Ukraine-Krieg RHEINPFALZ Plus Artikel Rückkehr nach Charkiw: „Wie in einem Endzeit-Film“

 Ukrainische Soldaten reparieren einen erbeuteten russischen Schützenpanzer auf einer Straße im Außenbezirk von Charkiw.
Ukrainische Soldaten reparieren einen erbeuteten russischen Schützenpanzer auf einer Straße im Außenbezirk von Charkiw.

Die Ukrainerin Oksana Titarenko über die Lage in ihrer Heimatstadt und in den besetzten Dörfern in der Nähe der russischen Grenze.

Zwei Mal war Oksana Titarenko seit ihrer Flucht aus dem umkämpften ostukrainischen Charkiw wieder in ihrer Heimatstadt. Das erste Mal, um zu schauen, ob der Wohnblock, in dem die Familie lebt, noch steht und ob nicht geplündert wurde. Das zweite Mal dann am Freitag, um den schwerkranken Vater in die Poliklinik nach Valki zu holen. Der an Krebs leidende 74-Jährige hatte einen Schlaganfall und wurde im überfüllten Charkiwer Krankenhaus nicht aufgenommen.

Bruder beseitigt Zielmarkierungen

In Charkiw sei es gefährlich, erzählt Oksana Titarenko. Sie ist froh, dass sie mit ihrer Familie Unterschlupf im 70 Kilometer entfernten Valki gefunden hat. Mann und Sohn sind bei ihr, ebenso ihre Mutter. Ihr 36-jähriger Bruder Wladislaw ist in Charkiw geblieben. Weil er keine militärische Ausbildung hat, wurde er bisher nicht eingezogen. Nun ist er Tag und Nacht unterwegs, um Markierungen auf Häusern zu suchen. „Das sind beispielsweise CDs, die im Sonnenlicht funkeln und den Russen zeigen, welche Gebäude lohnende Ziele darstellen“, erklärt die 42-Jährige. Es sei bekannt, dass „Kollaborateure“ von den Russen für das Ausspähen und Markieren bezahlt würden. Schon zwei Mal seien Ausgabestellen für Hilfsgüter, vor denen sich Schlangen von Menschen gebildet hatten, beschossen worden, erzählt die Dozentin an der Militärhochschule in Charkiw.

„Bei uns wird es jetzt Frühling. Eigentlich ist man da hoffnungsfroh gestimmt. Und dann sieht man all die Zerstörung und all das Leid“, sagt Oksana Titarenko. Die Innenstadt von Charkiw sei ein Trümmerhaufen. Mehr als 1400 Wohnblocks seien zerstört; Industrieanlagen, Schulen und Krankenhäusern von Geschossen zersiebt. Die Bewohner versuchten zwar aufzuräumen, die Glassplitter und den Müll zu beseitigen, aber es biete sich dennoch ein sehr trauriges Bild. „Es sieht gespenstisch aus, aus wie ein einem Endzeit-Film.“

Es mangelt an Medikamenten

Die Parks und der erst 2021 eröffnete Zoo seien ebenfalls von russischen Geschossen getroffen und zum Teil zerstört worden. „Die größeren Tiere wie Raubkatzen mussten getötet werden, weil sie nicht evakuiert werden konnten und das Futter für sie ausging“, berichtet die Ukrainerin.

In Charkiw geblieben seien vor allem die Alten, die Gebrechlichen. In einem Bunker im Industriegebiet und vor allem in der U-Bahn hätten die Verbliebenen Zuflucht gefunden. „Das sind die einzigen Orte in Charkiw, an denen man sich noch sicher fühlen kann.“ Wenige Läden hätten noch geöffnet. „Aber um dort etwas zu bekommen, muss man oft weit laufen. Und früh da sein“, erzählt die 42-Jährige. Ein russischer Angriff auf das Depot der Verkehrsbetriebe habe alle Busse und Bahnen zerstört. „Der öffentliche Nahverkehr existiert im Prinzip nicht mehr.“

Wucherpreise und kaum noch Bargeld

Das größte Problem sei der Mangel an Medikamenten. Es gebe kaum noch Schmerzmittel, Arzneien gegen Bluthochdruck und andere chronische Krankheiten. Auch ihr Vater benötige dringend Medikamente, die nicht mehr verfügbar seien.

