Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel 40 Kinder müssen Klasse wiederholen: Eine Grundschule am Limit

An der Gräfenauschule werden in diesem Jahr voraussichtlich 40 Schüler die erste Klasse wiederholen müssen.
An der Gräfenauschule werden in diesem Jahr voraussichtlich 40 Schüler die erste Klasse wiederholen müssen.

98 Prozent der Kinder in der Gräfenauschule im Hemshof haben einen Migrationshintergrund. Enorm viele Schüler müssen die erste Klasse wiederholen. Die Schule versucht, mit einem neuen Projekt gegenzusteuern. Finanziert wird es von der BASF. Das wirft die Frage nach der Verantwortung der Politik auf.

Dass die BASF sich mit finanziellen Mitteln dafür einsetzt, Kinder zu unterstützen, die laut Schuleingangsuntersuchung Probleme in den Bereichen Motorik, Konzentration oder auch Zahlen- und Mengenvorwissen haben, ist lobenswert. Klar ist aber auch: Die vom Chemiekonzern gespendeten 8500 Euro für das Projekt „Fit für einen guten Start in die Schule“, das die Gräfenauschule gemeinsam mit der städtischen Kita „Kanalstraße“ (beide Hemshof) beim BASF-Wettbewerb „Gemeinsam Neues Schaffen“ einreichte, sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Im vergangenen Schuljahr mussten an der Gräfenauschule 28 Kinder die erste Klasse wiederholen, in diesem Jahr werden es nach Einschätzung von Schulleiterin Barbara Mächtle wohl 40 sein – das entspricht bei einer Jahrgangsstärke von rund 130 Kindern fast einem Drittel. Wie schafft es das Lehrerkollegium, solche Herausforderungen zu bewältigen? Und warum wird in der Politik so wenig thematisiert, dass Schulen angesichts der verstärkten Zuwanderung völlig überfordert sind, solange es keine intensiven Integrationsprogramme gibt, die auf dem Prinzip des Forderns und Förderns basieren?

BASF finanziert Fachkräfte

„98 Prozent unserer Schülerinnen und Schüler haben einen Migrationshintergrund“, erzählt Mächtle im RHEINPFALZ-Gespräch. Wobei die Zusammensetzung sich über die Jahre immer wieder geändert habe: „Früher hatten wir sehr viel Zuwanderung aus Russland, Polen und Griechenland, was heute längst nicht mehr der Fall ist“, sagt die 47-Jährige. Dann seien es verstärkt türkische Familien gewesen, die in den Hemshof kamen, aktuell verzeichne man hauptsächlich bulgarische Kinder in den Eingangsklassen. Nach Mächtles Einschätzung handelt es sich dabei nicht selten um Mitglieder einer bulgarischen Minderheit, die in ihrem eigenen Heimatland unterdrückt werde.

„Im Prinzip bräuchte ich eine permanente Doppelbesetzung bei den Lehrkräften, um die Kinder in unseren sechs ersten Klassen auch wirklich gut fördern zu können“, sagt Mächtle. Neben Schulanfängern, die kein Wort Deutsch sprechen, gebe es auch Kinder, die noch nie eine Kita besucht haben – sei es, weil in Ludwigshafen Plätze fehlen oder die Familie gar kein Interesse an einem Kita-Platz hatte.

Barbara Mächtle
Barbara Mächtle

Mit den Fördergeldern der BASF können aktuell zwölf Kinder an zwei Vormittagen betreut werden, denen jeweils von 9 bis 11 Uhr ein Raum in der Gräfenauschule zur Verfügung steht. Vergangene Woche ist das Projekt gestartet, zwei Fachkräfte – Veronika Löser und Melanie Seitz – kümmern sich darum, dass die künftigen Erstklässler spielerisch auf den Unterricht vorbereitet werden. Manche der teilnehmenden Kinder (fünf haben bisher keine Kita besucht, sieben kommen aus der Kita Kanalstraße), hätten noch nie eine Schere in der Hand gehabt, anderen falle es schwer, sich zu konzentrieren und ruhig sitzenzubleiben. Wiederum andere hätten bisher nicht gelernt, mit Gleichaltrigen zu interagieren und auch mal Meinungsverschiedenheiten zu ertragen.

