Fliehen oder ausharren? RHEINPFALZ Plus Artikel Wie sich zwei Frauen in Kiew entschieden haben

Mit Mann und Baby auf der Flucht: Olesia Litvinova.
Mit Mann und Baby auf der Flucht: Olesia Litvinova.

Olesia Litvinova will versuchen, mit ihrem Baby nach Deutschland zu fliehen. Helena Shubkina wird Kiew nicht verlassen.

Olesia Litvinova sitzt während des Telefonats mit der RHEINPFALZ schon im Auto – mit Ehemann und ihrem erst vier Monate alten Sohn. Die Familie hat das Nötigste gepackt und hofft, Kiew noch verlassen zu können. Auch dort schlagen Raketen ein; in ein Wasserkraftwerk, in Kasernen und rund um den Flughafen Boryspil. Die 35-Jährige bereut nun, dass sie so lange gewartet hat. Das es so schlimm kommen würde, hätte sie nie gedacht.

Fluchtpunkt Deutschland

Die Übersetzerin und ihr Mann hatten sich ein Unternehmen zur Forsterfassung, also zur Kartierung des Baumbestandes, aufgebaut: erst in der Ukraine, ab 2020 dann auch in Belarus. „Jetzt haben wir kein Geschäft mehr“, sagt sie. Glücklicherweise hat die Familie eine Wohnung in der Nähe von Passau, ursprünglich mal aus geschäftlichen Gründen, weil die Firma eng mit Österreichern und Deutschen zusammenarbeitet. Jetzt ist diese Wohnung der Fluchtpunkt. Über Polen wollen sie versuchen, nach Deutschland zu kommen. Doch ob die Grenzen noch offen sein werden, wissen sie nicht, und auch nicht, ob sie bei dem Verkehrschaos überhaupt aus Kiew herauskommen. Und das alles mit einem Säugling.

Raketenbeschuss aus Belarus

Kiew zu verlassen kommt für Helena Shubkina dagegen gar nicht in Frage. Auch wenn die Lage immer brenzlicher wird. Während des Gesprächs mit der RHEINPFALZ gibt es Luftalarm, offenbar wurden von belarussischem Gebiet vier ballistische Raketen Richtung Kiew abgefeuert. So vermeldet es zumindest kurze Zeit später das ukrainische Verteidigungsministerium. Die IT-Expertin hat sich gerade zusammen mit ihrem Mann eine Wohnung gekauft. An diesem Wochenende wollten sie mit dem Renovieren beginnen, sich ein Nest bauen, bald ein Kind haben. Das ist jetzt alles erst mal hinfällig.

Was bleibt, ist große Unsicherheit. Aber auch der Wille, der russischen Übermacht mutig entgegenzutreten. „Putin ist endgültig verrückt geworden“, sagt die 33-Jährige. Aber Flucht sei keine Option. „Wo sollen wir denn hin? Überall in der Ukraine, selbst im ganz im Westen, in Lwiw, schlagen jetzt russische Raketen ein.“ Putin wolle der Welt zeigen, dass die Ukraine ein gescheiterter Staat sei und sie von der Landkarte tilgen. „Aber da machen wir Ukrainer nicht mit.“ Die Menschen seien zum Widerstand bereit, und die ukrainische Armee werde alles tun, die russischen Truppen an der Grenze zu stoppen. Mit oder ohne Hilfe aus dem Westen. Und wenn es schon keine militärische Unterstützung gebe, dann hofft Helena Shubkina wenigstens auf „heftige Sanktionen gegen Russland, die Putin so richtig weh tun“.

Wird Kiew auf keinen Fall verlassen: Helena Shubkina.
Wird Kiew auf keinen Fall verlassen: Helena Shubkina.
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