Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel „Kein Mensch möchte Klugscheißer“: Klaus Blettner von der CDU zu seiner OB-Kandidatur

Von der Hochschule ins Rathaus? Professor Klaus Blettner will OB werden.
Von der Hochschule ins Rathaus? Professor Klaus Blettner will OB werden.

Am Dienstag haben die Christdemokraten und die FWG ihren gemeinsamen Oberbürgermeister-Kandidaten für die Wahl in knapp einem Jahr präsentiert: Hochschulprofessor Klaus Blettner. Was er vorhat, welche Akzente er setzen will und was er an Ludwigshafen mag – darüber hat Steffen Gierescher mit dem 56-Jährigen gesprochen.

Herr Blettner, sind Sie ein Masochist?
(lacht) Nein, überhaupt nicht.

Die Erklärung von Amtsinhaberin Jutta Steinruck, auf eine erneute Kandidatur zu verzichten, ist im Prinzip eine Bankrotterklärung mit Blick auf die Finanznot der Stadt. Das war auch eine Botschaft an einen Nachfolger. Warum wollen Sie sich das antun?
Ganz ehrlich? Weil ich ein Fan dieser Stadt bin. Und weil ich denke, dass man sich nicht wegducken darf, nur weil der Wind rau ist.

Es ist eher ein Sturm oder ein Orkan.
Natürlich ist die finanzielle Ausstattung sehr schwierig. Die kann man nicht beschönigen. Bund und Land lassen uns da schon ein Stück weit im Regen stehen, keine Frage. Aber meine Frustrationstoleranz an dieser Stelle ist da jetzt noch sehr groß. Gerade in nicht so schwierigen Situationen zeigt sich, was man kann oder nicht kann. Bei schönem Wetter können alle gut segeln.

Dennoch bleibt der Gestaltungsspielraum eines Stadtkapitäns gering.
Da sind kreative Lösungen gefordert und hier sogar einfacher umzusetzen.

Das müssen Sie erklären.
Ich hätte keine Lust, die Pittoreskheit von Heidelberg zu verwalten, also eher einer Plüschstadt. Wo würden Sie wohnen wollen, wenn Sie nach Berlin ziehen? Vermutlich nicht in Charlottenburg, oder?

Stimmt. Eher Kreuzberg.
Sehen Sie. Also dort, wo’s brummt und wo was abgeht. Da sind wir schon in einer Gegend, die Ludwigshafen nicht ganz unähnlich ist.

Das erklärt aber nicht, warum dort kreative Lösungen einfacher umzusetzen sein sollen als anderswo, insbesondere, wenn das Geld dazu fehlt.
Leidensdruck erhöht die Bereitschaft, Dinge zu verändern. In Heidelberg ist es viel schwieriger, etwas zu bewegen, Stichwort Stadt am Fluss. Das funktioniert nicht, weil es den Leuten tendenziell gut geht. Das ist nur ein Beispiel, gilt aber auch für andere Städte. Hier ist man solchen Dingen gegenüber aufgeschlossener und damit auch kreativer. Mein Blick auf Ludwigshafen ist ein sehr positiver, vielleicht positiver als der, den die meisten gebürtigen Ludwigshafener selbst auf ihre Stadt haben. Hier stehen einem alle Türen offen, wenn man sich einbringen will. Ich habe in vielen Städten gelebt: in Koblenz, Bonn, Trier, Manchester oder Wiesbaden. Aber ich habe mich in keiner Stadt so wohlgefühlt wie hier.

Was mögen Sie an Ludwigshafen?
Die Bodenständigkeit, die Ehrlichkeit und die Offenheit der Menschen. Das hat etwas mit der Mentalität der Pfälzer zu tun. Man muss hier nicht in der fünften Generation Ludwigshafener sein, bevor man beim Karnevalverein einen Mitgliedsantrag stellen kann.

Aber Ludwigshafen zu mögen, wird nicht reichen. Sie müssen als OB den Konzern Stadt und eine Verwaltung mit knapp 4000 Mitarbeitern und aktuell 400 unbesetzten Stellen führen.
Da haben Sie absolut recht. Zu den vakanten Stellen: Im Moment nimmt sich die Stadt wie das hässliche Entlein in der Region wahr. Aber wenn sie einzelne Menschen fragen, sagen viele: Mir geht’s gut hier. Weil sich die Leute mit ihren Stadtteilen identifizieren und sie die Region toll finden. Unser Schloss steht in Heidelberg, unsere Einkaufsmeile in Mannheim und unser Dom in Speyer. Wir verbringen unsere Freizeit dort, wo andere Urlaub machen. Was wir brauchen, ist ein Imagewandel und einen etwas aufrechteren Gang. Wir leben inmitten einer der schönsten Regionen Europas. Wenn wir das verinnerlichen und ausstrahlen, bekommen wir auch Leute, die hier arbeiten wollen.

