Brief aus der Ukraine RHEINPFALZ Plus Artikel Oksana: „Mein Kind soll doch in Frieden und Freiheit leben“

Ein seltener Moment des Friedens: Oksana Titarenko (links) beim Pilzesammeln mit Sohn Makar und einer Freundin.
Ein seltener Moment des Friedens: Oksana Titarenko (links) beim Pilzesammeln mit Sohn Makar und einer Freundin.

Liebe Nachbarn in Deutschland und in Europa.

Wenn ihr morgens eure Kinder in die Schule schickt und zur Arbeit fahrt, dann braucht ihr keine Angst zu haben, dass eure Söhne und Töchter von russischen Drohnen attackiert werden, dass euer Auto von Raketen getroffen wird oder auf eine Mine fährt. Ihr müsst nicht wie ich an ständig wechselnden, geheimen Standorten Studenten unterrichten, weil immer die Gefahr besteht, dass die Vorlesung zum Ziel einer russischen Attacke wird. Wenn ihr krank werdet, gibt es Medikamente und, falls nötig, einen Platz im Krankenhaus. Nicht so für meinen Vater, der an Krebs sterben musste, weil keine Therapie möglich war, weil das Krankenhaus für verletzte Soldaten gebraucht wurde. Ihr könnt nachts durchschlafen und werdet nicht mehrmals durch Raketen- oder Drohnenalarm geweckt.

Kein Kontakt zu Gleichaltrigen

Mein elfjähriger Sohn Makar hat in den vergangenen vier Jahren fast seine komplette Schulzeit daheim am Computer verbracht. Unterbrochen von Stromausfällen und Luftalarmen. Ohne Klassenkameradinnen und -kameraden oder direkten Kontakt zu den Lehrern. Sich mit Freunden treffen, auf der Straße spielen – unmöglich. Was ist das für eine Kindheit? Welche Zukunft hat er? Er soll doch auch in Frieden und Freiheit leben.

Hier in Charkiw, der zweitgrößten Stadt der Ukraine, sind es nur wenige Kilometer bis zur russischen Grenze. Teile des Umlands wurden von Putins Truppen bereits erobert. Auch unser kleiner Garten, in dem wir so gern die Wochenenden und Ferien verbracht haben, liegt in diesem Gebiet und ist inzwischen völlig verwüstet.

Eisigkalter Winter

Dieser Winter ist zu einer echten Zerreißprobe für uns und alle anderen Ukrainer geworden. Nur ein Wahnsinniger wie Putin, der sich absolut sicher ist, nie dafür bestraft zu werden, kann bei Temperaturen von minus 20 Grad und weniger die Infrastruktur eines Landes so dreist zerstören. Doch wir werden trotz allem durchhalten. Unsere Verachtung für diesen grausamen Nachbarn wird bleiben, womöglich über Generationen hinweg. Selbst in unserer ursprünglich russischsprachigen Region mit vielen russischstämmigen Mitbürgern sprechen unsere Kinder jetzt aus Prinzip Ukrainisch. Weihnachten haben wir inzwischen zum zweiten Mal mit unseren westlichen Nachbarn am 25. Dezember gefeiert, und nicht wie früher am 6. Januar mit den Russen.

Vier Jahre sind jetzt schon vergangen, seit Putins Truppen uns so massiv angegriffen haben. Unser Leben liegt in Trümmern, genauso unsere Städte. Wir sind erschöpft. Die Zivilisten wie die Soldaten. Unsere Männer und Frauen an der Front können sich kaum noch erholen. In Russland leben vier Mal so viel Menschen wie bei uns hier. Der Kreml hat daher im Vergleich zu uns ein schier unerschöpfliches Reservoir an Soldaten – an jungen, mit Propaganda gefütterten Männern, die er an der Front verheizt.

Was uns hier fast am meisten frustriert, ist das Verhalten der USA und auch Europas. Wir haben den Eindruck, dass in der EU nur geredet wird. Wir brauchen Hilfe – jetzt! Wir brauchen Waffen – nicht, um Krieg zu führen, sondern um uns zu schützen. Zur Erinnerung: Die Ukraine hat nicht angegriffen. Wir wurden überfallen.

Trumps Schmierentheater

Das Verhalten von Präsident Trump ist für uns eine Katastrophe. Wir können uns auf die USA nicht mehr verlassen. Und die Hilfe Europas reicht bei weitem nicht aus. Was bei uns hier passiert, wie wir leiden, interessiert Trump und die meisten Amerikaner überhaupt nicht. Das ist die brutale Wahrheit. Das Anbiedern an den Kriegsverbrecher Putin hat uns zutiefst schockiert. Das Schmierentheater ist widerwärtig. Wo sind die Amerikaner, die wir immer bewundert haben? Die unser großes Vorbild waren? Jetzt, nach einem Jahr Trump, wissen wir, wir sind im Prinzip auf uns alleine gestellt. Eure Oksana

Zur Person

Oksana Titarenko (46) lebt in Charkiw. Sie hat in Graz (Österreich) Materialtechnik studiert und arbeitet als Dozentin an der Militärhochschule in Charkiw. Seit 2022 gibt sie immer wieder Einblicke in das Leben der Ukrainer im Krieg. büt

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