Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel 750 Jahre: Wo einst alle Neustadter baden sollten

Die große Schwimmhalle war das Herzstück des Volksbads.
Die große Schwimmhalle war das Herzstück des Volksbads.

Anfangs war es ein Zeichen des Fortschritts, dem ein langes Siechtum folgte. Ein Neustart misslang spektakulär. Das Neustadter Volksbad hat eine bewegte Geschichte.

Es ist der 19. Juli 1899, als das neue Volksbad in Neustadt der Öffentlichkeit mit einer schlichten Feier übergeben wird. Vielleicht um die Bedeutung des Ereignisses zu unterstreichen, ergeht sich der Berichterstatter der „Bürgerzeitung“ erst einmal in sehr allgemeinen Ausführungen. Die Erkenntnis sei gereift, dass die Kommunen soziale Aufgaben hätten, schreibt er – und damit auch für die öffentliche Hygiene verantwortlich seien. Daher sei der Bau des öffentlichen Bades richtig.

Wobei es streng genommen eine Aktiengesellschaft war, die Bau und Betrieb verantwortete. Allerdings hatte die Stadt das Grundstück kostenlos zur Verfügung gestellt, und sie bezuschusste das Bad weiterhin. Die Notwendigkeit einer solchen Einrichtung erscheint gerade aus heutiger Sicht unzweifelhaft. Denn seinerzeit hatten die wenigsten Häuser ein Bad. Die zwei bestehenden öffentlichen Bäder in Neustadt, ein sehr einfaches bei der Westschule und ein moderneres im Osten der Stadt, waren offenbar nicht übermäßig besucht. Dann gab es da noch den Speyerbach. Aber: „Einem Bad im Speyerbach mußte man meistens eine Abwaschung zu Hause folgen lassen, da der Bach vielfach durch die Fabriken im Tal, Lambrecht usw. durch Farben verunreinigt, jedenfalls so gut wie nie richtig sauber war“, heißt es in einer Gedenkschrift zum 50-jährigen Bestehen des Volksbades.

Wasser strömt aus Löwenkopf

Mit der neuen Badeeinrichtung stieß Neustadt in andere Dimensionen vor. Sie umfasste zehn Brause- und zunächst fünf Wannenbäder. Herzstück war aber das große, blau geflieste Schwimmbassin, das 20 Meter lang und zehn Meter breit war und 320 Kubikmeter Wasser fasste. Die Tiefe reichte von 80 Zentimeter bis zu 2,80 Meter. Ein großer Löwenkopf spie das Wasser in das Becken. An den Wänden konnte man nach dem Bericht der „Bürgerzeitung“ Sinnsprüche lesen wie: „Des Wassers Kraft Gesundheit schafft!“

Auf einer alten Postkarte ist das Volksbad abgebildet.
Auf einer alten Postkarte ist das Volksbad abgebildet.

Mit dem Zuspruch waren die Betreiber zunächst sehr zufrieden: 35.613 Badegäste kamen im ersten halben Jahr. Doch bereits im Jahr 1901 klagt der Vorstand der Gedenkschrift zufolge, dass die Neustadter zu wenig badeten. Die Parole „Jedem Deutschen wöchentlich ein Bad!“ werde zu wenig befolgt. Moniert wird, dass die Arbeitgeber zu wenig für das Baden der arbeitenden Klassen tun. Offenbar gab es aber auch Klagen aus der Bürgerschaft über die Sauberkeit des Wassers. Die Bad-Betreiber betonen nämlich, dass das Wasser häufiger gewechselt werde als in den Bädern in Stuttgart und Frankfurt.

Vorschlag für FKK-Bad abgelehnt

Da die Resonanz unter den Erwartungen blieb, wurde 1902 verfügt, dass alle nicht dringenden Ausgaben zurückgehalten werden. Das Volksbad stabilisierte sich dann aber und selbst der Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 brachte es zunächst nicht ins Schlingern, weil viele Soldaten es nutzten. Ab 1917 machten höhere Kohlepreise und zunehmende Wäschediebstähle dem Bad zu schaffen. 1918 musste die Schwimmhalle von Januar bis Mai schließen. Das Bad hatte mit Personalmangel, einem sprunghaften Anstieg der Rohstoffpreise und einer schwierigen Beschaffung von Kohle zu kämpfen. Auch nach dem Krieg blieb die Lage angespannt. Gleichwohl konnte sich das Volksbad behaupten, und auch nach dem Zweiten Weltkrieg ging der Betrieb weiter.

Der in den folgenden Jahrzehnten zunehmenden Konkurrenz in Neustadt (Stadionbad) und generell in der Vorderpfalz war es dann aber nicht mehr gewachsen. Die Stadt, die es 1959 von der Volksbad Aktiengesellschaft übernommen hatte, zog 1983 den Stecker. Und doch sollte es weitergehen. Private Investoren bauten es zum Freizeitbad um – mit Rutsche, Sauna, Whirlpool, Bistro und „Strandpartys“. 1984 wurde neu eröffnet, mit großen Hoffnungen, die vergeblich waren. 1985 gingen die Lichter wieder aus. Ideen der Betreiber, aus dem Gebäude ein FKK-Bad oder eine Diskothek mit Nachtkonzession zu machen, lehnten die städtischen Gremien ab. Und doch wurde einige Jahre später eine neue, nachhaltige Nutzung gefunden: Anfang der 1990er wurde aus dem Bad ein Ärztehaus, das bis heute am Walter-Engelmann-Platz an der Volksbadstraße besteht.

Die Serie

Neustadt feiert in diesem Jahr die Verleihung der Stadtrechte im Jahr 1275. In loser Folge blicken wir deshalb auf wichtige Ereignisse in der Stadt in den vergangenen 750 Jahren.

Bisher erschienen
Wie Neustadt an das Privileg kam
Wie Neustadt vor 100 Jahren sein Jubiläum feierte
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Neustadt auf den Spuren der Unistadt Heidelberg
Wie sich die Innenstadt in den 70er-Jahren verändert hat
Als auf Neustadts Marktplatz Bücher brannten

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