Rheinland-Pfalz
Schmerztherapie: Warum Patienten um Hilfe bangen müssen
Wer in Jakob Emrichs Praxis kommt, der hat meist eine lange Leidensgeschichte hinter sich, hat sein Problem schon vielen Ärzten geschildert, hat Therapien versucht und wieder abgebrochen, hat vielleicht sogar den diffusen Verdacht gespürt, er sei ein Simulant. Der 43 Jahre alte Ludwigshafener Mediziner ist dann unter Umständen der erste, der die Schmerzen seiner Patienten ernst nimmt und Zeit investiert, um deren Ursache wirklich auf den Grund zu gehen und nicht nur Symptome zu bekämpfen. „Ein solches Gespräch dauert bei mir mindestens eine Stunde“ sagt Emrich.
Mit seinem Vater Oliver, der mit 71 Jahren immer noch praktiziert, betreibt er in Ludwigshafen das derzeit größte Schmerzzentrum in Rheinland-Pfalz. Menschen nehmen eine Anreise von bis zu 200 Kilometern in Kauf, um bei den beiden in Behandlung zu kommen. Und sie haben sich dafür oft ganz schön lange gedulden müssen. Zwischen einem halben und einem Jahr kann die Wartezeit betragen. Kommt dann ein Termin zustande, ist das nach Emrichs Schilderung in der Regel der Beginn einer jahre- oder gar jahrzehntelangen Beziehung zwischen Arzt und Patient.
„Verlierer dieser Reform“
Menschen mit ganzheitlichem Ansatz zu helfen, die seit Langem von Schmerzen gequält sind – das ist Jakob Emrichs Mission. Diese spezielle Schmerztherapie allerdings sieht er inzwischen ernsthaft in Gefahr. Der Hintergrund seiner Befürchtung ist eine gesundheitspolitische Entscheidung, die ab Oktober greift: die sogenannte Entbudgetierung. Hausärzte bekommen dann anders als bisher die meisten ihrer Leistungen voll honoriert. Gedeckelt bleiben Leistungen wie Ultraschall, Allergologie oder Psychosomatik. Der Job als Allgemeinmediziner soll dadurch attraktiver werden – vor allem auf dem Land.
Für die Emrichs allerdings, die zu den zehn bis maximal 15 hausärztlichen Praxen im Land gehören, die schwerpunktmäßig Schmerztherapie anbieten, ist der Wegfall des Honorardeckels ganz und gar kein Anlass zum Jubel. „Wir könnten die großen Verlierer dieser Reform sein.“ Denn: Ihre Arbeit wurde bisher schon im Wesentlichen aus dem bezahlt, was nach Honorierung der Leistungen übrigblieb. Entsprechend dem einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM) wurden Punktwerte festgelegt, die nach Emrichs Schilderung von Quartal zu Quartal stark schwanken konnten. Er befürchtet, mit der Entbudgetierung könnte dieser Punktwert für Extraleistungen so weit sinken, dass Schmerztherapie schlicht nicht mehr wirtschaftlich wäre.
Stabilen Punktwert gefordert
Der 43-Jährige, der neben seinem Engagement in berufsständischen Organisationen und Fachgremien auch als Stadtratsmitglied in Frankenthal kommunalpolitisch aktiv ist, beschreibt die möglichen Folgen: Wenn Praxen gezwungen wären, die Schmerztherapie aufzugeben, stünden geschätzt 4000 bis 5000 Patienten ohne kompetente Hilfe da. Das könnten dann auch ambulante Angebote in Kliniken nicht auffangen. Seine Forderung, zu der es inzwischen auch eine Online-Petition der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin gibt: ein stabiler Punktwert von mindestens 10 bis 11 Cent.
Bei seiner grundsätzlichen Diagnose hat Jakob Emrich die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Rheinland-Pfalz auf seiner Seite: Es gebe „eine realistische Gefahr, dass die Vergütungsquote zukünftig deutlich sinken könnte und die Schmerztherapie im hausärztlichen Bereich nicht mehr kostendeckend erbracht werden kann“, erklärt die KV auf RHEINPFALZ-Anfrage. Bei der Therapie des Problems hat sie einen anderen Ansatz: Einen festen Punktwert zulasten der weiterhin budgetierten Leistungen hält sie für „nicht zielführend“. Stattdessen fordert sie vom Gesetzgeber „die Erweiterung der Entbudgetierung auf alle haus- und fachärztlichen Leistungen“.
Problem: Demografie
Das rheinland-pfälzische Gesundheitsministerium will sich aus der Debatte nach Möglichkeit heraushalten, verweist aber darauf, dass mit der auf Bundesebene beschlossenen Entbudgetierung eine langjährige Forderung der Hausärzte erfüllt worden sei. Leistungen einschließlich der Hausbesuche würden „vollständig und ohne Kürzungen vergütet“. Ansonsten gilt: „Die Verteilung der Gesamtvergütung auf die Mitglieder der KV ist eine innerärztliche Angelegenheit.“ Dieser Vorgang sei „Kernbereich der ärztlichen Selbstverwaltung“. Und Gerechtigkeit sei nur zu erreichen, wenn sich die Mediziner untereinander einig würden – „und nicht durch staatliche Eingriffe“, wie das Ministerium auf Anfrage betont.
Jakob Emrich nennt neben dem wirtschaftlichen einen weiteren Aspekt, der die Schmerztherapie in nicht allzu naher Zukunft in weitere Schwierigkeiten bringen wird: Rund zwei Drittel derjenigen, die in Rheinland-Pfalz diese Zusatzbezeichnung führen, sind 60 Jahre alt oder älter. „Es wird einen Riesenschwund geben.“ Ein Nachwuchsproblem gibt es obendrein: Er habe seit ein, zwei Jahren keine Bewerbung mehr für eine Weiterbildung in seiner Praxis bekommen. Wenn die finanzielle Basis fehle, man dieser Teildisziplin das Leben noch schwerer mache, bleibe nur die Flucht in die „Massenmedizin“.