Amok-Schutz RHEINPFALZ Plus Artikel Der Wurstmarkt wird zum Labor für mehr Sicherheit

Seit 2017 blockieren Wassertonnen die Zufahrt zum Wurstmarkt-Gelände. Mittlerweile gibt es professionellere Lösungen.
Seit 2017 blockieren Wassertonnen die Zufahrt zum Wurstmarkt-Gelände. Mittlerweile gibt es professionellere Lösungen.

Nach einer Amokfahrt im Dezember werden rheinland-pfälzische Städte zu Test-Kommunen für mehr Sicherheit: In Trier soll für viel Geld die Fußgängerzone besser vor mörderischen Auto-Attacken geschützt werden. Und in Bad Dürkheim geht es, natürlich, um den Wurstmarkt.

Sein Duell mit dem Lastwagen endet für den Hochsicherheitspoller mit einem klaren Sieg: Der Pfosten hat nach dem vom Hersteller gefilmten Test-Aufprall zwar hässliche Kratzer, aber er steht genauso aufrecht wie zuvor. Sein Gegner hingegen – immerhin ein Zwölftonner, der mit einer Geschwindigkeit von 80 Kilometern in der Stunde angedonnert kam – hat sich in einen Blechhaufen verwandelt, der mit aufgeschlitztem Unterbau und abgekipptem Führerhaus nurmehr für den Schrottplatz taugt.

Tiefe Fundamente

Doch Widerstandskraft hat ihren Preis.

Als feststehendes Hindernis brauchen Hochsicherheitspoller ein straßenbreites Fundament. Und wenn sie versenkbar sein sollen, müssen für sie sogar je zwei Meter tiefe Löcher gegraben werden. Weshalb oft Versorgungsleitungen umgelegt werden müssen, was die Sache noch teuerer macht: 750.000 Euro soll es kosten, dass die Stadt Trier nun einen Abschnitt ihrer Fußgängerzone mit mehreren Super-Pfosten und weiteren Hindernissen vor Terror- und Amokfahrern schützen lässt.

Allerdings ist es mit dem Areal vor dem Bischofshaus längst nicht getan: Insgesamt ist die Innenstadt-Flaniermeile jetzt in zehn Zonen unterteilt, die nach und nach gesichert werden. Womit sich die Kosten auf geschätzte 6,6 Millionen Euro summieren. Dabei hatte die Stadt schon ein fast fertiges und viel billigeres Konzept, um verbotene Einfahrten zu unterbinden. Doch dabei hatte sie auf gewöhnliche Poller gesetzt, die beim Aufprall umknicken: weil sie Verkehrsregeln durchsetzen, aber keine motorisierten Attentäter abhalten sollen.

Umgeplant nach Amokfahrt

Umgeplant hat die Verwaltung nun, weil Ende 2020 ein Amokfahrer mit einem Geländewagen im mörderischen Zickzack-Kurs durch eigentlich gesperrte Innenstadt-Straßen raste: Binnen weniger Minuten tötete er fünf Menschen, Dutzende wurden zum Teil schwer verletzt. Anschließend räumten die Verwaltungen der großen Pfälzer Städte ein: Auch in ihren Fußgängerzonen gibt es keine Barrikaden, die so einen Verbrecher stoppen oder wenigstens bremsen könnten – weshalb sie nun über neue Konzepte nachdenken müssen.

Und so hat Landau mittlerweile Fachleute eingeschaltet, die Vorschläge für die Fußgängerzone und den Alten Messplatz erarbeiten sollen. Eine erste Besprechung dazu ist für Mitte Oktober angesetzt. Kaiserslautern hingegen ist bislang kaum vorangekommen, eine Rathaus-Sprecherin sagt: „Wir befinden uns nach wie vor in den Abstimmungsprozessen.“ Und für Ludwigshafen gilt: Entsprechende Überlegungen werden berücksichtigt, wenn bei anstehenden Großprojekten öffentliche Plätze neu gestaltet werden.

Freie Bahn mit Handy

Allerdings gibt es auch Zweifel daran, dass teure Barrikaden tatsächlich sinnvoll sind. Denn es gibt jede Menge Leute, die weiterhin eine Einfahr-Möglichkeit brauchen und deshalb von versenkbaren Pollern durchgelassen werden müssen. Doch aufwendige Absperrsysteme werden nutzlos, wenn Zugangscodes an einen unübersehbar großen Nutzerkreis herausgegeben werden – ein Problem, auf das Trier mit den zehn Teil-Zonen reagiert. Anwohner etwa kommen künftig nur noch in jenen Abschnitt, in dem ihr Haus steht.

Die gleiche Einschränkung gilt auch für Handwerker: Sie müssen vorab mitteilen, wo genau sie arbeiten wollen. Dann erhalten sie für dieses Areal eine befristete Zugangsberechtigung – einen Code, den sie mit dem Handy an die Poller übermitteln und sie so versinken lassen. Eine Freigabe für die komplette Fußgängerzone haben hingegen nur noch Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste: Ihre Fahrzeuge werden mit Signalgebern ausgestattet, die schon bei bloßer Annäherung die Sperren abtauchen lassen.

Sicherheit beim Wurstmarkt

Mit diesem ausgeklügelten System wird Trier nun zur Test-Kommune für mehr „urbane Sicherheit“, weshalb das Land den Innenstadt-Umbau zu 90 Prozent bezahlt. Eine ähnliche Vorreiterrolle für Rheinland-Pfalz übernimmt aber auch Bad Dürkheim. Dort allerdings geht es nicht in erster Linie um die Fußgängerzone, sondern – natürlich – um den Wurstmarkt. Bürgermeister Christoph Glogger (SPD) erläutert: Die Kurstadt soll herausfinden, wie eine relativ kleine Kommune Großveranstaltungen besser schützen kann.

Zwar wird auch bislang schon allerorten versucht, Fasnachtsumzüge oder Volksfeste vor Attacken mit Autos oder Lastwagen abzuschirmen. Dabei arbeiten die Verwaltungen bislang mit improvisierten Lösungen: Manche setzen auf Betonblöcke, andere auf quergestellte Müllautos. Bad Dürkheim schützt die Wurstmarkt-Zufahrten seit 2017 mit großen Wassertonnen. Weil sie die Wucht eines Aufpralls besser abfedern als starre Hindernisse, gelten sie als wirkungsvoller. Und leichter auf- sowie abbauen lassen sie sich ohnehin.

Systeme weiterentwickelt

Doch mittlerweile, sagt Glogger, haben Tüftler solche Wasssertonnen-Schutzsysteme professionell weiterentwickelt. Also könnte Bad Dürkheim beim nächsten Wurstmarkt austesten, wer die praktischsten Modelle entwickelt hat. Und: Es gibt noch mehr Sicherheitsfragen, über die die Verwaltung nachsinnen soll. Zum Beispiel, wie sich ein proppenvolles Festgelände im Notfall rasch räumen lässt.

In Trier werden jetzt Hochsicherheitspoller eingebaut.
In Trier werden jetzt Hochsicherheitspoller eingebaut.
Landau hat ein Planungsbüro engagiert, das über mehr Sicherheit für die Fußgängerzone nachdenken soll.
Landau hat ein Planungsbüro engagiert, das über mehr Sicherheit für die Fußgängerzone nachdenken soll.
x