Politik RHEINPFALZ Plus Artikel Und plötzlich ist sie wieder da

Unaufgeregt, nüchtern, sachlich. Die Kanzlerin bei ihrer Fernsehansprache zum Coronavirus.
Unaufgeregt, nüchtern, sachlich. Die Kanzlerin bei ihrer Fernsehansprache zum Coronavirus.

Die Kanzlerin war zwar nie weg, natürlich nicht. Aber sie hat sich nach ihrer Rückzugsankündigung Ende Oktober 2018 monatelang eher im Hintergrund gehalten. Nun verlangt das Corona-Krisenmanagement nach öffentlicher Präsenz.

Und plötzlich ist sie wieder da. Für alle Bürger sichtbar am 18. März auf den Fernsehschirmen. In einem ihrer seltenen TV-Auftritte appelliert Angela Merkel eindringlich an die Bevölkerung: „Es ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst. Seit der Deutschen Einheit, nein, seit dem Zweiten Weltkrieg gab es keine Herausforderung an unser Land mehr, bei der es so sehr auf unser gemeinsames solidarisches Handeln ankommt.“ Angela Merkel spricht zwar nicht wie Frankreichs Präsident Emmanuel Macron von „Krieg“. Und schon gar nicht ruft sie sich wie US-Präsident Donald Trump zum „Kriegsherren“ aus. Das hätte auch ziemlich lächerlich geklungen. Aber am 18. März, auf dem Bildschirm, wirkt sie sogar ein bisschen emotional, im Rahmen ihrer Möglichkeiten.

Sie ist also wieder da. Die Corona-Pandemie hat ihr keine Wahl gelassen. Zwar war Merkel nie wirklich weg, aber öffentlich war sie monatelang kaum wahrnehmbar. Ihre Zurückhaltung hatte Gründe.

Ratschläge können wie Schläge wirken

Nach herben Unionsverlusten bei den Landtagswahlen in Bayern und Hessen hat Merkel Ende Oktober 2018 überraschend ihren schrittweisen Rückzug angekündigt. Danach richtete sich der Fokus der Medien auf die Nachfolgerin im CDU-Amt, Annegret Kramp-Karrenbauer (AKK). Merkel hatte es frühzeitig abgelehnt, sich einzumischen in die innerparteilichen Verfahrens- und Personalfragen. Sie sagte damals, „dass ich mich in die Frage, wer in Zukunft die CDU führen wird oder auch Kanzlerkandidat wird, nicht einmische“. Denn Merkel weiß: Öffentliche Ratschläge wirken manchmal wie öffentliche Schläge.

So wurde es still um Merkel. Die Kanzlerin kümmerte sich um den Friedensprozess in der Ukraine, telefonierte häufig mit Russlands Wladimir Putin, mit Emmanuel Macron und mit anderen. Oder sie lud zu einer großen Libyen-Konferenz nach Berlin ein. Aus öffentlich ausgetragenen Debatten rund um die Innenpolitik aber, etwa um die Grundrente oder die Abschaffung des Solidaritätszuschlags, hielt sie sich raus.

Das kam ihrer Neigung entgegen, eher präsidial zu führen und die politischen Tagesraufereien zu meiden. Vermutlich aber hat sie sich noch aus einem anderen Grund zurückgehalten. Sie wollte ihrer Nachfolgerin im CDU-Amt den Raum zur Profilierung lassen.

Das Ergebnis ist bekannt. Berlin ist nicht Saarbrücken. Für AKK ist eine herausgehobene Führungsaufgabe auf Bundesebene eine Nummer zu groß. Kramp-Karrenbauers Ende als Vorsitzende der führenden Regierungspartei ist beschlossene Sache.

Der öffentliche Jens Spahn

Auch der Union hat das ganze Hickhack nicht gut getan. In den Umfragen sackte sie bei der Sonntagsfrage ab bis auf 24 Prozent. Bei der Bundestagswahl 2017 holten CDU und CSU noch 32,9 Prozent. Inzwischen sind die Umfragewerte auf 37 Prozent gestiegen.

Auch als gegen Ende Januar in Bayern der erste Corona-Fall aktenkundig wurde, blieb Merkel im Hintergrund. Zwar legt sie Wert auf die Feststellung, bereits am 6. Januar mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) über das Coronavirus diskutiert zu haben. Das Krisenmanagement und die öffentliche Kommunikation aber überließ sie weitgehend ihrem Fachminister. Spahn tauchte fast täglich in Pressekonferenzen auf, oft begleitet von Experten, beispielsweise vom Robert-Koch-Institut.

Der „Bild“-Zeitung war das gar nicht Recht. Sie fuhr daraufhin eine regelrechte Kampagne gegen Merkel. „Kein Auftritt, keine Rede, keine Führung in der Krise. Die Kanzlerin und das Corona-Chaos“, plärrte Springers Sturmgeschütz den Boulevard hinunter.

Es ist nicht überliefert, ob das Gemäkel von „Bild“ Merkel zum Fernsehauftritt am 18. März bewog. Aber seither ist sie öffentlich wieder stark präsent. Nüchtern, unaufgeregt, schmucklos, unspektakulär. Oder mit einem Politikstil, den der Politikwissenschaftler Herfried Münkler schon Ende 2018 in der „Neuen Zürcher Zeitung“ so analysierte: „Expertise ohne Ideologie, aber auch ohne großen Streit – das war der Königsweg guter Politik. Dem ist Merkel gefolgt.“ Und „Bild“ scheint zufrieden zu sein. Vor ein paar Tagen war dort zu lesen: „Bundeskanzlerin Angela Merkel – 5. Amtszeit wegen Corona?“ Zwar deutet nichts darauf hin, wie Kanzleramtsminister Helge Braun (CDU) verlauten ließ: „Sie hat gesagt, dass es ihre letzte Amtszeit ist. Und ich glaube, daran hat sich nichts geändert.“ Aber für Schlagzeilen taugen Merkel-Spekulationen allemal.

Deutschlands beliebteste Politikerin

Wohl auch, weil die Person Merkel nach wie vor gut ankommt. Dem ARD-Deutschlandtrend zufolge sind – Stand Anfang April – rund 64 Prozent der Befragten zufrieden oder sehr zufrieden mit ihrer Arbeit. Das ist ein Rekordwert in dieser Legislaturperiode. Damit ist Angela Merkel die beliebteste Politikerin Deutschlands.

Manfred Güllner, Chef des Umfrage-Instituts Forsa, hat bei RTL im vergangenen Jahr die Wirkung der Kanzlerin auf die Bürger so umschrieben: Merkel verkörpere Stabilität, ihr Politikstil sei unprätentiös, also zurückhaltend und unscheinbar. Das ihr entgegengebrachte Vertrauen habe trotz teils sehr kritischer Berichterstattung in den Medien über die Jahre kaum gelitten.

Möglich, dass Alltägliches dazu beiträgt. Als bekannt wurde, dass Merkel Kontakt hatte mit einem auf das Coronavirus positiv getesteten Arzt, begab sie sich wie andere Bürger auch in Quarantäne. Und vor allem hat sie dabei kein Brimborium um ihre Person gemacht, wie etwa der britische Premier Boris Johnson. Selbstverliebt und mit verstrubbelten Haaren hat der von sich selbst Handy-Videos aus der Quarantäne in Downing Street 10 gemacht – und ins Netz gestellt.

Solche Aktionen zur Befriedigung des eigenen Egos würden Merkel nie einfallen. Die Kanzlerin baut eher auf Vertrauen.

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