Meinung RHEINPFALZ Plus Artikel Pro & Contra: Sollen Geimpfte mehr Freiheiten erhalten?

Eine Impfung kann zu mehr Freiheiten führen.
Eine Impfung kann zu mehr Freiheiten führen.

Der Bund lockert die Corona-Auflagen – allerdings nur für von Covid-19 Genesene und vollständig Geimpfte, die rechtlich mit negativ Getesteten gleichgestellt werden. Die Beschränkungen für diese Bevölkerungsgruppen werden dabei nicht umfassend aufgehoben. Ist dieses Vorgehen sinnvoll? Darüber sind sich auch die RHEINPFALZ-Redakteure nicht einig.

PRO

Seit Beginn der Corona-Pandemie ist viel von Solidarität die Rede. Lange hieß es, die Jungen, die ein geringeres Risiko haben, einen schweren oder gar tödlichen Krankheitsverlauf zu entwickeln, sollten mit ihren älteren, stärker gefährdeten Mitmenschen solidarisch sein – und sich an die Corona-Regeln halten. Ein überzeugendes Argument, schließlich ließ und lässt sich so die Ausbreitung des Virus eindämmen.

Jetzt heißt es mitunter, die Älteren, in zunehmendem Maße Durchgeimpften, sollten mit den Ungeimpften, meist Jüngeren, solidarisch sein und auf Freiheiten verzichten – um des gesellschaftlichen Friedens willen. Aber es geht hier eben um Grundrechte, in die nur mit guter Begründung eingegriffen werden darf. Daraus hat die Bundesregierung die Konsequenzen gezogen und Erleichterungen auf den Weg gebracht, die an diesem Freitag der Bundesrat wohl beschließen wird. Doch die Regierung geht keinen Schritt weiter, als sie muss. Museums- oder Kinobesuche beispielsweise bleiben für Geimpfte und Genesene genauso unmöglich wie touristische Übernachtungen. Es gebe kein Grundrecht darauf, heißt es dann so schön. Das ist die juristische Argumentation.

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Aber wie sieht es epidemiologisch aus? Warum sollte man die Kontaktbeschränkungen für Geimpfte aufheben, ihnen den Museumsbesuch aber verbieten? Das überzeugt nicht, auch wenn eines klar sein muss: Die Pandemie ist noch nicht vorbei. Auch von Geimpften geht ein Restrisiko aus, deshalb bleiben Hygienekonzepte vorerst notwendig.

Natürlich ist es auch verständlich, wenn Ungeimpfte sauer werden, wenn sie sehen, dass andere wieder in den Genuss vieler Freiheiten kommen. Sie selbst aber nicht – und zwar nur deswegen, weil sie bisher kein Anrecht auf den Piks hatten.

Aber nüchtern betrachtet bringt es niemanden weiter, wenn man Geimpften diese Vorteile verwehrt. Im Gegenteil: Je mehr Menschen wieder am Konsumleben teilnehmen, desto stärker werden die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie abgemildert. Das hilft gerade denjenigen, die in den betroffenen Branchen arbeiten – und darunter sind naturgemäß kaum Rentner.

Selbstverständlich können sich die Geimpften solidarisch zeigen: indem sie zum Beispiel in ihrem Umfeld Ungeimpfte dabei unterstützen, mit den Herausforderungen in der Pandemie fertig zu werden. Das wäre echte Solidarität. Zwangsweise oder freiwillig auf den Kinobesuch zu verzichten, hilft dagegen niemandem.

CONTRA

Schon alleine die Begrifflichkeit ist irreführend! Weil man uns die Grundrechte gar nicht nehmen kann, muss man sie uns auch nicht zurückgeben. Sie stehen uns allen zu, einfach so. Keinesfalls sind sie ein Gnadenakt der Regierenden, die eigentlich Schaden von uns abwenden sollen, ihren Amtseid seit 14 Monaten Pandemie aber gerne mal hintanstellen.

Ob beim Thema Masken, beim Testen oder beim Impfen – immer wieder haben Bund und Länder Nebelkerzen gezündet, um von Unzulänglichkeiten und Halbwahrheiten abzulenken. Und nun tun sie sich auch noch schwer bei der „Rückgabe“ unserer seit über einem Jahr beschnittenen Freiheit – und zwar nicht nur für die zahlenmäßig überschaubare Gruppe der vollständig Geimpften, sondern für alle!

Schließlich geht nicht nur von einem geimpften älteren Ehepaar, das um 23 Uhr spazieren geht, keine Infektionsgefahr aus. Auch ein alleine joggender Mittzwanziger ist völlig ungefährlich für seine Mitmenschen – zu jeder Tageszeit.

Während aber die Jungen die Hauptlast der Pandemie tragen, vor allem für deren Folgen noch lange bezahlen werden, sind für sie die beiden schützenden Spritzen in gefühlt unerreichbarer Ferne. Niemand sollte sich also wundern, wenn sie alsbald auf sämtliche Regeln pfeifen, sollten Doppeltgeimpfte fröhlich vom Nordseestrand grüßen. Hatte man ihnen doch im März 2020 eingebläut, dass zu deren Schutz Online-Studium, eine Pause im Sportverein und überhaupt der Verzicht auf soziale Kontakte notwendig seien.

Tatsächlich ist die neue Öffnungsdiskussionsorgie wohl weniger der Sorge um die Grundrechte der Bürger als vielmehr der Bundestagswahl im September geschuldet. Schließlich soll die größte Wählergruppe, und das sind die Über-60-Jährigen, nicht vor den Kopf gestoßen werden. Das ist ja auch einfacher, als Energie darauf zu verwenden, wie verhindert werden kann, dass eine Generation zurückbleibt oder verloren geht.

Etwas anderes sollte allen Sorgen bereiten! Denn richtig interessant wird es nach der Pandemie. Die Erfahrung vergangener Krisen lehrt, dass Regierungen selten Eingriffe in Bürgerrechte zurücknehmen. Dauerhaftes Testen oder ein jährlicher Impfnachweis werden vermutlich noch die harmlosesten Ideen sein. Anderslautenden Beteuerungen sollte man nicht zu sehr vertrauen. Schließlich führen Bund und Länder gerade durch die Hintertür eine De-facto-Impfpflicht ein. Dabei hatten sie genau das immer weit von sich gewiesen.

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