Rhein-Pfalz-Kreis
Hochwasserschutz: Kreis und Gemeinde sehen Verbesserungsbedarf
Welches Szenario wurde bei der Übung zugrunde gelegt?
Bei der Probe für ein Jahrhunderthochwasser sind die Verantwortlichen von einem Rheinpegel von mehr als neun Metern ausgegangen. Krisenstäbe auf Verbandsgemeinde- und Kreisebene traten im Rathaus in Waldsee und im Katastrophenschutzzentrum in Schifferstadt zusammen. Bei der Firma Rohr an der Schlicht wurden Sandsäcke gefüllt, die zwischen Waldsee und Altrip auf dem Deich verbaut wurden. In der Altriper Maxschule probten Statisten mit dem Rettungsdienst die Evakuierung eines Altenheims. Im Einsatz waren Mitglieder von Feuerwehren aus dem Rhein-Pfalz-Kreis, der Rettungsdienst, das Technische Hilfswerk, die DLRG, die Bundeswehr und die Polizei. Die Übung endete damit, dass Altrip hätte evakuiert werden müssen, weil es die Einsatzkräfte nicht mehr schafften, den Deich zu verteidigen. Zuvor war das Sandsackfüllgerät ausgefallen, das erstmals unter Volllast im Einsatz war.
Welche Erkenntnisse werden aus der Übung gezogen und wie wird der Katastrophenschutz weiterentwickelt?
In einer gemeinsamen Stellungnahme weisen die Rhein-Pfalz-Kreisverwaltung unter Leitung von Landrat Clemens Körner (CDU) und Rheinauens Bürgermeister Patrick Fassott (SPD) erst mal darauf hin, dass die einzelnen Einheiten seit einiger Zeit nicht mehr ein so großes Szenario geübt hatten. Daher habe ein besonderes Augenmerk auf den internen Abläufen und Strukturen gelegen. „Es sind, wie bei solchen Großübungen normal, einige Verbesserungsmöglichkeiten aufgedeckt worden. Diese bestehen vor allem im Bereich des gegenseitigen Informierens und der Beschreibung der Arbeitsprozesse“, heißt es in der Stellungnahme.
Die Kommunikation zwischen den einzelnen Kreiseinheiten wird darin als positiv bezeichnet. „Vor allem die technische Einsatzleitung und der Verwaltungskrisenstab, die bei Großschadenslagen eng zusammenarbeiten müssen, konnten einen guten Austausch herstellen. Diese Vorgehensweise hat bei den Beteiligten durchweg positiven Anklang gefunden und soll zukünftig weiter vertieft werden“, heißt es. Die Stellungnahme schließt mit der Bemerkung, „dass die Großübung mit erwartbaren Ergebnissen zu Ende ging und ein durchweg positives Fazit verbleibt“. Wichtige Arbeitsfelder für die Zukunft werde die Schulung der aktuellen und künftigen Stabsmitglieder sein sowie die Einarbeitung der gewonnenen Erkenntnisse in die Alarm- und Einsatzpläne.
Welche konkreten Erkenntnisse fließen in die Alarm- und Einsatzplanung und wie profitieren auch andere Kreisgemeinden davon?
Die Überarbeitung der Alarm- und Einsatzpläne sei ein wiederkehrender Prozess. Dabei werden zum Beispiel die Meldeprozesse ständig aktualisiert und die Organigramme durch die Erkenntnisse der Übung erweitert, heißt es auf Nachfrage. Grundsätzlich stünden die Pläne auf Kreis- und Landesebene allen Gemeinden zur Verfügung. Außerdem sollen die Erfahrungen aus der Übung in verschiedenen Kooperationsformen – zum Beispiel bei Treffen der Wehrleiter oder der Ordnungsamtsleiter – nachbereitet werden. Des Weiteren möchte die Kreisverwaltung an Fortbildungsangeboten für die Gemeinden festhalten, die es ihren Angaben zufolge auch vor der Übung gegeben hat. Das Fachreferat in der Kreisverwaltung befinde sich in regem Austausch mit den Gemeinden bei der Planung und Vernetzung der Aufgaben und Stäbe, heißt es aus dem Kreishaus.
