125 Jahre DLR RHEINPFALZ Plus Artikel Wie die historische Rebsorte Gänsfüßer wieder in Mode kommt

Joachim Eder und Gudrun Scheu in einer Versuchsanlage in der Nähe des DLR-Campus.
Joachim Eder und Gudrun Scheu in einer Versuchsanlage in der Nähe des DLR-Campus.

Am Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum in Mußbach geht es ganz intensiv darum, den Weinbau fit für die Zukunft zu machen. Was viele nicht wissen: Dabei spielt auch eine historische Rebsorte eine Rolle.

Wer sich mit Joachim Eder und Gudrun Scheu über vollmundige Rotweine mit Lagerpotenzial unterhält, muss sich auf eine Überraschung gefasst machen. Denn der Leiter des Arbeitsgebiets Rebveredlung, Reblausforschung und Klonselektion sowie die Mitarbeiterin im Institut für Phytomedizin am Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum Rheinpfalz (DLR) schwärmen nicht nur von südeuropäischen Sorten wie Tempranillo oder Cabernet Sauvignon, die auch in Deutschland immer populärer und besser werden, oder von Neuzüchtungen (Stichwort Piwi), sondern sie greifen gewissermaßen in den historischen Fundus des Weinbaus.

Beide führen am DLR weiter, was Fritz Schumann dort über Jahre bis 2003 vorangetrieben hat. Denn Schumann entdeckte in den 1970er-Jahren in Haßloch an Gebäuden Hausreben der Sorte Gänsfüßer. Schumann startete den Versuchsanbau und ging der Geschichte der Rotweinsorte auf den Grund. Und wer das macht, versteht, warum der Blaue Gänsfüßer im Weinbau in Zeiten des Klimawandels wieder in Mode kommt und sich nicht verstecken muss.

Beliebte Sorte im 16. Jahrhundert

Im 16. Jahrhundert war der Gänsfüßer in der Region weit verbreitet und beim regierenden Adel sehr geschätzt. Vor allem seine Lagerfähigkeit machte ihn beliebt. Von Johann Casimir gab es sogar einen Erlass, dass Gänsfüßer-Reben nur entfernt werden dürfen, wenn mit der selben Rebsorte nachgepflanzt wird. Dass der Gänsfüßer mit der Zeit dennoch verdrängt wurde, führt Eder auf mehrere Faktoren zurück. „Er war kein Massenwein, das waren gute Weine. Die Trauben reifen spät“, erklärt der DLR-Fachmann. Da die Winzer damals aber noch einen Anteil ihrer Ernte (Zehnt) abführen mussten, setzten sie mit Blick auf die Abgabe lieber auf weniger anspruchsvolle Sorten mit mehr Ertrag. Hinzu kam – Stichwort Klima – eine Kälteperiode im 18. Jahrhundert, die dem Gänsfüßer gar nicht schmeckt. Er mag es lieber warm.

Der reife Gänsfüßer mit dem charakteristischen Blatt.
Der reife Gänsfüßer mit dem charakteristischen Blatt.

Als Schumann die Rebe aber an alten Häusern entdeckt hatte (im Keller gepflanzt, sorgten die Reben zugleich für die Entwässerung des Gemäuers), war sein Interesse geweckt. Ein Versuchsanbau wurde in Ungstein in der Nähe der Römerkelter gestartet, ein weiterer in der Nähe des DLR-Campus. Um für die Weine letztlich auch wieder offiziell

eine Zulassung zu bekommen, war ein großer Aufwand erforderlich. Im Versuchsanbau müssen zum Vergleich noch andere Rebsorten gepflanzt werden: Merlot in Ungstein, Portugieser in Mußbach. „Nur so kann man einordnen, wie sich die Traube entwickelt und verhält“, sagt Eder.

Ausbau im Holzfass

Zugleich wurden in der Pfalz und in Rheinhessen ein paar Winzer gewonnen, die sich ebenfalls auf den Versuchsanbau einließen, ergänzt Gudrun Scheu. Am DLR wurden die neuen Gänsfüßer-Reben nun gezüchtet, damit interessierte Winzer sie anpflanzen können. Die jahrelange Mühe zahlte sich aus. 2015 erfolgte die Anmeldung beim Bundessortenamt zur Sortenprüfung. 2022 kam schließlich die offizielle Zulassung des Klons, also der DLR-Züchtung „Blauer Gänsfüßer N01“. Eder und Scheu sehen die Entwicklung mit Stolz, denn die Rotweine seien „dicht und tiefdunkel“ und eigneten sich sehr gut für den Ausbau im Holzfass, sie hätten also Lagerpotenzial.

