Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Klima-Experte: Künftig häufiger Temperaturen von über 40 Grad in Speyer

Es wird heiß: Die durchschnittlichen Temperaturen in der Vorderpfalz steigen. Im Sommer gibt es immer mehr Hitzetage.
Es wird heiß: Die durchschnittlichen Temperaturen in der Vorderpfalz steigen. Im Sommer gibt es immer mehr Hitzetage.

Mildere Winter, Trockenheit und Starkregen: Der Klimawandel trifft die Vorderpfalz heftig. Worauf sich die Speyerer einstellen müssen, erläutert Klima-Experte Wolfgang Lähne.

Herr Lähne, in Speyer wird seit Längerem diskutiert, wie man die Domstadt besser an die voraussichtlichen klimatischen Veränderungen anpassen kann. Gerade die Innenstadt gilt als Ort, der sich im Sommer sehr stark aufheizt. Zumindest etwas Milderung bringen sollen begrünte Sitzgruppen, sogenannte Oasen, in der Maximilianstraße und auf dem Domplatz. Ein Schritt in die richtige Richtung?
Ich möchte es so ausdrücken: Jegliches Grün hilft. Um die hohen Lufttemperaturen in einer dicht bebauten Siedlung wie Speyer zu dämpfen, muss man so viel Grün wie möglich in die Stadt holen. Allerdings reichen die Kübel mit Pflanzen und Bäumchen in der Maximilianstraße bei Weitem nicht aus. Sie beschatten und bieten Gelegenheit zum Ausruhen. Doch damit sich dort tatsächlich ein stadtklimatisch messbarer Effekt einstellt, bräuchte es viel mehr Maßnahmen.

Welche denn?
Beispielsweise wäre es gut, wenn Dächer und Fassaden begrünt würden. Mir ist bewusst, dass der Denkmalschutz dem entgegenstehen kann. Aber im Fall von Galeria hätte der wohl auch nichts einzuwenden. Auch bräuchte es auf der Maximilianstraße wie auf dem Domplatz richtige Bäume. Dort ist es im Sommer oft kaum auszuhalten. Entsiegelung wäre das Schlagwort. In Mannheim erprobt man zum Beispiel das Konzept der Tiny Forests. Das sind Mini-Wälder, die mitten in den Siedlungsbereich gepflanzt werden. Man könnte auch überlegen, den Speyerbach freizulegen um ähnlich wie in Freiburg Wasser in die Altstadt zu bringen.

Warum sind mehr Pflanzen in der Stadt so wichtig?
Pflanzen und auch Wasserflächen sorgen für mehr Verdunstung. Sie kühlen und befeuchten somit die Umgebung. Außerdem heizen sich Grünflächen weit weniger stark auf als Oberflächen aus Stein, Beton oder Asphalt. Zusammen mit der Schattenwirkung wirkt das tagsüber angenehmer. Den wichtigsten Effekt kann man jedoch im Sommer nachts beobachten: Versiegelte Flächen strahlen noch lange Wärme ab, was dazu führt, dass es in dicht bebauten Bereichen viel zu langsam abkühlt.

Klima-Kenner: Seit vielen Jahren befasst sich der Römerberger Wolfgang Lähne mit der Auswertung meteorologischer Daten. Der Klim
Klima-Kenner: Seit vielen Jahren befasst sich der Römerberger Wolfgang Lähne mit der Auswertung meteorologischer Daten. Der Klimawandel ist messbar, sagt er.

Die Innenstadt ist nachts daher wärmer als die grüneren Randzonen oder gar das Freiland?
Ja, und in Speyer kann das bei Hitzewellen abends und nachts mehr als 5 Grad ausmachen. Viele Menschen empfinden das gerade im Sommer als sehr belastend. Ideal wäre es daher auch, Durchlüftungsachsen vom Stadtrand in die Innenstadt freizuhalten, damit ein Luftaustausch stattfinden kann. Dass die historische Bausubstanz dem entgegensteht, ist aber auch klar.

Ist die Warnung vor den Folgen des Klimawandels für unsere Region nicht übertrieben? Politisch ist er jedenfalls derzeit kaum noch Thema.


Das sähe vermutlich anders aus, hätte die Bundestagswahl nicht im Februar stattgefunden, sondern nach einem heißen, trockenen Sommer. Es führt kein Weg daran vorbei, unsere Städte stärker auf klimatische Veränderungen einzustellen. Denn diese sind unzweifelhaft. Zumindest, was die Entwicklung der Temperaturwerte angeht.

Was erwartet uns da?
Alle Messreihen zeigen, dass die globale Jahresmitteltemperatur steigt. In Mitteleuropa und in der Vorderpfalz klettert sie sogar noch stärker als es die bisherigen Prognosen vermuten ließen. In Mannheim wurde im Zeitraum von 1961 bis 1990 eine Jahresdurchschnittstemperatur von 10,2 Grad gemessen. Im Zeitraum von 2015 bis 2024 lag sie bereits bei 12,1 Grad. Hier sehen wir spätestens seit dem Beginn der 1990er-Jahre einen steilen Anstieg. Seit den 1980er Jahren erkennen wir in den Messreihen keinen kalten Winter mehr. Dafür werden die Sommer immer wärmer. Im Zeitraum von 2015 bis 2024 verzeichnete Mannheim eine durchschnittliche Sommertemperatur von 20,9 Grad. In der Spanne von 1961 bis 1990 waren es noch 18,5 Grad. Und das Ende der Fahnenstange ist sicher nicht erreicht.

