Alltag ohne Ausweis RHEINPFALZ Plus Artikel Der unsichtbare Kampf einer jungen Frau

Celine Turkman (Mitte) hat in ihrem Freund Meiko Valenti und dessen Mutter Pia Edinger zwei Mitstreiter gefunden.
Celine Turkman (Mitte) hat in ihrem Freund Meiko Valenti und dessen Mutter Pia Edinger zwei Mitstreiter gefunden.

Sie ist in Mannheim geboren und lebt in Ludwigshafen – dennoch ist Celine Turkman keine Deutsche. Denn dafür bräuchte sie zuerst einen Pass des Heimatlandes ihrer Eltern.

Die Geschichte von Celine Turkman erinnert an einen Film, der dieses Jahr seinen 50. Geburtstag feiert: In „Asterix erobert Rom“ müssen Asterix und sein treuer Freund Obelix in der Präfekturverwaltung einen Passierschein A38 besorgen – doch niemand fühlt sich zuständig. So irren die beiden Zeichentrickfiguren durch das „Haus, das Verrückte macht“.

Celine Turkman muss sich ähnlich fühlen wie die beiden Gallier. Die Ludwigshafenerin steckt tief im Bürokratiedschungel. Obwohl sie eine deutsche Geburtsurkunde hat, ist sie keine Deutsche. Ihr ebenfalls in Deutschland geborener Vater und ihre Mutter sind jordanische Staatsbürger. Seitdem ihrer Mutter vor vielen Jahren die Handtasche samt jordanischem Nationalpass gestohlen wurde, in dem Celine und ihre ältere Schwester vermerkt waren, gibt es kein Dokument mehr, mit dem sie sich ausweisen kann.

Ein bisschen zu früh geboren

Laut Statistischem Bundesamt lebten zuletzt rund 93.000 Menschen mit ungeklärter Staatsangehörigkeit in Deutschland. Für eine kostenlose Rechtsberatung verweist der Mediendienst Integration auf sogenannte Refugee Law Clinics. Die gibt es etwa in Mannheim und in Mainz.

Wäre Celine ein gutes Jahr später geboren worden, hätte sie, wie ihre drei jüngeren Geschwister, automatisch die deutsche Staatsbürgerschaft. Zum 1. Januar 2000 griff eine Reform des Staatsangehörigkeitsrechts. Für Kinder, die wie Celine und ihre ältere Schwester zwischen 1990 und 1999 geboren wurden, trat eine Härtefallregelung in Kraft. Warum ihre Eltern diese nicht nutzten, kann Celine heute nicht mehr nachvollziehen. Möglich, dass die damalige Gebühr von 500 Euro – die zwar später drastisch reduziert wurde – eine Rolle spielte. Da der Kontakt heute nur eingeschränkt besteht, bleiben viele Fragen zur Vorgeschichte offen.

Celine wurde Ende 1998 in Mannheim geboren, ist dort zur Schule gegangen, hat nach einem Freien Soziales Jahr ihr Fachabitur gemacht und steht nun vor dem Ende ihrer Ausbildung zur Jugend- und Heimerzieherin bei der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Mannheim. Nach ihrer Abschlussprüfung möchte sie bei der AWO bleiben. Sie hat gute Chancen, übernommen zu werden. Die AWO betont, ein hohes Interesse an kultureller und biografischer Vielfalt in ihrer Mitarbeiterschaft zu haben.

Ihr größter Wunsch: ein deutscher Pass

Celine hat eine unbefristete Niederlassungserlaubnis, ihr elektronischer Aufenthaltstitel – eine Plastikkarte, die wie ein Personalausweis aussieht – ist aber abgelaufen. Für eine Verlängerung brauche sie ein gültiges Ausweisdokument, habe ihr die Ausländerbehörde gesagt. Das ist der Kern allen Übels. Immer wieder hat sie versucht, einen jordanischen Nationalpass zu erlangen – und hat immer wieder resigniert aufgegeben. Der Pass ist auch Voraussetzung für ihren größten Wunsch: die deutsche Staatsbürgerschaft zu haben.

Celine fällt es schwer, über ihren Status zu sprechen. „Normalerweise erzähle ich das auch nicht“, sagt sie. „Das hat mit Scham zu tun. Ich versuche mir zu sagen, ich kann nichts dafür und ich sollte für mich einstehen, aber das ist schon sehr unangenehm.“ Einfach mal zum Flammkuchenessen nach Frankreich fahren? Oder im Urlaub eine Woche in den Süden fliegen? Irgendwann heiraten? Für Celine sind das ohne Ausweisdokument nur Träume.

2025 hat sie Meiko Valenti kennengelernt. Sie wurden ein Paar. Er und seine Mutter Pia Edinger, die in Ludwigshafen ein Fußpflegestudio betreibt, haben Celine zu einem Neustart motiviert. Seit Dezember kämpfen nun ihr Freund und dessen Mutter an ihrer Seite. „Ich habe schon häufiger für mein Recht gekämpft“, sagt Pia Edinger, „aber das, was ich mit Celine erlebe, bringt mich an meine Grenzen.“

Botschaft wenig hilfreich

Celine hat immer wieder die jordanische Botschaft in Berlin kontaktiert. Ohne eine Passnummer kann sie online aber keinen Termin zum Vorsprechen buchen. Zigmal hat sie angerufen und irgendwelche Zahlen gedrückt, um mit einem Mitarbeiter verbunden zu werden – die Ansage auf Arabisch versteht sie nicht. Wenn sie erfolgreich war, hat sie stets zu hören bekommen, sie solle ihre Unterlagen per Mail schicken. „Jeder Kontakt führt zu neuer Hoffnung“, sagt Celine. Doch jedes Mal folgte wieder Stille. Über Monate. Bis heute.