Dennoch sei die Lage in Charkiw immer noch weitaus besser als in den Dörfern und Kleinstädten unter russischer Besatzung. Dort gebe es kaum noch Bargeld, und für die Güter des täglichen Bedarfs seien Wucherpreise zu zahlen. Eine Tante und zwei Cousinen lebten im russisch besetzten Grenzgebiet. „Kontakt zu halten ist sehr schwierig, weil Internet und Mobilfunk kaum noch funktionieren.“ Sie sei besorgt, zumal eine Cousine zwei kleine Kinder habe.

Plünderungen und Vergewaltigungen

„Ich verstehe einfach nicht, wie solch ein Hass entstehen konnte“, sagt Oksana Titarenko, deren Mann Iwan selbst aus Russland stammt. „Dass Frauen vergewaltigt und Tote bestohlen werden, dass hemmungslos geplündert wird, das ist doch unvorstellbar“, sagt sie. „Und dieser Alptraum hat kein Ende.“

Sie wisse auch nicht, welche Sanktionen der Westen noch ergreifen solle, um Putin zu stoppen. Das einzige, was helfen könne, sei ein Embargo für russisches Öl, Gas und für Kohle. „Ich verstehe nicht, warum das nicht geschieht“, sagt sie. „Das wäre sicher problematisch für die Wirtschaft in Europa. Das ist klar. Aber hier sterben Menschen. Und selbst wenn der Krieg irgendwann einmal vorbei sein sollte, ist alles kaputt, was wir Ukrainer uns nach dem Ende der Sowjetunion aufgebaut haben.“ Zudem verlagerten viele russische Unternehmen ihren Sitz pro forma nach Georgien und umgingen so die Sanktionen.

Kühlschränke und Mixer „bestellt“

Unterdessen schweißt ihr russischstämmiger Mann mit anderen Freiwilligen Panzersperren zusammen, um Putins Truppen auf dem Weg zum Schwarzen Meer aufzuhalten. Dem Osten der Ukraine droht die nächste Offensive. Oksana kocht derweil zusammen mit anderen Frauen täglich bis zu 150 Mahlzeiten für ukrainische Soldaten und wäscht deren Wäsche. „Unsere Soldaten kämpfen für unsere Freiheit“, sagt sie. Die Russen dagegen kämen in die Ukraine, als sei das Land ein Selbstbedienungsladen. „Wir haben Kenntnis von Gesprächen russischer Mütter mit ihren Söhnen, die sich einen Kühlschrank, einen Mixer oder ähnliches ,bestellen’. Was denken die eigentlich? Haben die keinerlei Mitgefühl?“, fragt sie.

Ihren eigenen kleinen Sohn versucht sie dennoch zu Toleranz und ohne Hass zu erziehen. Auch wenn es zunehmend schwerfällt. Vor allem für ihn hofft sie auf eine friedliche Zukunft für die Ukraine, als Mitglied der Europäischen Union. „Wir verteidigen doch zur Zeit genau die Werte, die die EU vertritt“, sagt die Hochschuldozentin. Deswegen werde ihr Land zerstört und viele Ukrainer verlören ihr Leben. Und deswegen muss auch ihr Sohn Markar jetzt seinen achten Geburtstag in einer Flüchtlingsunterkunft feiern.

Bild aus glücklicheren Tagen: Oksana Titarenko mit Sohn Makar in ihrer Wohnung in Charkiw.
Bild aus glücklicheren Tagen: Oksana Titarenko mit Sohn Makar in ihrer Wohnung in Charkiw.
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