Bad Dürkheim
Nicht öfter, aber extremer: Meteorologe über Gewitter und Klima
Herr Lähne, wir haben bereits am Donnerstag kurz miteinander gesprochen. Lässt sich denn jetzt, einige Tage später, erklären, wie es zu diesem Gewitter und dem Starkregen gekommen ist?
Es ist schwer, diese Frage zu klären, da bei jedem Gewitter viele und teilweise zufällige Faktoren eine Rolle spielen. Was man sagen kann: Wir hatten einen Luftmassenwechsel mit sehr labiler Luft, die in der Nacht von Süden kommend über uns hinweggezogen ist. Wieso es im Detail so ein verstärktes Gewitter war und es lokal zu besonders starken Ereignissen kam, würde sich nur mit erheblichem Aufwand nachträglich bestimmen lassen.
Wieso?
Gewitterprognosen sind immer sehr schwierig. Zum einen sind da nicht genug Messdaten, weil nur alle 25 oder sogar nur 100 Kilometer eine Messstationen vorhanden ist und wir zu wenig Daten aus höheren Atmosphärenschichten haben. Die Messungen sind also nicht räumlich vollständig. Zum anderen sind uns nicht alle physikalischen Parameter ganz exakt bekannt. Hier passt theoretisch auch die Schmetterlingstheorie aus der Physik: Der Flügelschlag eines Schmetterlings könnte durch verschiedene Faktoren nach drei Monaten einen Tornado irgendwo anders auslösen.
Also ist die Vorhersage eines Gewitters unmöglich?
Gewitter sind hochkomplex, man kann sie trotz moderner Technik nie genau vorhersagen. Kurzfristig kann man die Wahrscheinlichkeiten ganz gut berechnen. Doch je weiter wir in die Zukunft gehen, umso schwerer ist es. Auch der genaue Ort und die Intensität lassen sich nur abschätzen. Weil es eben so wenig Daten gibt, um genaueres vorherzusagen.
Hat der Klimawandel etwas mit den Unwettern zu tun?
In der Theorie: ja. Schließlich steigt die Fähigkeit der Luft, Feuchtigkeit aufzunehmen, mit der Temperatur. Je wärmer es ist, desto feuchter kann die Luft werden. Trotzdem gibt es ja beispielsweise im Mittelmeerraum deshalb nicht mehr Gewitter als hier. Nicht nur die Temperatur, sondern die vertikale Schichtung spielen eine Rolle. Man kann sagen: Labile Luftschichten bedingen Gewitter. Wenn feucht-warme Luft aufsteigt und dort abkühlen kann, regnet es ab. Aber vereinfacht gesagt: Wenn ein Hoch sich bis in große Höhen erstreckt und es auch in höheren Schichten relativ warm ist, kann auch heiße Luft kaum nach oben steigen und somit Wolken oder Gewitter bilden . Das lässt dann sogenannte Schönwetterwolken entstehen, was auch die Segelflieger nutzen.
Aber werden solche Gewitter jetzt öfter über uns einbrechen?
Es wird wegen des Klimawandels jetzt nicht unbedingt mehr Gewitter geben. Aber die extremen Ereignisse werden sich tendenziell verstärken. Bedeutet also: Nicht häufiger, aber durchaus heftiger. Auch mit Starkregen würde ich jetzt nicht vermehrt rechnen. Statistisch gesehen gab es da ja schon immer Schwankungen und momentan sind wir nicht darüber hinaus. Auch hatten wir in den vergangenen Jahren sehr heiße Sommer, die eher selten mit Gewittern behaftet waren.
Ich kann mich auch an ein extremes Ereignis 1999 in Mannheim erinnern. Das war noch vor der Klimawandel-Diskussion. Es müssen eben viele Bedingungen und Zufälle aufeinandertreffen, dass solche Gewitter entstehen. Einzelfaktoren, die ihr Potenzial erst im Zusammenspiel entfalten können.
Sollte man verstärkt Maßnahmen ergreifen, um Schäden abzumildern?
Es ist definitiv sinnvoll, sich darüber Gedanken zu machen. Denn obwohl Klima vielleicht nicht das Argument ist, die wachsende Bevölkerung ist es auf jeden Fall. Immer mehr Land wird durch das Schaffen von Wohnräumen versiegelt. Niederschlagswasser kann nicht mehr richtig versickern. Um das abzufangen, wäre es gut, bestimmte Bereiche freizuhalten und naturnah zu belassen. Es wäre auch zu überlegen, gerade landwirtschaftlich genutzte Felder am Hang auf- und der Natur zurückzugeben, um den Abtrag von Wasser und Erde zu ermöglichen. Das wäre auf Dauer billiger als die wirtschaftlichen Schäden nach einem solchen Unwetter. Aber das ist ein schwer lösbarer Konflikt, da es auch die Landwirte betrifft. Ich hoffe trotzdem, dass irgendwann eine für alle Parteien akzeptierte Lösung gefunden wird.
Auch am Montagabend hat die Region wieder ein Unwetter getroffen. War es vergleichbar mit dem vergangene Woche?
Das Gewitter war diesmal enger begrenzt und hat nur den Nordosten von Bad Dürkheim betroffen. Während es am Pfalzmuseum nur ungefähr fünf Liter pro Quadratmeter in einer Stunde geregnet hat, waren es am Flugplatz 55 Liter pro Stunde. Einen großen Messwert hatten wir auch in Weisenheim am Berg. Hier fielen 55,9 Liter pro Quadratmeter in einer Stunde. Dass es ausgerechnet wieder Bad Dürkheim und die Umgebung getroffen hat, war Zufall. Laut Radar-Daten ist das Gewitter über Weisenheim weiter bis nach Frankenthal gezogen.
Die nächsten Tage ist die Wahrscheinlichkeit für Gewitter aber gering, einfach weil nach den Starkregen nicht mehr so viel Energie vorhanden ist. Es wird wohl nur zu lokalen Schauern kommen.