Bei der Hochwasserübung haperte es an der Kommunikation. Wie soll diese verbessert werden?
„Die bereits gute Kommunikation zwischen Kreisgemeinden untereinander, aber auch mit der Kreisverwaltung wird nun auch auf die in den Kreisgemeinden bereits gebildeten Verwaltungsstäbe übertragen. Hierzu sind weitere Treffen sowie ein Austausch geplant“, teilt die Kreisverwaltung in Abstimmung mit der Verbandsgemeinde Rheinauen auf Nachfrage mit. Im Ernstfall, wenn zahlreiche Einsatzkräfte beziehungsweise freiwillige Helfer koordiniert werden müssen, sei die Kommunikation auf mehreren Ebenen via Digitalfunk, Mobiltelefone und E-Mail möglich, heißt es von den Behörden.
Wer übernimmt die Information der Bevölkerung?
Dafür sei die örtliche Einsatzleitung, also entweder der Bürgermeister oder bei einer Großlage der Landrat, beziehungsweise ein Beauftragter zuständig. „Die Kommunikation ist abhängig von der Lage und kann vielfältig erfolgen“, heißt es vom Kreis und der Verbandsgemeinde. Sie nennen Warnmittel wie die App Katwarn, aber auch Informationen in den lokalen Medien, Radio und Fernsehdurchsagen, Lautsprecherdurchsagen und Sirenen. Die Verbandsgemeinde Rheinauen habe für den Katastrophenfall zusätzlich ein Bürgertelefon eingerichtet, sagt Bürgermeister Patrick Fassott.
Wann wird ein Evakuierungsplan für Altrip erstellt? Die Gemeinde ist bei Hochwasser wegen ihrer Rheinnähe besonders bedroht.
Der Kreis erstelle nicht für jede einzelne Ortsgemeinde einen Evakuierungsplan. Dafür gebe es im Übrigen auch keine Pflicht, sagt die Kreisverwaltung. Sie verweist stattdessen auf einen allgemeinen Alarm- und Einsatzplan „Evakuierung“, der unter anderem mit den Erfahrungen aus der Übung überarbeitet werde. Eine Vorabinformation für die Bürger, was in diesem Evakuierungsplan festgelegt wird, sei nicht vorgesehen, heißt es aus dem Kreishaus. In Altrip fordert die Bürgerinitiative Hochwasser- und Naturschutz seit Jahren ein Konzept für den Katastrophenfall.
Die Verbandsgemeinde Rheinauen hat 2021 ein Hochwasser- und Starkregenschutzkonzept in Auftrag gegeben, das auch auf das Thema Evakuierung eingehen und nicht nur für Altrip, sondern Verbandsgemeinde-weit Sammelpunkte bestimmen werde, weist Patrick Fassott hin. Ihm zufolge fand bereits ein Gespräch mit dem Ordnungsamt und dem Ingenieurbüro statt, das das Konzept erstellt. Weitere Gespräche und Treffen folgen. Wann der Öffentlichkeit Ergebnisse präsentiert werden können, sei schwer abzuschätzen und hänge von dem beauftragten Büro ab, sagt Fassott.
Wird weiteres Material für die Deichverteidigung angeschafft und wer kümmert sich darum?
Die Hochwasserübung hat gezeigt, dass im Katastrophenfall zahlreiche Helfer und Tonnen von Material benötigt werden. Eine Fachfrau des THW hatte berechnet, dass für ein 1,5 Kilometer langes Deichstück, das um 30 Zentimeter erhöht werden soll, allein 25.000 bis 30.000 Sandsäcke gebraucht werden und 60 Helfer etwa zehn Stunden beschäftigt wären. Vom Rhein-Pfalz-Kreis heißt es dazu: „Sofern sich im Zuge der weiteren Absprachen zwischen dem Kreis und den Gemeinden ein Materialbedarf ergeben sollte, erfolgt eine entsprechende Beschaffung.“ Der Verbandsgemeinde Rheinauen hat die Übung laut Bürgermeister Fassott klar gezeigt, dass nur ein Sandsackfüllgerät im Katastrophenfall nicht ausreicht. Das Gerät, das bei der Übung im Einsatz war, gehört der Verbandsgemeinde und ist wieder funktionsfähig.
