Ukraine
Ein Monat Krieg: Vier Familien und ihre Geschichte
Sie hatte die feste Absicht auszuharren, vor den russischen Truppen nicht klein beizugeben. Aber der anhaltende Beschuss, der Bombenterror und die Angst um das Kind ließen ihr keine Wahl. Mit ihrem Mann Iwan, Sohn Makar und ihrer Mutter ist Oksana Titarenko vor mehr als einer Woche aus dem ostukrainischen Charkiw geflüchtet. In der Nachbarstadt Valki, etwa 60 Kilometer entfernt, haben sie Unterschlupf gefunden. In einem Kindergarten. 60 Personen leben bereits dort, und es kommen täglich mehr.
Trotz der Enge und der Unsicherheit darüber, was noch kommen wird, ist Oksana Titarenko voller Dankbarkeit. „Es ist unglaublich, was die Menschen hier leisten. Wir werden mit Essen und Trinken versorgt. Wir haben es warm und wir haben sogar Internet.“ Deshalb kann sie auch mit der RHEINPFALZ ein Videotelefonat führen. Auch wenn Oksana im Dunkeln kaum zu erkennen ist. Wegen der russischen Angriffe darf abends nämlich kein Licht mehr brennen.
Flüchtlingsstrom reißt nicht ab
Die Gemeindeverwaltung von Valki habe inzwischen weitere Kindergärten, Schulen und Sporteinrichtungen in Aufnahmelager umgerüstet, berichtet sie. Der Flüchtlingsstrom aus Charkiw, der mit 1,5 Millionen Einwohnern zweitgrößten Stadt der Ukraine, reißt nicht ab. Vor allem Familien mit Kindern, Alte und Behinderte verließen die Stadt, erzählt die Hochschuldozentin. Ihr Wohnblock stehe noch, auch wenn das Viertel heftig beschossen worden sei und weder Heizung noch Elektrizität mehr funktionierten. „Von etwa 80 Wohneinheiten in unserem Block sind noch drei bewohnt“, erzählt sie. „Alle anderen Bewohner sind weg. Die Verbliebenen halten uns jetzt auf dem Laufenden und passen auf, dass nicht geplündert wird.“ Nach UN-Angaben sind rund 6,5 Millionen Ukrainer innerhalb ihres Landes auf der Flucht, versuchen die Städte zu verlassen, die am stärksten unter russischem Beschuss leiden – Städte wie Charkiw und Kiew, oder auch Mariupol.
Kein Platz im Krankenhaus
Bei ihrem Bruder in Charkiw geblieben ist Oksanas 74-jähriger Vater. Er ist nicht transportfähig, denn er hat einen Nierentumor, der wegen des Krieges nicht operiert werden kann. Zudem hat er schon zwei Schlaganfälle hinter sich, doch die dringend benötigten Blutdruckmedikamente sind nicht mehr zu bekommen. „Als Zivilist hast du keine Chance mehr, einen Platz im Krankenhaus zu bekommen“, berichtet die 42-Jährige.
Die Menschen in der Ukraine benötigen laut dem Vorstand des Medikamentenhilfswerks Action Medeor, Christoph Bonsmann, vor allem Schmerzmittel, Antibiotika, Narkosemittel für Operationen, Verbandsstoffe und Material zur Wundversorgung. Chronisch Kranke brauchten beispielsweise Medikamente gegen Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes.
Alle packen mit an
Sie komme sich manchmal schon merkwürdig vor, „hier im Warmen zu sitzen“, während Freunde und Verwandte in Charkiw von russischen Truppen unter Beschuss genommen würden. Aber auch die Geflüchteten in Valki packen mit an. „Wir haben bei der Evakuierung eines Kinderheims geholfen“, erzählt Titarenko. „Das kleinste Kind war gerade mal neun Monate alt.“ Und sie helfen, die über Polen eintreffenden Lebensmitteltransporter umzupacken, bevor diese weiter ins belagerte Charkiw fahren.
