Interview
Hitzetage in Speyer: „Das ist statistischer Unsinn“
Herr Lähne, in Speyer gab es in den vergangenen Jahren rund 23 Tage mit 30 Grad und mehr pro Jahr. Klingt nach super Sommer und Badewetter, oder?
Zunächst einmal muss ich sagen, dass das eigentlich statistischer Unsinn ist.
Speyer hat seit 1894 keine Klimastation mehr. Die Daten für Speyer sind aus denen der Wetterstation in Waghäusel interpretiert. Hier wurden in den vergangenen Jahren tatsächlich bundesweit die meisten heißen Tage gemessen. Ob das dort aus einer Kombination mikroklimatischer Ursachen und lokaler Messbedingungen resultiert, ist nicht ganz klar. Speyer ist einfach die nächstgelegene größere Stadt zu dieser Wetterstation und in Städten ist es tendenziell noch einmal etwas wärmer als auf der freien Fläche. Für die Freizeit im Sommer klingen heiße Tage natürlich toll, wenn man abends nochmal in den Pool springen kann. Aber die Wärmebelastung in den Städten, wenn es auch um Mitternacht nicht unter 30 Grad abkühlt, bringt natürlich auch viele negative Effekte mit sich. Der Klimawandel spielt dabei eine große Rolle. Wir können bei den Wetteraufzeichnungen in unserer Region bis ins 18. Jahrhundert zurückblicken und finden kein Jahrzehnt, in dem es ähnlich heiß gewesen wäre.
Dabei kam mir der Sommer in diesem Jahr in der Domstadt gar nicht so heiß vor?
Das stimmt. Wir hatten in diesem Sommer nur eine heiße Phase im Juni mit Temperaturen um die 36 Grad. Für die Statistik wurde ja aber auch der Durchschnitt eines Jahrzehnts zugrunde gelegt. Extrem heiße Sommer hatten wir beispielsweise 2019 und 2015 mit Temperaturen nahe der 40-Grad-Marke. Das gab es so früher nicht. In den kommenden Jahren wird sich das auch noch verschärfen. Temperaturen um die 42 oder 43 Grad werden dann nicht unwahrscheinlich sein. Die Wahrscheinlichkeit eines kühlen Sommers wird hingegen abnehmen.
Nach Speyer folgen auf der Liste Ludwigshafen, Mannheim, der Rhein-Pfalz-Kreis und Frankenthal. Woran liegt es, dass die Vorderpfalz in dieser Kategorie so viele Spitzenreiter hervorbringt?
Die Daten für Ludwigshafen, den Rhein-Pfalz-Kreis und Frankenthal beziehen sich auf Wetterstationen des Deutschen Wetterdienstes, die sich in Mannheim, Bad Dürkheim und Worms befinden. Die Liste ist nicht verwunderlich, Speyer und die ganze Region am nördlichen Oberrhein liegen in der wärmsten Zone Deutschlands. Wir sind hier weit vom im Sommer kühlenden Atlantik beziehungsweise der Nordsee entfernt. Zudem befinden wir uns in einer tiefen Senke nur 100 Meter über dem Meeresspiegel, die obendrein noch von Mittelgebirgen abgeschattet ist. Das sind gute Voraussetzungen dafür, dass es bei südlichen Luftströmungen besonders warm werden kann.
Laut dem Deutschen Wetterdienst ist bis 2060 bei ungebremstem Treibhausgasausstoß mit einer weiteren Zunahme von zehn bis 20 heißen Tagen in Süddeutschland zu rechnen. Bedeutet das, dass unsere Enkel und Urenkel die Domplatte im Sommer nicht mehr unter 30 Grad erleben werden?
Das ist eine Szenarienrechnung des Deutschen Wetterdienstes, in der die Temperatur global und regional um einen bestimmten Faktor steigt. In den vergangenen Jahren hatten wir eine überproportionale Erwärmung. Es kann aber sein, dass der Anstieg in den nächsten Jahren geringer ist. Es kann auch sein, dass nun zwei oder drei kühlere Sommer folgen. Grundsätzlich werden die Temperaturen aber zunehmen. Mitte des 21. Jahrhunderts werden unsere Sommer hier mit denen in der italienischen Po-Ebene vergleichbar sein. Mensch und Natur werden sich auf die steigenden Temperaturen einstellen können. Kritisch wird allerdings der steigende Meeresspiegel, der damit einher geht, wenn die polaren Eiskappen verstärkt abschmelzen.
Sie sprechen es an, die extreme Hitze verursacht ja auch noch andere Gefahren: Starkregen, Hochwasser, Sturzfluten resultieren daraus. Ist Speyer als Spitzenreiter da besonders gefährdet?
Nein. Sturzfluten wie jüngst im Ahrtal wird es in Speyer nicht geben. Sorgen müssen wir uns in der oberrheinischen Tiefebene eher bei anhaltendem Dauerregen machen. Bei einem Hochwasser, wie es statistisch gesehen alle 200 Jahre vorkommt, würden die Dämme überschwemmt und das Altstadtviertel unter Wasser stehen. Noch stärker betroffen wären aber Mannheim und Ludwigshafen.
Gefühlt werden auch die Winter immer wärmer. Halten Sie es für möglich, dass in einigen Jahren sogar die Weihnachtsmesse im Dom bei 30 Grad gefeiert werden muss?
Nein, dazu wird es nicht kommen. Für solche Temperaturen fehlt im Winter einfach die Sonneneinstrahlung. Aber es stimmt, dass auch die Winter in den vergangenen Jahren wärmer geworden sind. Temperaturen nahe der 20-Grad-Marke an Weihnachten können durchaus vorkommen. Ebenso sind strenge Winter mit wochenlangem Dauerfrost weiterhin möglich. Sie werden seltener werden, sind aber auch nicht ausgeschlossen Die generelle Tendenz ist klar: Immer wärmere Sommer und immer mildere Winter.
Zur Person
Wolfgang Lähne (60) ist studierter Klimageograf. Er beschäftigt sich mit Meteorologie und dem Klimawandel in der Region. Der gebürtige Mannheimer wohnt in Römerberg und ist Mitarbeiter von Klima-Palatina in Maikammer.