So präsentierte sich der Gänsfüßer Mitte Juli, die Blätter sind gut erkennbar.
So präsentierte sich der Gänsfüßer Mitte Juli, die Blätter sind gut erkennbar.

Wobei die beiden DLR-Experten einräumen, dass man in Sachen Rebsortenname etwas Fantasie brauche. Denn der Gänsfüßer heiße so, weil die großen Blätter an den Fuß einer Gans erinnern. Beim Ausflug in den Versuchsanbau zeigen Eder und Scheu in der Rebzeile typische Blätter. Mit der Erklärung der Profis erkennt man alles gut, aber als Spaziergänger übersieht man das eher. Und sie zeigen vor Ort noch eine Besonderheit der Rebe: Sie verfügt über ein extremes Wachstumspotenzial, was auch ihre Verwendung als Hausrebe erkläre. So ist die Rebzeile schön dicht. Scheu zeigt nach unten: Ein einziger Stock im Boden produziert ausladend über mehrere Meter Verästelungen und Trauben. Wegen dieses starken Wachstums müssten Winzer auf jeden Fall dem Gänsfüßer Platz einräumen, ihn schneiden und den Ertrag reduzieren. Das DLR betreibe eine „klassische Selektionsarbeit“, sodass interessierte Winzer „einwandfreies Vermehrungsgut“ bekommen können. Im Anbauprozess werden die Winzer vom DLR auch betreut und beraten.

Gänsfüßer „kann mithalten“

Für Joachim Eder hat der Gänsfüßer auf alle Fälle Perspektiven. „Winzer können mit ihm Nischen besetzen, das Sortiment komplettieren, sodass Kunden mit Neuem überrascht werden können.“ An die weite Verbreitung wie von Spätburgunder oder Dornfelder werde der Gänsfüßer eher nicht herankommen. Aber das müsse auch nicht zwingend sein. Man sei am DLR stolz auf diese Entwicklungsgeschichte, da der Gänsfüßer ja Wärme und Sonne mag und somit gut mit den heutigen Anbaubedingungen zurechtkomme. „Wir haben eine Möglichkeit geschaffen, etwas in die Flasche zu bringen, was andere nicht haben, mit hoher Qualität und eigenständiger Aromatik“, sagt Eder. Auch im Staatsweingut am DLR werde der Gänsfüßer vermarktet. „Es gibt immer mehr Betriebe, die ganz bewusst auf historische Sorten und nicht nur auf die Modeweine setzen, um sich abzuheben“, sagt Scheu. Für diese Betriebe sei der Gänsfüßer eine gute Wahl. Und mit den alten Sorten trage man auch noch zur Biodiversität in den Weinbergen bei.

Die Serie

Das Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR) in Mußbach feiert sein 125-jähriges Bestehen. Zum Jubiläum finden am 31. August und 1. September zwei Tage der offenen Tür statt. Dabei werden alle Bereiche (wie der Weincampus) ihre Arbeit präsentieren und Einblicke in die Forschung geben. Im Vorfeld stellen wir verschiedene DLR-Arbeitsgebiete vor.

Entkorkt - Newsletter  - Anmeldeseiten 729 x 450 (1)

Dürfen wir nachschenken?

Was sind die Trends der Weinszene? Welche Neuigkeiten gibt es von den Weingütern in der Region? Was ist Naturwein? Wie arbeitet ein Kellermeister? Und wo stehen Weinautomaten in der Pfalz? In unserem kostenlosen Newsletter Entkorkt" liefern wir alle zwei Wochen Weinwissen für Pfälzer Weinliebhaber.

 

Wer nicht lesen will, kann hören: Sie wollten schon immer wissen, wie man die vielen Flaschen Wein, die man zu Hause hat, am besten lagert? Oder welche Unterschiede es zwischen verschiedenen Rebsorten gibt? Dann sind Sie hier genau richtig: In unserem kostenlosen Podcast "Wissensdurst" löchern Vanessa Betz und Rebecca Singer die Weinexpertin Janina Huber mit Fragen rund um das Thema Wein.  

An dieser Stelle finden Sie Umfragen von Opinary.

Um Inhalte von Drittdiensten darzustellen und Ihnen die Interaktion mit diesen zu ermöglichen, benötigen wir Ihre Zustimmung.

Mit Betätigung des Buttons "Fremdinhalte aktivieren" geben Sie Ihre Einwilligung, dass Ihnen Inhalte von Drittanbietern (Soziale Netzwerke, Videos und andere Einbindungen) angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an die entsprechenden Anbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät notwendig. Mehr Informationen und eine Widerrufsmöglichkeit finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

x