deutschen auf die WM. 36 Prozent der Befragten gaben sogar an, überhaupt keine Vorfreude zu verspüren.

Das Kribbeln ist weg

Dabei hat uns der Fußball früher zum Träumen gebracht. Infantino und Trump haben daraus ein ekelhaftes Business-Theater gemacht, von dem man sich am liebsten final abwenden würde. Wenn das Turnier beginnt, werde ich natürlich dennoch wieder einschalten. Aber das Kribbeln ist weg. Es ist einer tiefen, fast apathischen Depression gewichen. Wer das gute alte Gefühl wieder spüren will, muss WM-Dokus von früher schauen.

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