Hilfstransporte sind allerdings nicht die einzigen Fahrzeuge auf dem Weg in die schon schwer zerstörte Stadt. Auch Zivilisten, die in andere Teile der Ukraine geflohen waren, kehren nach Charkiw zurück. „Viele haben keine Unterkunft gefunden, weil in den grenznahen Regionen im Westen des Landes alles überfüllt ist und einige ein Geschäft wittern und völlig überzogene Preise verlangen“, berichtet die Ukrainerin. Zumal hätten die Angriffe auf Lwiw und Umgebung gezeigt, dass es nirgendwo mehr sicher sei.
„Wir waren so naiv“
„Jetzt werdet ihr endlich befreit“, hätten Freunde aus der besetzten Ostukraine gesagt, als die russischen Truppen vor vier Wochen über die Grenze kamen, erzählt Titarenko. „Die ,retten’ uns, ohne zu fragen“, empört sich die 42-Jährige. „Was waren wir doch naiv“, gibt sie zu. Solch einen Überfall hätte keiner in ihrem Umfeld für möglich gehalten.
Dabei hätte die russische Propagandaschlacht misstrauisch machen müssen. Die Hetze gegen die Ukraine habe sich in Russland immer weiter verschärft. Die Verwandtschaft ihres in Russland geborenen und aufgewachsenen Mannes habe schon vor einer Weile den Kontakt zu ihnen abgebrochen. „Die jungen russischen Soldaten werden jetzt als Kanonenfutter missbraucht. Aber ganz ehrlich, es fällt mir immer schwerer, Mitleid zu empfinden“, bekennt sie. „Wie kann es nur gelingen, aus ganz normalen Menschen solche Monster zu machen?“
„Das halten wir nicht lange durch“
Dass der Westen immer noch so zögerlich reagiert, ist ihr unverständlich. „Warum dürfen denn die Flugzeuge aus Polen nicht geliefert werden“, fragt Titarenko, die an einer Militärhochschule in Charkiw unterrichtet hat. „Wenn wir unseren Luftraum nicht verteidigen können, dann halten wir das nicht mehr lange durch. Das überleben wir nicht.“
Dennoch wollen Oksana Titarenko und ihre Familie die Ukraine nicht verlassen, genauso wenig wie Helena Shubkina und ihr Mann Vadim. Letztere haben lange in Kiew ausgehalten, bis sie am Ende doch mit Mutter und Schwiegermutter aufgebrochen sind. Vadims Arbeitgeber, ein IT-Unternehmen aus New York mit Filiale in Kiew, hat eine Unterkunft in der Nähe der westukrainischen Stadt Ushhorod organisiert und finanziert.
Ukraine wichtiger IT-Standort
Wie Vadims Firma haben viele Unternehmen aus Europa und den USA in den vergangenen Wochen versucht, ihre ukrainischen Mitarbeiter in Sicherheit zu bringen. Gerade im IT-Bereich haben sich junge Ukrainer in den vergangenen Jahren internationales Renommee erworben. So verlassen sich unter anderem die Kreditvergleichsplattform Smava oder der Essenslieferant HelloFresh auf ukrainische IT-Dienstleister. Deren Programmierer entwickeln Apps oder machen Sicherheitstests. Für manche Kunden ersetzen sie inzwischen die gesamte IT-Abteilung.
Helena würde gern eine kleine Wohnung im Raum Ushhorod anmieten, da das Internet im Hotel nicht richtig funktioniert. Dann könnten sie und ihr Mann auch wieder arbeiten, sagt sie. Das wäre eine Ablenkung. Und das Geld könnten sie auch brauchen. Aber reiche Landsleute hätten den Wohnraum im noch sicheren Grenzgebiet weitgehend aufgekauft, sagt sie. Die Mieten steigen und steigen. Also bleiben die 33-Jährige und ihr Mann erst einmal im Hotel, in das sie ihre geliebten Katzen nicht mitbringen konnte, denn das Hotel verlangte für die Tiere einen saftigen Aufschlag. Die Katzen sind in Kiew geblieben, genauso wie Helenas Schwester mit der Oma, die sich weigert zu flüchten, obwohl ihr in der Nähe des Flughafens gelegenes Viertel häufig beschossen wird.
