Frankenthal / Ludwigshafen
Erziehermangel: Wie eine Top-Bewerberin vergrault wird
Zehn Jahre Berufserfahrung in der Kleinkindbetreuung einer kirchlichen Einrichtung, Abitur, Ausbildungsabschluss mit Note 1,1, dazu mit 50 Jahren die Familienplanung abgeschlossen: Uta Scharl dürfte für Arbeitgeber im Kindertagesstättenbereich so etwas wie ein Sechser im Lotto sein. Der Wunsch, sich beruflich weiterzuentwickeln und den Träger zu wechseln, sei für sie der Grund gewesen, Mitte Dezember auf eine Stellenanzeige der Stadt Frankenthal zu antworten, sagt die Ludwigshafenerin. Gesucht worden seien Fachkräfte für mehrere Einrichtungen mit flexiblen Stundenmodellen.
„Diese Offenheit hat mich gereizt“, sagt Scharl. Und so schickt sie am 14. Dezember über das Karriereportal des öffentlichen Dienstes Interamt alle geforderten Unterlagen – bis hin zum Nachweis der gesetzlich vorgeschriebenen Masernimpfung – an die Stadt. „Sehr umständlich“ sei das gewesen, berichtet die 50-Jährige. Eine Kritik, die auch der Frankenthaler Stadtelternausschuss (Stea) wiederholt gegenüber der Verwaltung vorgebracht hat.
Keine Rückfragen erwünscht
Die Bestätigungsnachricht kommt prompt: Die Bewerbung sei eingegangen und werde nun geprüft. Das könne einige Zeit in Anspruch nehmen, von Rückfragen sei abzusehen, man melde sich. Schon das habe ihr eher das Gefühl gegeben, sie solle der Verwaltung besser nicht „zur Last fallen und einfach die Füße still halten“, schildert Scharl ihren ersten Eindruck des potenziellen Arbeitgebers. Doch als sie bis 26. Januar, also gut sechs Wochen lang, nichts weiter hört, greift die Ludwigshafenerin, die sich zwischenzeitlich auch bei einem privaten Träger in der Region beworben hat, zum Hörer.
In einem „sehr netten“ Telefonat sei ihr erläutert worden, dass ihre Bewerbung zwar vorliege, man allerdings mit der Einladung zum Vorstellungsgespräch immer warte, bis acht bis zehn Interessenten zusammenkommen. Wann das der Fall sein werde, könne man ihr nicht sagen. Als Scharl dann am nächsten Tag in der RHEINPFALZ von der massiven Personalnot in Kitas der Stadt Frankenthal liest – 27 Erzieherstellen sind aktuell vakant, fast 500 Über-Zweijährige warten auf einen Betreuungsplatz –, zieht sie ihre Bewerbung zurück.
Mehrere Bewerberinnen springen ab
Sie frage sich, „auf welch hohem Ross die Verwaltung dort sitzt und es nicht nötig hat, auf eine Bewerbung einer qualifizierten und motivierten Fachkraft zeitnah zu antworten, aber dann über Fachkräftemangel zu jammern“, macht Scharl ihrem Ärger in einem Leserbrief Luft. Mit ihrer Erfahrung ist die Ludwigshafenerin nicht allein. Elternvertreter hatten bereits vergangenen Sommer gefordert: Antworten auf eingegangene Bewerbungen müssten schneller erfolgen. Zwei weitere Erzieherinnen schildern der Redaktion ebenfalls ähnliche Erlebnisse nach einer Bewerbung bei der Stadt Frankenthal. Auch sie haben sich zwischenzeitlich neu orientiert.
Dass es anders geht, hat Uta Scharl fast zeitgleich bei einer privaten Kita in der Region erlebt. Nach einem ersten Termin, bei dem pädagogischen Fachkräften einmal im Monat virtuell oder in Präsenz die Räume gezeigt werden und ein Austausch zum Konzept stattfindet, habe sie sich samstagabends online beworben. Auch hier kommt direkt eine automatische Antwort. Man bedanke sich für das Interesse, Ziel sei eine Rückmeldung innerhalb von zwei Wochen. Sollte es in der Zwischenzeit Fragen geben, freue man sich, Auskunft geben zu dürfen. Doch statt zwei Wochen wartet Scharl nur zwei Tage: Dienstagvormittag hatte die 50-Jährige eine Einladung zum Vorstellungsgespräch. Bei einer Hospitation soll nun ausgelotet werden, ob beide Seiten sich eine Zusammenarbeit vorstellen können. Ihr Fazit nach diesen so unterschiedlichen Erfahrungen: Die Stadt Frankenthal habe sie als unprofessionell, unflexibel und unzuverlässig empfunden. „So kann man nicht mit Leuten umgehen, wenn die Not so groß ist.“
Mitunter tägliche Nachfragen
Die Verwaltung spricht auf Nachfrage von einem Einzelfall. Üblicherweise gebe es im Sozial- und Erziehungsdienst in der Regel alle drei Wochen Vorstellungsgespräche. Mitte Dezember sei dieser Turnus wegen Krankheitsausfällen sowie Urlaubs- und Überstundenabbau unterbrochen worden. Zudem war die Verwaltung zwischen den Jahren geschlossen. „So kam es auch zu der Aussage, dass der nächste Termin ungewiss ist“, teilt die Pressestelle mit. Dass alle Bewerber – nicht nur Erzieher – mit der Eingangsbestätigung gebeten werden, von Rückfragen abzusehen, bestätigt die Verwaltung. Ungeachtet dessen würden Interessenten aus allen Bereichen mitunter täglich anrufen. Insgesamt hätten die Stadt 2022 monatlich 129 Bewerbungen erreicht. Die Personalsachbearbeiter und das Bewerbermanagement seien vor dieser Festlegung „ständig zeitlich mit derartigen Telefonaten gebunden“ gewesen und hätten keine anderen Arbeiten erledigen können.
