Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Sitzengebliebene Erstklässler: Wie Ministerium auf Probleme der Grundschulen reagiert

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An der Gräfenauschule sollen nach den Ferien Studenten für sechs Wochen in den ersten Klassen eingesetzt werden und die Kinder beim Start ins Schulleben unterstützen.

„Wir brauchen massive Unterstützung“, forderten im Mai alle Ludwigshafener Grundschulen von der rheinland-pfälzischen Landesregierung. Demzufolge haben bis zu 70 Prozent der Kinder sprachliche Defizite, Lehrkräfte fühlen sich stark belastet, der Krankenstand ist hoch. Ist Abhilfe für das kommende Schuljahr in Sicht?

Rund zehn Prozent der insgesamt 1914 Erstklässler in Ludwigshafen verfehlen in diesem Jahr wohl das Klassenziel – so teilte es Schuldezernentin Cornelia Reifenberg (CDU) nach einer Abfrage an den Grundschulen vor den Sommerferien mit. An der Gräfenauschule im Hemshof, wo fast alle der Schülerinnen und Schüler einen Migrationshintergrund haben, steht inzwischen fest: 39 Kinder müssen die erste, aber auch 23 Kinder die zweite Klasse wiederholen.

Das sind die Eckdaten, vor deren Hintergrund Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck im Zuge ihres Austritts aus der SPD vor wenigen Wochen ihre ehemalige Parteikollegin und Bildungsministerin Stefanie Hubig kritisiert hat. Das für die Bildungspolitik verantwortliche Land wolle die Situation einer Industriestadt wie Ludwigshafen mit ihrer Sozialstruktur einfach nicht wahrhaben, argumentiert Steinruck – und fordert dringend einen Sonderweg für die zweitgrößte Stadt in Rheinland-Pfalz.

Es stehe außer Frage, dass Ludwigshafen schon seit längerer Zeit vor einer besonderen und besonders herausfordernden Situation steht, sagt indes eine Sprecherin des Bildungsministeriums. „Dies ist bei der Unterstützung der Schulen in Ludwigshafen bereits im Rahmen aller Möglichkeiten berücksichtigt worden.“ Im neuen Schuljahr würden zudem weitere Maßnahmen auf den Weg gebracht.

Mehr Planstellen und „Poolstunden“

Genannt hat das Bildungsministerium in diesem Zusammenhang der RHEINPFALZ zum Beispiel 17 Planstellen, die vergeben wurden, „um auf Dauer eine gute Unterrichtsversorgung der Schulen sicherzustellen.“ 17 zusätzliche Stellen für den Grundschulstandort Ludwigshafen sind dies aber freilich nicht. „Es werden sozusagen mehr feste anstelle von befristeten Stellen geschaffen“, erläutert Barbara Mächtle, Schulleiterin der Gräfenauschule. Wobei die Intention des Landes, den Anreiz für Lehrkräfte zu steigern, langfristig nach Ludwigshafen zu kommen, natürlich zu begrüßen sei.

Laut Ministerium wird den Ludwigshafener Grundschulen auch dadurch geholfen, dass sie eine hohe Zuweisung von sogenannten Poolstunden erhalten – darunter sind all jene Stunden zu verstehen, die den Schulen abzüglich des normalen Klassenunterrichts zur Verfügung stehen. Die Ludwigshafener Grundschulen erhielten einen „erheblichen Anteil des gesamten Pools an pädagogischem Personal, der für den Aufsichtsbezirk Neustadt zur Verfügung steht“, heißt es aus Mainz. Insgesamt ist die Rede von 692 Lehrerwochenstunden, was rund 28 Vollzeitäquivalenten entspreche.

Diese Poolstunden „sind ausschließlich für die Förderung von Kindern mit nicht ausreichenden Deutschkenntnissen zugeteilt“, erläutert die Ministeriumssprecherin. Im Schuljahr 2022/23 hätten insgesamt 618,5 solcher Stunden zur Verfügung gestanden, damit ergebe sich für das kommende Schuljahr an dieser Stelle ein Plus.

Krankheitsfälle und unbesetzte Stellen

„Man muss allerdings bedenken“, sagt Barbara Mächtle, „dass das bei insgesamt 23 Ludwigshafener Grundschulen am Ende etwas mehr als eine Stelle pro Schule ist – die wohl leider recht häufig zur Schließung von Lücken verwendet werden wird, welche zum Beispiel durch Krankheitsfälle oder unbesetzte Stellen im Kollegium entstehen“.

Für die Vertretung von Unterricht, so teilt es das Ministerium mit, stünden den Ludwigshafener Grundschulen zusätzlich auch sogenannte Feuerwehrstunden zur Verfügung. In der Stadt gibt es demzufolge insgesamt elf Grundschulen, die am Projekt „Feuerwehren“ teilnehmen, die Landesregierung stelle dabei Mittel für insgesamt 301 Lehrerwochenstunden zur Verfügung. Zur Orientierung: 25 Lehrerwochenstunden entsprechen in den Grundschulen einer Vollzeitstelle.

