Frankenthal
Medizinisches Versorgungszentrum wird bald um zwei Hausärztinnen verstärkt
Die Überlegungen stehen seit gut einem Jahr im Raum. Jetzt meldet der kaufmännische Direktor der Stadtklinik, Andor Toth, Vollzug: Ab dem 1. August wollen zwei Internistinnen insgesamt 39 Stunden in der Woche tägliche Sprechstunden in der Elsa-Brändström-Straße anbieten und damit die Notaufnahme des Krankenhauses entlastet. Dass diese in jüngster Zeit regelmäßig überlaufen war, ist auf zwei wesentliche Faktoren zurückzuführen: die Aufgabe von Praxen niedergelassener Hausärzte in der Region sowie der Notfallpraxis der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) in der Stadtklinik Anfang 2024.
Darauf reagiert die Klinikleitung nun mit einem eigenen personellen Angebot. Die neue Hausarztpraxis in den Räumen des integrierten Medizinischen Versorgungszentrums (MVZ) soll montags bis freitags von 8 bis 14 Uhr besetzt sein. Montags, dienstags und donnerstags soll sie auch nachmittags von 14.30 bis 17.30 Uhr geöffnet sein. „Auf die stetige Dynamik im Gesundheitswesen werden wir immer flexibel antworten müssen“, reagierte Toth in der jüngsten Sitzung des MVZ-Betriebsausschusses auf Nachfragen zu durchgängigen Öffnungszeiten und zur Erreichbarkeit in Randzeiten. „Am liebsten wäre mir eine Besetzung rund um die Uhr, aber ein solches Angebot muss sich entwickeln.“
Idealerweise ein Nullsummenspiel
Finanziell tritt der städtische Eigenbetrieb dafür in Vorleistung. Die Personalkosten für die beiden Teilzeit-Ärztinnen addieren sich im Jahr auf rund 230.000 Euro. Um wen es sich dabei handelt, welche Praxiserfahrung sie gegebenenfalls mitbringen oder ob sie aus der Region ins MVZ stoßen, zu diesen RHEINPFALZ-Nachfragen will sich Toth vor dem Abschluss der laufenden operativen Umsetzung noch nicht äußern. In der medizinischen Einheit praktizieren derzeit zwei Neurologen. Am Medical Center der BASF in Oppau bietet das ärztliche Psychotherapien an.
Die beiden neuen medizinischen Fachangestellten sollen etwa 120.000 Euro verdienen. Zu den Ausgaben kommt ein Sachaufwand von rund 150.000 Euro. Der Gegenfinanzierung legt Toth 900 Behandlungsfälle pro Quartal und Internistin zugrunde. Bei einer Erstattung von jeweils 75 Euro könnten im Jahr rund 555.000 Euro erlöst werden. Berücksichtigt ist dabei ein durchschnittlicher Erlös von 110 Euro pro Privatpatient.
„Bei vorsichtiger kaufmännischer Kalkulation ist davon auszugehen, dass sich die Hausarztpraxis durch ihre Einnahmen selbst tragen kann und ein geringfügiger Überschuss erwirtschaftet wird“, schlussfolgert Toth. Mit einer Ausweitung des Stundendeputats und einer denkbaren personellen Verstärkung könnte das medizinische Angebot perspektivisch noch rentabler werden.
„Mit voller Wucht“ getroffen
Die betriebswirtschaftliche Betrachtung ist eine Facette in der strategischen Entscheidung, die ambulanten Dienste im MVZ auszuweiten. Dass sie keinen dauerhaften Zuschuss des städtischen Trägers erwarte, würdigte auch Krankenhausdezernent Nicolas Meyer (FWG). Darüber hinaus sei sie eine „bewusste gesundheitspolitische Antwort auf eine Entwicklung, die viele Städte und Regionen längst mit voller Wucht spüren“, erklärte der Oberbürgermeister im Betriebsausschuss. Dieser trägt die Weichenstellung einstimmig mit.
Von dem künftigen, von der KV noch zu billigenden Hausarztsitz direkt an der Klinik erwartet er sich Synergien zwischen ambulanter und stationärer Patientenversorgung. Hausärzte gingen nach und nach verloren, Nachbesetzungen würden schwieriger, die Wege für Patienten länger und die Belastung der Notaufnahmen als letzter Zufluchtsort größer. „Gerade in einer solchen Lage darf kommunale Verantwortung nicht an Zuständigkeitsgrenzen enden“, meinte Meyer mit Verweis darauf, dass eigentlich eine KV Hausärzte rekrutieren sollte. Die medizinische Versorgung dürfe dennoch nicht ausdünnen, Kranke sollten nicht zwischen Praxismangel und Notaufnahme pendeln müssen. Deshalb gehe Frankenthal voran und zeige, „dass kommunale Initiative einen konkreten Unterschied machen kann“.
In einer der vorangegangenen Betriebsausschusssitzungen hatte Toth prognostiziert, dass pro Jahr in Frankenthal und den angrenzenden Gemeinden eine Praxis geschlossen werde, acht Hausarztsitze seien nicht besetzt. Zudem würden Bereitschaftspraxen geschlossen, der Druck auf ein Krankenhaus, das sich eigentlich echten Akutfällen widmen solle, steige, assistierte ihm nun Meyer. Mit einem Hausarztmodell am MVZ leiste die Stadt ihren Beitrag, vorausschauend eine Unterversorgung abzufedern. Der Eigenbetrieb komme seinerseits dem wachsenden Wunsch von Medizinern entgegen, angestellt zu werden und Infrastruktur mit nutzen zu können, ergänzte Toth.