„Ich hoffe dass die Ukraine standhaft bleibt und sich nicht ergibt“, sagt die junge Frau. Allerdings, so befürchtet sie, werde das Land einen hohen Preis für seine Freiheit zahlen müssen. Aber es gebe keine Alternative: „Sonst gibt es nie Ruhe“, sagt sie.
Die Existenzgrundlage bricht weg
Vorübergehend etwas Ruhe gefunden hat Olesia Litvinova, die mit ihrem Mann und dem erst vier Monate alten Sohn am ersten Tag des Krieges die ukrainische Hauptstadt verlassen hat. Die Familie fand Unterschlupf in Haus eines Geschäftspartners in Transkarpatien, ganz in der Nähe der Grenze zu Ungarn. Mit dem Unternehmen von Ehemann Wolodymyr Molotschko, der sich auf Forstkartierung in der Ukraine und Belarus spezialisiert hat, steht es indes nicht gut. Das Geschäft ist fast komplett weggebrochen. Ihr Mann sei alleinig haftender Geschäftsführer, die deutschen Banken wollten mit ihm sprechen und er sitze jetzt in einem Dorf in Transkarpatien fest. Zu ihrem Leidwesen können die drei nicht in die Firmenwohnung nach Passau, weil der Ehemann und Vater mit seinen 55 Jahren der Generalmobilmachung unterliegt und nicht ausreisen darf. „Das ist so unsinnig. In seinem Alter und ohne jegliche Erfahrung will ihn die Armee ja gar nicht“, erzählt Olesia Litvinova.
Dass sie selbst einmal Flüchtlinge und auf die Hilfe anderer angewiesen sein könnten, das habe sie sich in ihren schlimmsten Träumen nicht vorstellen können. „Uns ging es wirklich gut. Wir waren beruflich erfolgreich und haben uns so über die Geburt unseres kleinen Wolodymyr gefreut“, sagt Litvinova. Nun sitzen sie an der Grenze fest und sorgen sich um die zum Teil hochbetagten Eltern, die Kiew nicht verlassen wollen.
Rollstuhl blieb in Charkiw
Nach Deutschland geschafft haben es Alexej Casanov und seine Mutter. Der unter der Glasknochenkrankheit leidende 39-Jährige wurde aus Charkiw herausgebracht und reiste über Polen nach Berlin weiter. Zu seinem großen Leidwesen hat er seinen 2016 von RHEINPFALZ-Lesern gespendeten Rollstuhl, auf den er angewiesen ist, in seiner umkämpften Heimatstadt zurücklassen müssen.
Alexej will in die Pfalz
Freiwillige holten Mutter und Sohn schließlich in Berlin ab und brachten die beiden vorübergehend in der Nähe von Würzburg in einer Wohnung unter, die jedoch nur über mehrere Stufen erreichbar ist und die Alexej deshalb ohne Hilfe nicht verlassen kann. Außerdem will der 39-Jährige weiter, am liebsten in die Pfalz.
Doch das gestaltet sich schwierig. Wenn die beiden nach Rheinland-Pfalz wollen, dürfen sie sich nämlich in Bayern nicht registrieren lassen. Wer einmal gemeldet ist, kann das jeweilige Bundesland kaum mehr wechseln. Das bedeutet aber auch, dass Mutter und Sohn vorerst keine Unterstützung bekommen.
Hilfe aus Ebertsheim
Spontane Hilfe kam nun von Tobias Hepp aus Ebertsheim im Donnersbergkreis. Der 66-Jährige ist querschnittsgelähmt und und hat sich bereit erklärt, die beiden in seinem barrierefreien Haus vorübergehend aufzunehmen. Ende des Monats werden sie wahrscheinlich abgeholt und in die Pfalz gebracht. Dann können sich Alexej und seine Mutter endlich registrieren lassen, damit sie ein wenig finanzielle Unterstützung bekommen und am Ende vielleicht auch eine dauerhaftere, behindertengerechte Bleibe irgendwo in der Pfalz finden.