„Die sieben Kinder aus unserer Einrichtung, die am von der BASF geförderten Projekt teilnehmen, sind all jene, die in diesem Jahr regulär auf die Gräfenauschule wechseln“, erzählt Britta Kaiser (54), Leiterin der Kita Kanalstraße. Man habe also an dieser Stelle kein Kind außen vor lassen müssen. Die Gruppe beschreibt Kaiser dabei als sehr heterogen: „Manche dieser Kinder sind bereits seit ihrem dritten Lebensjahr in der Kita, ein Junge aber auch erst seit drei Wochen. Manche sind relativ fit, andere eher weniger.“ Einen Migrationshintergrund hätten alle dieser künftigen Erstklässler.

Eltern wenig konsequent

Es seien aber nicht nur die Kinder, die man mit dem Projekt „Fit für einen guten Start in die Schule“ erreichen wolle. „Tatsächlich haben wir einen relativ hohen Prozentsatz von Analphabeten bei den Eltern“, erzählt Mächtle, nach deren Erfahrung die Institution Schule bei vielen bildungsfernen Familien auch keinen hohen Stellenwert hat. Dinge wie Regelmäßigkeit oder Verbindlichkeit müssten deshalb auch aufseiten der Eltern eingeübt werden.

Ein Flur im bunt gestalteten Schulgebäude.
Ein Flur im bunt gestalteten Schulgebäude.

„Bei uns landen immer wieder Entschuldigungsschreiben auf dem Tisch, die sinngemäß lauten: Mein Sohn war heute müde und wollte noch schlafen, meine Tochter wollte heute Morgen lieber noch am Handy spielen“, plaudert die Schulleiterin aus dem Nähkästchen. Bei vielen Eltern nehme sie eine gewisse Hilflosigkeit wahr, was das konsequente Handeln und Ziehen von Grenzen gegenüber dem eigenen Kind betreffe, gibt Mächtle einen weiteren Einblick in die Gemengelage, mit der das Kollegium der Gräfenauschule konfrontiert ist. Flüchtlingskinder, etwa aus Syrien oder der Ukraine, kommen ihrer Erfahrung nach übrigens schneller im deutschen Schulsystem an, weil deren Eltern deutlich häufiger einen akademischen Hintergrund hätten. Dafür seien diese Kinder jedoch oftmals traumatisiert, hätten ihren Rucksack also an anderer Stelle zu tragen.

„Ist Aufgabe der Politik“

„Im Unterricht ist einfach wahnsinnig viel Differenzierung notwendig, und das geht den Lehrkräften an die Substanz“, resümiert die 47-Jährige. Viermal pro Woche gehen zum Beispiel jene Schüler, die noch kein Deutsch sprechen, für jeweils zwei Stunden zum Kurs ins städtische „Spielhaus“ im Hemshofpark, mit dem die Gräfenauschule kooperiere. „In dieser Zeit läuft an der Schule dann der reguläre Deutsch- oder auch Sachkundeunterricht“, sagt Mächtle. „Fitte“ Kinder würden diese verpassten Inhalte wieder aufholen können, den anderen bleibe am Ende nur, die erste Klasse zu wiederholen.

„Über die BASF-Förderung für unser Projekt sind wir wirklich dankbar“, betont Mächtle. „So haben zwölf Kinder zumindest eine Chance, in der ersten Klasse gut mitzukommen.“ Aber was ist, wenn die Gelder für dieses Jahr dann aufgebraucht sind und das nächste Schuljahr vor der Tür steht? „Dann muss ich schauen, wo ich das nächste Geld herbekomme“, sagt Mächtle. „Wobei das aus meiner Sicht gar nicht die Aufgabe einer Schulleiterin, sondern die der Politik ist.“

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