Unklar ist, ob ein Besuch bei der Botschaft überhaupt zielführend wäre. Um einen Pass zu bekommen, muss sie in Jordanien registriert sein. Ob sie das ist, kann ihr niemand sagen. Ist sie nicht registriert, müsste Celine nach Jordanien reisen – in ein fremdes Land, dessen Sprache sie nicht spricht, wo sie zwar Verwandte hat, diese aber noch nie gesehen oder auch nur gesprochen hat. Wer sich unter Kennern umhört, erfährt, dass eine Frau allein in Jordanien, erst recht bei Behörden, kaum ernst genommen werde. Sie bräuchte einen männlichen Begleiter vor Ort.

Pia Edinger hat sich derweil hilfesuchend an sehr viele Stellen gewandt – etwa an das Innenministerium in Mainz und an die deutsche Botschaft in Amman, der Hauptstadt Jordaniens. Ohne Erfolg. Und sie hat die Ludwigshafener Stadtverwaltung angeschrieben. Denn sämtliche Versuche von Celine, bei der bekanntermaßen chronisch überlasteten Ausländerbehörde einen Termin zu bekommen, waren gescheitert.

Im Wartestand

Auf Edingers Mails hat die Stadtverwaltung schnell, aber wenig erbaulich reagiert. Man könne nichts machen, heißt es in einer Mail. Celine solle sich an die Botschaft in Berlin wenden, und wenn die nicht reagiere, solle sie einen Anwalt einschalten. Anwälte lässt die Botschaft aber kalt abblitzen, weiß Celine. Man sei gegenüber juristischen Personen nicht auskunftspflichtig, hieß es als Reaktion auf ein Schreiben, mit denen die Anwälte ihrer Mutter Schwung in deren Passverfahren bringen wollten.

Alternativ, so heißt es von der Ludwigshafener Ausländerbehörde, könne sie nach Jordanien reisen, um sich dort registrieren zu lassen. Dafür könne die Behörde einen vorläufigen Reiseausweis zur Passbeschaffung für einen bestimmten Zeitraum ausstellen.

Immer wieder hat Edinger in ihren Mails folgende Frage gestellt: Was muss Celine Turkman tun, um auch ohne jordanischen Pass eingebürgert zu werden? „Dass dies in Ausnahmen möglich ist, habe ich recherchiert“, sagt Edinger. Auf ihre Frage bekommt sie aber genauso wenig Antwort wie die RHEINPFALZ. Die Stadtverwaltung mache keine Aussagen zu laufenden Verfahren, erklärt ein Stadtsprecher auf Anfrage. „Dies schließt ebenfalls allgemeine Fragen ein, die einen Bezug zum konkreten Fall bzw. zur betroffenen Person aufweisen.“

Marco Werther ist von Celines Situation wenig überrascht. „Es ist bekannt, dass es Länder gibt, mit deren Botschaften es immer mal wieder Probleme gibt, weil sie aus welchen Gründen auch immer ungern Pässe ausstellen – gerade aus dem Nahost-Bereich und aus afrikanischen Staaten“, sagt der Landauer Fachanwalt für Migrationsrecht und Vorsitzender des entsprechenden Fachausschusses der beiden Rechtsanwaltskammern von Rheinland-Pfalz.

Jordanienreise „zumutbar“

Werther beschreibt die Hürden, die Celine nehmen muss, um ein Einbürgerungsverfahren starten zu können. Er verweist auf ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom Dezember, in dem das sogenannte Stufenmodell zur Identitätsklärung im Einbürgerungsverfahren weiterentwickelt wurde. „Die Voraussetzung ist die Mitwirkungspflicht, wenn man die deutsche Staatsangehörigkeit haben möchte“, sagt er. „Als erstes muss man sich um einen Pass bemühen. Da müssen alle Möglichkeiten unternommen werden, damit man diesen Nationalpass bekommt. Erst wenn man alles Menschenmögliche gemacht hat, kann man sich gegebenenfalls auch mit anderen Nachweisen einbürgern lassen. Hier kommt es aber auch immer auf das Ermessen der Behörde an.“ Diese müsse irgendwann zur Erkenntnis kommen, dass objektiv und subjektiv alles Zumutbare unternommen worden sei, um an einen Pass zu gelangen. Dazu sagt Werther: „Grundsätzlich ist es zumutbar, dafür nach Jordanien zu reisen. Jordanien ist nicht Afghanistan.“

Dass eine Reise nach Jordanien erfolgreich wäre, ist zudem fraglich. Celines Mutter, die eine solche Reise 2018 zur Passbeschaffung unternommen hat, kam unerledigter Dinge wieder zurück. Wann, fragt sich die Auszubildende, sollte sie eine solche Reise überhaupt unternehmen? Mit welchem Geld? Und ganz nebenbei: Das Auswärtige Amt warnt wegen der Konflikte im Nahen Osten dringend vor Reisen nach Jordanien.

Asterix und Obelix gelingt es schließlich mit List, den Passierschein A38 zu bekommen. Celine Turkman sieht derweil keinen gangbaren Weg raus aus dem Behördendschungel.

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