Kalte Füße: Abkühlung ist wichtig, nicht nur für den Menschen. Auch dicht bebaute Städte wie Speyer, die sich stark aufheizen.
Kalte Füße: Abkühlung ist wichtig, nicht nur für den Menschen. Auch dicht bebaute Städte wie Speyer, die sich stark aufheizen.

Worauf müssen wir uns also einstellen: auf Tageshöchstwerte von 40 Grad und mehr?
Das ist nicht übertrieben. Wie registrieren eine Zunahme an heißen Tagen. Das sind diejenigen, an denen die Höchsttemperatur die 30-Grad-Marke überschreitet. Erstmals wurde bei uns im Jahr 2003 ein Wert von über 40 Grad gemessen, das gab es in den ganzen Messreihen seit 1880 nicht. Werte von deutlich über 40 Grad sind durchaus vorstellbar. Zu erwarten ist, dass sich im Rheingraben ein Klima einstellt wie in der norditalienischen Po-Ebene.

Wird es dann in der Vorderpfalz auch trockener?
Das lässt sich nicht so eindeutig beantworten wie bei der Temperatur. Niederschlag ist örtlich sehr variabel, häufig mangelt es regional zudem an Messwerten. Was man aus den Zeitreihen ablesen kann, ist eine Zunahme der Niederschläge im Winterhalbjahr, weil wir da mehr Westwetterlagen haben, die feuchte Luft vom Atlantik zu uns bringen. Im Sommer hingegen erkennen wir eine tendenzielle Abnahme der Niederschläge, besonders in der ohnehin etwas trockeneren Vorderpfalz. Die Jahressumme des Niederschlags hingegen schwankt sehr stark. Ich würde sagen, dass die Anzahl der Tage mit Niederschlag zurückgehen. Doch einzelne Ereignisse können die Werte sehr stark beeinflussen.

Sie meinen vermutlich solche sintflutartigen Regenfälle mit Überschwemmungen wie zuletzt in Mechtersheim im Mai 2023. Kommen davon noch mehr auf uns zu?
Wenn die Temperatur steigt, kann die Luft zugleich mehr Wasser aufnehmen. Das Potenzial für Starkregen steigt also - rein physikalisch gesehen, aber ohne dass sich bislang ein eindeutiger statistischer Trend ablesen ließe. Meine Prognose für die Region ist, dass wir mit mehr Starkregenereignissen rechnen müssen. Die werden wohl eher kleinräumig ausfallen, aber womöglich verheerende Ausmaße erreichen. In Römerberg haben wir in den vergangenen zehn Jahre bereits eine punktuelle Häufung starker Niederschläge erlebt. Das ist meines Erachtens aber Zufall und noch kein gesicherter Trend. Trotzdem sollten wir uns vorbereiten, auf auch Ereignisse wie extreme Hochwasser.

Nasse Füße: Sintflutartige Regenfälle haben sich mehrfach über Römerberg ergossen, Schlammmassen wurden zuletzt 2023 in den Orts
Nasse Füße: Sintflutartige Regenfälle haben sich mehrfach über Römerberg ergossen, Schlammmassen wurden zuletzt 2023 in den Ortsteil Mechtersheim geschwemmt.

Was könnte uns diesbezüglich drohen? Bisher ging der Kelch gottlob an Speyer vorüber, vielleicht bis auf die Überflutung der Altstadt 1955.
Mehr Energie und Feuchtigkeit in der Atmosphäre bedeutet eben auch mehr zerstörerisches Potenzial. Die schweren Unwetter samt Überschwemmungen im September 2024 in Österreich hätten uns ebenso treffen können. In dem Fall hätten wir uns vermutlich einem 200-jährlichen Hochwasser gegenübergesehen. Aus dem Rheinatlas ist abzulesen, was das für die Region bedeutet. In dem Fall wäre im Speyerer Süden samt Neuland und Industriegebiet Land unter, dazu in der Altstadt in großen Bereich im Osten der Stadt. Auch Teile der Umlandgemeinden am Rhein würden überschwemmt, eben alles, was nicht auf dem Hochufer steht. In Ludwigshafen wären wohl 60 Prozent der Stadt überflutet. Das zeigt, wie dringend wir Polder wie den in Altrip geplanten brauchen.

Dabei reden wir doch viel mehr über die Trockenschäden von Bäumen und den Wasserbedarf der Landwirtschaft.
Beide Entwicklungen schließen sich nicht aus. Es gibt einzelne Extremereignisse, die vermutlich an Anzahl zunehmen. Und es gibt den langfristigen Trend, dass Trockenphasen häufiger und auch länger werden. Auch hier haben wir die physikalische Gesetzmäßigkeit, dass das Feuchtigkeitsdefizit zunimmt, je wärmer es wird. Allein schon durch die steigende Verdunstung. Die Landwirtschaft wird sich langfristig auf andere Anbauprodukte einstellen müssen, die weniger Wasser benötigen. Dennoch bin ich zuversichtlich, dass die Folgen des Klimawandels in Mitteleuropa noch zu meistern sein werden, technisch wie finanziell. Im Mittelmeerraum sieht es da schon anders aus.

Zur Person

Dr. Wolfgang Lähne (64) hat Klimageographie studiert und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Meteorologie, Stadtklima sowie mit dem Klimawandel in der Region. Der Römerberger ist zudem Mitarbeiter des Wetterbüros Klima-Palatina in Maikammer und berät derzeit die Stadt Mannheim beim Aufbau eines Netzes aus Klima-Messstationen.

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