VG Rheinauen RHEINPFALZ Plus Artikel Hochwasser-Übung am Rhein: So realistisch ist die Katastrophe

Unter Wasser: die Campingplätze in den Rheinauen, wie hier in Otterstadt beim Hochwasser im Januar/Februar 2021.
Unter Wasser: die Campingplätze in den Rheinauen, wie hier in Otterstadt beim Hochwasser im Januar/Februar 2021.

Überflutete Häuser und Straßen, zerstörtes Hab und Gut sowie drohende Schäden in Milliardenhöhe. Bei einem Hochwasser am Oberrhein geht es um die Sicherheit von rund 700.000 Menschen.

Wenn der Rheinhauptdeich bei einem extremen Hochwasser überspült oder brechen würde, hätte das katastrophale Folgen für die Rheinanlieger. Das Land Rheinland-Pfalz spricht von 700.000 Menschen, für die die deichgeschützte Oberrheinniederung Lebens-, Arbeits- und Kulturraum ist. Es schätzte die Vermögensbestände im Jahr 2020 auf einen Gesamtwert von rund 70 Milliarden Euro und rechnete mit Schäden von 13 Milliarden Euro, wenn der Hochwasserschutz versagen würde. „Der Mensch hat hier den Fluss sehr stark seinem Nutzen unterworfen und durch Rheinbegradigung sowie Deichbauten dem Rhein große Flächen zur Nutzung für Landwirtschaft, Industrie, Besiedlung und Verkehr abgewonnen“, schreibt die Struktur- und Genehmigungsdirektion (SGD) Süd zum Thema Hochwasserschutz. Zudem gingen laut der Landesbehörde zwischen 1955 und 1977 allein durch den Staustufenbau am Oberrhein 130 Quadratkilometer natürliche Überschwemmungsgebiete verloren.

Polder fangen Wasser ab

Da das Land Rheinland-Pfalz für den Hochwasserschutz am Rhein zuständig ist, versucht es, Hochwasserrückhalteflächen wieder herzustellen, indem Deiche erhöht beziehungsweise zurückverlegt und Polder gebaut werden. Dafür arbeitet es mit den Oberrheinanliegern Baden-Württemberg und Frankreich zusammen, die ebenfalls Überflutungsflächen vorhalten. Mit deren Flutung soll eine durch außerordentliche Niederschläge und starke Schneeschmelzen verursachte Hochwasserwelle abgeschwächt werden.

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Hochwasser-Übung: Am Ende müssten die Altriper fliehen

Am Oberrhein zwischen Wörth und Ingelheim bei Mainz gibt es in Rheinland-Pfalz derzeit acht Polder. In unmittelbarer Nähe zu Speyer sind es die Hochwasserrückhalteflächen bei Mechtersheim, auf der Insel Flotzgrün und auf der Kollerinsel. Zwischen Waldsee und Altrip ist auch ein Polder geplant, der jedoch noch nicht verwirklicht wurde, weil die Gemeinde, unterstützt von der „Bürgerinitiative Hochwasser- und Naturschutz Altrip“, bis vor den Europäischen Gerichtshof dagegen geklagt hat. Ein Grund ist, dass die Altriper bei einer Flutung der angedachten Fläche nur noch einen Fluchtweg aus ihrem Dorf hätten.

Die rund 8000 Einwohner zählende Gemeinde ist in der Vorderpfalz neben den bis an den Rhein hinanreichenden Städten Speyer und Ludwigshafen besonders durch Hochwasser gefährdet. Das Dorf liegt im Tiefgestade und ist teilweise vom Rhein umgeben. Würde der Deichabschnitt zwischen Waldsee und Altrip versagen, würde das Wasser einer Simulation zufolge innerhalb einer Stunde nach Altrip hineinlaufen. Bei dieser Katastrophe, von der auch die anderen Orte in der Verbandsgemeinde Rheinauen betroffen wären, wird mit einem Schadenszenario von 400 Millionen Euro gerechnet. Der rund 1,5 Kilometer Deichabschnitt zwischen Waldsee und Altrip ist aufgrund des angedachten Polderbaus und der Klage noch nicht für ein statistisch gesehen alle 200 Jahre vorkommendes Hochwasser gerüstet. Laut SGD Süd würde das Wasser bei einem Stand von 9,40 Metern (Pegel Speyer) dort an der Oberkante des Deichs stehen. Bisher wurde ein solcher Rhein-Pegel nie erreicht. Beim katastrophalen Hochwasser 1882 wurde ein Wasserstand von 8,86 Metern gemessen.

Ähnliche Situation in Otterstadt

Ebenfalls noch nicht ertüchtigt ist ein Deichabschnitt bei Otterstadt zwischen Reffenthal und Kollerstraße. Auch dort streiten sich das Land und die Ortsgemeinde – in diesem Fall Otterstadt – sowie Landwirte über den Deichausbau. Das Land will den Deich im Hinterland neu bauen und verweist auf Naturschutzgesetze, nach denen der alte Deich aufgrund schützenswerter Pflanzen nicht erhöht werden darf. Die Gemeinde und Landwirte fordern dagegen eine Ertüchtigung des Deichs an alter Stelle. Dieser Deichabschnitt ist laut SGD für ein Hochwasser von 9,20 Metern am Pegel Speyer ausgelegt und hätte dann noch 30 Zentimeter – in einem kleinen Bereich nur 15 bis 20 Zentimeter – Höhenreserve. Da ein Leitdeich in der Nähe das direkte Einströmen des Hochwassers an den Deich verhindert, ist die Situation bei Otterstadt weniger brisant als am noch nicht ertüchtigten Abschnitt bei Altrip, das näher am Rhein liegt.

Auf die Frage, wie realistisch ein solches Jahrhunderthochwasser ist, verweist die SGD Süd auf Prognosen im Juli 2021, als eine Woche vor dem tatsächlichen Rhein-Hochwasser mit 8,25 Metern in Speyer ein Pegel von zirka neun Metern vorhergesagt wurde. Dies diene als Nachweis, dass solche Hochwasserereignisse realistisch sind und bei entsprechenden Wetterlagen eintreten können, heißt es von der Behörde.

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