Mecklenburg-Vorpommern RHEINPFALZ Plus Artikel Regierungschefin Schwesig: Präsent wie keiner ihrer Vorgänger

Manuela Schwesig wird schon lange nicht mehr unterschätzt.
Manuela Schwesig wird schon lange nicht mehr unterschätzt.

Parallel zum Bundestag wird am 26. September auch der Landtag von Mecklenburg-Vorpommern neu gewählt. SPD-Ministerpräsidentin Manuela Schwesig hat gute Chancen, weitere fünf Jahre im Amt zu bleiben.

Die Frau traut sich was zu. Manuela Schwesig lächelt von fast allen Großplakaten ihrer SPD. Es gibt kaum ein Themenfeld ohne die Spitzenkandidatin, Landesvorsitzende und Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern. Als Krönung gehen die Sozialdemokraten des Küstenlandes jetzt auch noch mit dem „MANU“-Magazin auf Stimmenfang – mit lauter freundlichen Geschichten und Bildern, die die Kandidatin im besten Licht erscheinen lassen. So viel Personalisierung im Wahlkampf war noch nie.

Doch so eine präsente Regierungschefin hatte das Land in den drei Jahrzehnten seit der Einheit auch noch nie. Mecklenburg-Vorpommern ist weder ein Bundesland mit beeindruckender Wirtschaftskraft, noch mit einer großen Bevölkerung. Die bisherigen Ministerpräsidenten sind bundespolitisch kaum aufgefallen – keiner trat so forsch, mit so viel Angriffslust auf wie Manuela Schwesig.

Schwesig geriet mehrfach mit Merkel aneinander

In der Auseinandersetzung um die Corona- und Impfpolitik der Bundesregierung avancierte sie rasch zur Gegenspielerin von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Mehrfach geriet die frühere Bundesfamilienministerin mit Merkel aneinander, hat sie mit ihrer Hartnäckigkeit regelrecht aus der Fassung gebracht. Zugleich ist sie nicht wie andere Länderchefs in die Verlegenheit gekommen, wegen stark gestiegener Infektionszahlen Reue zeigen zu müssen.

Als Regierungschefin verfolgt Schwesig stringent ihre Linie und interpretiert die Corona-Beschlüsse der Ministerpräsidentenrunden streng nach Landesinteresse. Obwohl der Tourismus die wichtigste Einnahmequelle des Landes ist, wurden selbst Tagesbesucher und auswärtige Besitzer von Ferienwohnungen über Monate an den Landesgrenzen zurückgewiesen. Andererseits gab es für die Bürger des Landes oft mehr Lockerungen als anderswo. In Mecklenburg-Vorpommern blieb die Anzahl der Infektionen und der Todesfälle niedrig.

Kampf für umstrittene Gas-Pipeline

Die Botschaft ist klar: Die Frau hat nicht nur ihren eigenen Kopf, sie setzt ihn auch durch. Noch deutlicher zeigt es sich dort, wo Schwesig kräftigen Gegenwind bekommt: Wie eine Löwin kämpft sie für die Fertigstellung der umstrittenen Nord-Stream-2-Pipeline, die im strukturschwachen Küstenland für Jobs und Steuereinnahmen sorgen soll. Denn es gab gute Gründe, aus dem Gasgeschäft auszusteigen. Und das weniger wegen der Sanktionsdrohungen aus den USA, sondern eher wegen der wenig zimperlichen Methoden des Autokraten Wladimir Putin. Die Ministerpräsidentin hatte sogar die Chuzpe, eine Stiftung unter dem Vorwand des Klimaschutzes zu gründen, um Sanktionen gegen die Gasleitung zu umgehen.

Geradezu stoisch, aber gewiss mit Freude an der Macht hat sie allem Widerstand von Umweltschützern und Russland-Skeptikern getrotzt. Eine bessere Außendarstellung für ihr Image als Wahrerin von Landesinteressen ist kaum denkbar.

Offener Umgang mit Krebserkrankung

Dabei hat die 47-jährige Sozialdemokratin schwierige wie prägende Jahre hinter sich. Als Erwin Sellering, ihr langjähriger Förderer und Schweriner Regierungschef, 2017 an Krebs erkrankte, gab sie ihr geliebtes Amt als Bundesfamilienministerin auf. Viel früher als geplant ging sie zurück nach Schwerin und folgte ihm als Ministerpräsidentin. Zwei Jahre später wurde auch bei ihr Krebs diagnostiziert. Von Anfang an ging sie mit ihrer Brustkrebserkrankung offen um, legte lediglich ihr Amt als eine von drei kommissarischen SPD-Bundesvorsitzenden nieder.

Mitten in der Therapiephase kam dann auch noch die Corona-Krise hinzu. Vor gut einem Jahr trat sie mit neuer Kurzhaarfrisur vor die Öffentlichkeit und erklärte den Krebs für besiegt. Ihr Selbstbewusstsein und ihre Kampfbereitschaft haben Eindruck hinterlassen – nicht nur bei Frauen und nicht nur im Küstenland.

Erster Wahlkampf als Regierungschefin

Als die damals 34-Jährige 2008 von Sellering zur jüngsten Landesministerin der Republik (für Soziales) berufen wurde, gab es Männer wie den damaligen CDU-Innenminister Lorenz Caffier, der sie despektierlich „Küsten-Barbie“ nannte; im vergangenen Jahr unterschrieb sie seine Entlassungsurkunde. Unterschätzt wird Schwesig schon lange nicht mehr.

Und es gibt kaum Zweifel, dass ihre in Umfragen deutlich führende SPD die Landtagswahl am 26. September gewinnen wird. Die Messlatte liegt bei 30,6 Prozent, beim Urnengang vor fünf Jahren. In ihrem ersten Wahlkampf als amtierende Regierungschefin geht es also auch um ein Signal der Stärke. Da sie nicht abgehoben wirkt und es trotzdem erst nach Berlin und dann in die Staatskanzlei schaffte, dürfte ihr der Hauch von Personenkult, der gerade durch das Küstenland weht, gewiss nicht schaden.

x