Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Als auf Neustadts Marktplatz Bücher brannten

Die Hitler-Jugend ist auf dem Neustadter Marktplatz, der damals Adolf-Hitler-Platz hieß, in Erwartung des Schauspiels angetreten
Die Hitler-Jugend ist auf dem Neustadter Marktplatz, der damals Adolf-Hitler-Platz hieß, in Erwartung des Schauspiels angetreten.

Angefeuert von einem Lehrer steckt die Hitler-Jugend vor 92 Jahren auf dem Neustadter Marktplatz Bücher in Brand.

Es klingt lächerlich, und es wäre auch zum Lachen, wüsste man nicht, was folgen würde. Am 13. Mai 1933 veröffentlichte der „Generalanzeiger für Neustadt und die Vorderpfalz“ einen Aufruf an die „deutsche Jugend im heiligen Kampf zur Reinerhaltung deiner Seele“. Dafür müsse der Nachwuchs der Schundliteratur entsagen, die in den Augen des Autors Leopold Reitz sehr umfangreich war: Indianergeschichten, Räuberromane, Sportgeschichten sowie Kriminal- und Detektivgeschichten. Denn: „Wer sich solchen Schriften mit der gierigen jugendlichen Phantasie hingibt, der wird untüchtig zu jeder Arbeit, der reift zu dem Entschluss: Ich breche den Geldschrank auf und brenne nach Amerika durch.“

Dass diese Hetzschrift an jenem Tag erschien, war kein Zufall, denn am Ende des Textes findet sich ein Terminhinweis: Für den Folgetag, Sonntag, 14. Mai, 10.30 Uhr rief die Neustadter Hitlerjugend zu einer großen Kundgebung auf, bei der „Schund- und Schmutzschriften“ verbrannt werden sollten.

Laut „Pfälzischem Kurier“ kamen etwa 3000 Kinder, Jugendliche, Eltern und Lehrer auf dem Marktplatz zusammen. Auf dem Platz, „der jetzt ja den Namen jenes Mannes trägt, der dem deutschen Volke in schwerster Notzeit zum Führer geworden“, wie der „Generalanzeiger“ schreibt. Interessanterweise wird der Name Adolf Hitlers nicht erwähnt, was aber nicht als Distanzierung zu verstehen ist. Der „Generalanzeiger“ ist voll auf Linie der neuen Machthaber, gerade einmal dreieinhalb Monate, nachdem Hitler zum Reichskanzler ernannt worden war.

Schriften aus Büchereien geholt

Ausführlich berichtete die Zeitung von der Veranstaltung: Mit wehenden Fahnen und Wimpeln rückte zunächst die Hitlerjugend in Formation auf dem Platz ein. Der Spielmannszug der SS und die Feuerwehrkapelle sorgten für die musikalische Untermalung. Der NS-Kreisleiter Hieronymus Merkle hielt eine Rede, forderte Eltern und Erzieher auf, die Kinder in dem Geist zu erziehen, „wie er gegenwärtig durch ganz Deutschland weht“. Es wurde die erste Strophe des Deutschlandlieds („Deutschland, Deutschland, über alles“) angestimmt, gefolgt von einem Vaterlandslied, das ein Mädchenchor darbot.

Die Bücher brennen.
Die Bücher brennen.

Dann verkündete der Lehrer Helmut Gauweiler, was die Pflicht der Jugend sei. Jung sein sei „kein Freibrief zur Ausführung loser Streiche und Dummheiten, jung sein bedeute Verpflichtung gegenüber Volk und Vaterland.“ Die Jugend solle an die Erwachsenen die Forderung richten, ihr zu helfen „alles Falsche und Verderbenbringende“ zu vernichten. Das waren aus Sicht der auf dem Adolf-Hitler-Platz versammelten Menge jede Menge Bücher, die man zuvor aus den Büchereien der Jugendorganisationen und Gewerkschaften geholt hatte oder die Privatleute mitgebracht hatten, darunter etwa Werke von Kurt Tucholsky. Der aufgeschichtete Haufen wurde in Brand gesetzt. Eine Tat, der in Neustadt bis heute immer wieder gedacht wird, freilich nicht in dem Sinne, wie es die damaligen Brandstifter im Sinn hatten.

Parteizeitung berichtet kaum

Die Bedeutung der Tat hatte übrigens ausgerechnet die „NSZ Rheinfront“, die nationalsozialistische Zeitung der Pfalz nicht erkannt. Zwar berichtete sie in ihrer Ausgabe vom 15. Mai von einer großen Kundgebung in Neustadt, meinte aber eine Veranstaltung mit NSDAP-Kultusminister Hans Schemm am Nachmittag im Saalbau. Die Bücherverbrennung der Hitlerjugend war ihr nur eine zwölfzeilige Meldung wert.

Auf dem Neustadter Marktplatz wird an die Bücherverbrennung erinnert.
Auf dem Neustadter Marktplatz wird an die Bücherverbrennung erinnert.

Anders der „Generalanzeiger“, dessen Berichterstatter sich ausführlich an dem Feuer ergötzte. Während die Flammen loderten, hielt der Führer der Neustadter Hitlerjugend eine Rede, und Lehrer Gauweiler durfte seine Hetze noch einmal fortsetzen. Schließlich wurde das Horst-Wessel-Lied gesungen. Daraufhin marschierte die Hitler-Jugend durch die Stadt – und, so mag man heute ergänzen, in ihr Verderben.

Die Serie

Neustadt feiert in diesem Jahr die Verleihung der Stadtrechte im Jahr 1275. In loser Folge blicken wir deshalb auf wichtige Ereignisse in der Stadt in den vergangenen 750 Jahren.

Bisher erschienen:
Wie Neustadt das Stadt-Privileg bekam
Wie Neustadt vor 100 Jahren sein Jubiläum feierte
Auf den Spuren der Unistadt Heidelberg
Wie Neustadt zu Gas, Strom und Kanalisation kam
Wie die ersten Frauen im Stadtrat bekämpft wurden
Klemmhof und Co.: Wie sich die Innenstadt in den 70er-Jahren verändert hat

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