Grundschule Gräfenau jetzt „Feuerwehrschule“

„Wir sind im neuen Schuljahr erstmals ,Feuerwehrschule’ und erhalten 38 Lehrerwochenstunden“, erläutert Barbara Mächtle für die Gräfenauschule. Der aus ihrer Sicht größte Knackpunkt: „Ich als Schulleiterin bin dafür verantwortlich, das Personal zu suchen und zu finden, das diese Stunden bei uns überhaupt anbietet.“ Und selbst wenn dies gelinge, bleibe unklar, ob der Gräfenauschule ihre zusätzlichen 38 Stunden wirklich zur Verfügung stehen.

Gibt es etwa an einer anderen Ludwigshafener Grundschule akuten Unterrichtsausfall wegen Krankheit, „dann müsste eine Feuerwehrschule ihre Stunden dorthin abgeben, erzählt Mächtle. Zu Buche gerade im Dreiländereck schlage auch, dass das Land Rheinland-Pfalz seine Grundschullehrer eine Gehaltsstufe schlechter bezahle als die Länder Baden-Württemberg und Hessen.

Zentrale Forderungen bleiben unerfüllt

Unterm Strich wird deutlich, dass die zentralen Forderungen der Ludwigshafener Grundschulleitungen trotz des vom Bildungsministerium genannten Bündels an Maßnahmen nicht erfüllt werden. Vor allem eine Doppelbesetzung in den Eingangsklassen, die die Schulen in einem offenen Brief an Hubig Ende Mai forderten, ist nicht in Sicht.

Einzig die Gräfenauschule wird hier im kommenden Schuljahr mit dem Projekt „FirstClass“ zusätzliche Unterstützung erhalten. Demnach kommen Studentinnen und Studenten zwischen den Sommer- und Herbstferien in den ersten Klassen zum Einsatz und unterstützen die Kinder beim Start ins Schulleben. „Darauf freuen wir uns wirklich sehr“, sagt Mächtle, „das ist eine super Sache“. Und dennoch sei dies nur ein Tropfen auf den heißen Stein. „Wir bräuchten auch für den Rest des Schuljahres zusätzliche Kräfte in den Eingangsklassen“, sagt die 47-Jährige. „Einfach jemanden, der da ist“, betont sie, dass an dieser Stelle eine pädagogische Ausbildung dieser Kraft in ihren Augen nicht zwingend erforderlich ist.

Keine schulübergreifenden Sprachklassen

Gefordert hatten die Ludwigshafener Grundschulleitungen in ihrem offenen Brief auch schulübergreifende Sprachklassen mit Doppelbesetzung für maximal 15 Kinder. Diese sollen vor der Integration in den eigentlichen Klassenunterricht für eine kontinuierliche Deutschförderung bei konstantem Personal sorgen – parallel zum Unterricht sei dies oftmals nicht machbar. „An dieser Stelle hat sich bislang aber nichts getan“, sagt Mächtle gegenüber der RHEINPFALZ.

Mächtle persönlich fehlt bei aller Betonung des Bildungsministeriums auf seine erhebliche Unterstützung und Hilfe eine bildungspolitische Struktur für Ludwigshafen, „die wirklich zu einer langfristigen und signifikanten Veränderung führen kann“. Für das von der Gräfenauschule initiierte und von der BASF finanzierte Projekt, bei dem über das Frühjahr zwölf Kita-Kinder stundenweise und spielerisch von Fachkräften auf den Unterricht vorbereitet wurden, muss sich Mächtle jedenfalls auch künftig einen Sponsor suchen. Diese Art Vorschulprojekt zu finanzieren oder es schulübergreifend am Standort Ludwigshafen als Modellprojekt zu initiieren und zu evaluieren, habe das Ministerium abgelehnt.

Neue Stelle für Grundschulsozialarbeit

Was in Ludwigshafen indes eingerichtet werden soll, ist eine Stelle für Grundschulsozialarbeit. Deren besondere Aufgabe werde es sein, „Schulabsentismus einzudämmen“, heißt es aus Mainz. Auch eine Koordinierungsfachkraft für Sprache im Übergang Kita/Grundschule sei geplant. Dieses Projekt solle auf Sicht in ein Netzwerk für Grundschule und Kita münden.

„Die großen Herausforderungen in Ludwigshafen können nur gemeinsam bewältigt werden. Bildungsministerium, Schulaufsicht und Pädagogischem Landesinstitut kommt dabei eine genauso wichtige Rolle zu wie anderen Akteuren in der Verantwortungsgemeinschaft, etwa dem Schulträger oder der Jugendhilfe vor Ort“, wird das Ministerium nicht müde zu betonen.

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