Und die Führung der Verwaltung?
Da traue ich mir einiges zu. Eine meiner Stärken ist, dass ich gut führen kann. Das habe ich in der Vergangenheit in mehreren Positionen bewiesen. Ich bin ein Teamplayer. Mir ist das Wir und nicht das Ich wichtig. Mir geht es um einen Führungsstil, der den Leuten etwas zutraut. Damit kann man viel bewegen. Ich stelle mir eine Stadtverwaltung vor, die mehr ermöglicht als verhindert.

Was bringt ein BWL-Professor mit für den Job eines Verwaltungschefs?
Relativ viel Verwaltungs-, aber auch Politikerfahrung, weil eine Hochschule ein sehr politischer Ort ist. Und einen Blick fürs Machbare. Die Menschen folgen einem nicht automatisch. Man muss sie mitnehmen und motivieren. Sie müssen stolz sein auf das, was sie tun. Da muss ein OB ansetzen.

Wie lief das in der Findungskommission der CDU ab? Sind Sie da reinmarschiert und haben gesagt: Ich will?
Ja. Allerdings nach einer kurzen Bedenkzeit, als ich gemerkt habe, dass plötzlich viele Augen auf mich gerichtet sind. Bis vor einigen Monaten war das nicht Teil meiner Lebensplanung.

Was hat Sie bewogen, Ihre Lebensplanung über den Haufen zu werfen?
Die Tatsache, dass ich es bestimmt bereut hätte, wenn ich Nein gesagt hätte. Wann bietet sich denn so eine Chance noch mal? Als ich im Herbst 2023 von Fraktionschef Peter Uebel gefragt wurde, ob ich für den Stadtrat antrete, habe ich mir auch gesagt: Wenn ich jetzt Nein sage, muss ich fünf Jahre die Schnauze halten und darf nicht meckern. Als ich dann gefragt wurde, ob ich als OB kandidieren möchte, hatte ich zwei Wochen Urlaub. In dieser Zeit habe ich das mit meinem privaten Umfeld geklärt und dann für die OB-Kandidatur zugesagt. Ich lasse mich gerne in die Pflicht nehmen, wenn es soweit ist. Wie oft lesen wir von Menschen, die sich andere Politiker wünschen, die Quereinsteiger sind, die berufliche Erfahrung mitbringen, und nicht schon an die übernächste Amtszeit denken. Die wird es für mich nicht geben. Sollte ich das Mandat von den Wählern bekommen, wird das die Krönung meiner Karriere – und zwar für acht Jahre, nicht mehr und nicht weniger.

Im Gegensatz zu Peter Uebel, der ja auf eine OB-Kandidatur verzichtet hat, sind Sie kein bekanntes Gesicht in der Stadt. Da müssen Sie ganz schön Meter machen im Wahlkampf.
Das ist die Herausforderung, da mache ich mir nichts vor. Mich kennt man in meiner eigenen Blase. Ich bin zwar sehr engagiert, aber das ist nicht vergleichbar mit jemand, der hier politisch etabliert ist und als Arzt die halbe Stadt behandelt.

Wie ist Ihr Fahrplan?
Die nächsten zwölf Monate möchte ich für zwei Dinge nutzen: mich bekannter machen. Und dann will ich mit meinem Team kreative Konzepte entwickeln. Die Leute sollen nicht nur wissen, welche Person, sondern auch, welches Programm sie wählen. Die Probleme in der Stadt liegen auf der Hand. Von mir wird erwartet, Lösungen anzubieten. Ich werde aber nicht so tun, als hätte ich diese alle schon. Auf komplexe Fragen gibt’s keine einfachen Antworten. Kein Mensch möchte Besserwisser oder Klugscheißer. Mit mir bekommt man einen Analytiker, der zuhören kann. Mein Angebot ist: richtige Fragen stellen, zuhören, Lösungsvorschläge erarbeiten und umsetzen – ob in der Bildung, in der Wirtschaft oder beim Thema Migration und Sicherheit.

Wie halten Sie’s mit der AfD?
Ich differenziere da zwischen der Partei und ihren Wählern. Solange die AfD von Menschen wie einem Björn Höcke maßgeblich geführt und beeinflusst wird, will und kann ich mit ihr nicht ernsthaft zusammenarbeiten. Man nimmt ja auch nicht seinen Feind mit nach Hause. Und das sind Feinde der Demokratie. Aber nur weil jemand AfD wählt, hat er sich nicht automatisch aus dem demokratischen Spektrum verabschiedet. Das ist ein Zeichen der Wut und Unzufriedenheit. Jeder, der sagt, das sind alles Nazis oder Rassisten, wird der Wahrheit nicht gerecht. Gerade mit Menschen, die überlegen, AfD zu wählen, müssen wir weiter reden, anstatt sie auszugrenzen. Wir müssen uns damit befassen, was die Menschen ärgert, wenn sie AfD wählen, oder was sie anders wollen.

Jutta Steinruck hat jedem OB-Kandidaten ein Gesprächsangebot gemacht. Werden Sie das in Anspruch nehmen?
Natürlich. Ich habe zu ihr ein gutes Verhältnis. Sie ist Demokratin durch und durch. Sie eine überzeugte Europäerin, ich bin ein überzeugter Europäer.

Wie wollen Sie dem Spardruck der Finanzaufsicht ADD begegnen – ähnlich provokant wie die OB zuletzt?
Es geht um pragmatische Lösungen. Auch bei der ADD steht keiner morgens auf und überlegt sich, wie er Ludwigshafen quälen kann. Und wenn es zu sehr wehtut, muss man auch mal Aua schreien. Wir können nicht sagen, wir leben im Land der Dichter und Denker, und dann ist die Kultur eine freiwillige Leistung. Ohne Kultur wären wir Affen. Das muss man klar benennen. Ich komme aus dem Marketing. Die besten Werber sind Leute mit geringem Budget, wie Non-Profit-Organisationen. Die sind zu Kreativität gezwungen. Nehmen wir die interkommunale Zusammenarbeit. Ist es wirklich sinnvoll, das ein Landkreis und eine Stadt jeweils Kfz-Zulassungen haben? Da geht es um Synergien und darum, wer was am besten kann. Es ist ein Geben und Nehmen: ob mit dem Rhein-Pfalz-Kreis, Frankenthal oder über Ländergrenzen hinweg mit Mannheim. So lässt sich Geld im Sinne der Menschen einsparen.

Was sagen Sie zur Kritik am Bau der Helmut-Kohl-Allee?
Die Kohl-Allee und das dort entstehende Stadtquartier City West bieten große Chancen für das Lebensgefühl in Ludwigshafen. Derzeit bestimmen die Kritiker den Ton. Ich kann deren Bedenken punktuell nachvollziehen. Aber das Projekt ist auf dem Weg, die Würfel sind gefallen. Wir müssen da einen positiven Twist hinbekommen. In Ludwigshafen werden die Brücken wenigstens gesperrt, bevor sie zusammenbrechen.

Wer wird nächster Bundeskanzler?
Friedrich Merz, da bin ich mir ziemlich sicher.

Ist er auch Ihre erste Wahl?
Markus Söder würde wohl ein besseres Ergebnis mit populistischeren Ansätzen erzielen, die ich aber nicht besonders toll gefunden hätte. Hendrik Wüst ist der Mann der Zukunft.

Warum ist die FWG ein interessanter Partner für Sie und die CDU?
Weil es ein Player in der bürgerlichen Mitte ist. Man muss im OB-Wahlkampf an die Themen ran, die nah bei den Leuten sind. In manchen Kommunen ist das die Stärke der FWG, auch hier. Das passt inhaltlich und menschlich.

Ludwigshafen ist nicht unbedingt ein klassisches CDU-Pflaster. Wie wollen Sie hier punkten?
Ganz einfach: Ich werde Angebote machen, für die man kein CDU-Wähler sein muss, um sie gut zu finden.

Zum Kommentar geht’s hier.

Zur Person: Klaus Blettner

Klaus Blettner ist am 30. Oktober 1967 in Heilbronn geboren und in Koblenz aufgewachsen. An der Ludwigshafener Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft mit aktuell rund 4500 Studenten unterrichtet der Vater dreier erwachsener Kinder (27, 25, 21) seit zwölf Jahren Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Marketing. Er ist Studiengangsleiter, Dekan und Mitglied der Hochschulleitung. Seit acht Jahren ist er in der CDU, im Juni wurde er neu in den Stadtrat gewählt und ist dort Fraktionsvize. Mit seiner Partnerin, einer Oberärztin in einem Ludwigshafener Krankenhaus, lebt er im Stadtteil Süd. Promoviert hat er in Trier, Betriebswirtschafts- und Volkswirtschaftslehre hat er unter anderem in Manchester und Bonn studiert. Vor seinem Wechsel an die Hochschule war er als Wissenschaftler und Politikberater sowie an mehreren Standorten als Unternehmer im Marketing- und IT-Bereich tätig. Er ist Schöffe am Frankenthaler Landgericht, gehört der Tischrunde der IHK Pfalz, dem Beirat des Marketingvereins sowie den Lions Ludwigshafen-Kurpfalz an und ist Inhaber der Talent-Institut GmbH.

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