Frankenthal RHEINPFALZ Plus Artikel Erinnerungskultur am PiH: Beklemmende Erkenntnisse in Gedenkstätte Dachau

Am Holocaust-Gedenktag haben Schülerinnen und Schüler der Frankenthaler Augustin-Violet-Schule eine Erinnerungszeremonie gestalt
Am Holocaust-Gedenktag haben Schülerinnen und Schüler der Frankenthaler Augustin-Violet-Schule eine Erinnerungszeremonie gestaltet.

Gedenkarbeit hat im Frankenthaler Pfalzinstitut für Hören und Kommunikation einen besonderen Stellenwert. Schüler erfahren im Alltag immer wieder selbst Diskriminierung.

Bei einem solchen Satz muss man erst mal tief durchatmen: „Wir wären bei den Ersten gewesen, die hier hätten enden können.“ Er fiel von einem Schüler des Frankenthaler Pfalzinstituts für Hören und Kommunikation (PiH). An einem Ort, der für die schwärzesten Stunden der deutschen Geschichte steht: dem Konzentrationslager Dachau. Dorthin haben 27 Schüler einer zehnten Klasse und drei Lehrer im Herbst zum ersten Mal eine einwöchige Gedenkstättenfahrt unternommen. Sie ist Teil einer kontinuierlichen Gedenkarbeit unter der Ägide von Schulleiterin Ina Knittel und Schulpfarrerin Christiane Kämmerer-Maurus.

Jüngster Termin war Ende Januar ein Innehalten zum Holocaust-Gedenktag im Hof der Augustin-Violet-Schule an der Holzhofstraße in Frankenthal. Unter der Überschrift „Wer schweigt, stimmt zu“ war es diesmal der Widerstandskämpferin Sophie Scholl gewidmet. Vor einem Jahr war Christelle Mami in Frankenthal zu Besuch. Ihre Tante Marie Louise Weill ist im April 1942 als fünfjähriges Mädchen dem Euthanasie-Programm der Nationalsozialisten zum Opfer gefallen. Das Kind war seinen Eltern in der elsässischen Heimat entrissen und nach Frankenthal entführt worden. Es hat die Tortur in der damaligen Heil- und Pflegeanstalt nicht überlebt.

„Der Jugend beraubt“

Nun hat sich die Fachkonferenz für Religion und Ethik am PiH Sophie Scholl zugewandt. Christiane Kämmerer-Maurus, Ursula Hirsch und Sandra Werner-Kressmann wollen einen Bogen schlagen von der mutigen Münchener Studentin im NS-Regime zur Einhaltung von Menschenrechten und Meinungsfreiheit heutzutage. „So viele Kinder sind damals ihrer Jugend beraubt worden, jüdische, körperlich beeinträchtigte, aber auch diejenigen, die in der Hitlerjugend oder dem Bund Deutscher Mädchen indoktriniert worden sind“, erinnert die Schulpfarrerin.

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Neben den Exkursionen und der Versammlung zum Holocaust-Gedenktag im Schulhof ergänzen Autorenlesungen und Zeitzeugenberichte das pädagogische Konzept. Autor Tim Pröse will vor den Sommerferien zum dritten Mal nach Frankenthal kommen. Seine Bücher thematisieren auch den Widerstand gegen die NS-Diktatur und porträtieren letzte Zeitzeugen. Der Träger des PiH, der Bezirksverband Pfalz, trägt solche Bausteine zur Demokratieförderung nicht nur ideell mit, er bezuschusst sie auch.

Verbale Beleidigungen

Am PiH, in dem auch Schüler ohne Beeinträchtigungen beim Hören unterrichtet werden, herrsche eine Atmosphäre der gegenseitigen Toleranz und des Respekts, berichtet Förderschulrektorin Ina Knittel. Die Anfänge des heutigen Schulkomplexes reichen 200 Jahre zurück, als Augustin Violet auf dem Areal der Armen-, später Heil- und Pflegeanstalt, eine spartanische Taubstummenschule eingerichtet hatte. Außerhalb dieses geschützten Raums würden Kinder mit Einschränkungen aber durchaus mit Beleidigungen und Diskriminierung konfrontiert, vor allem verbaler Natur in sozialen Medien.

Neben dem Gedenkstein für die Opfer des Nazi-Terrors: PiH-Schulleiterin Ina Knittel (links) und Schulpfarrerin Christiane Kämmer
Neben dem Gedenkstein für die Opfer des Nazi-Terrors: PiH-Schulleiterin Ina Knittel (links) und Schulpfarrerin Christiane Kämmerer-Maurus.

„Sie fühlen sich weniger bedroht als vielmehr abgewertet“, berichtet Kämmerer-Maurus aus Gesprächen. „Aber damit wird ein schleichender Prozess in Gang gesetzt.“ Aktiv werden, mutig dagegenhalten, Zivilcourage zeigen – mit diesen Aufforderungen will die Religionslehrerin in internen Dialogen die Resilienz stärken. „Inklusion wird weithin gefordert, wir wollen sie im PiH leben, aber außerhalb der Schulmauern erleben Schüler auch eine andere Wirklichkeit“, beobachten die Pädagoginnen.

In welch eine Richtung solche Ausgrenzungen abdriften können, auch das ist den Schülern bei ihrer Fahrt nach Dachau vor Augen geführt worden – und hat zu der eingangs zitierten Feststellung geführt. „Solche Momente erzeugen auch bei mir eine Gänsehaut“, bekennt Kämmerer-Maurus. Nach 26 Jahren im Schuldienst weiß die Seelsorgerin auf solch beklemmende Situationen adäquat zu reagieren. Zumal sie manche Schüler seit der Grundschulzeit begleitet. Mehr noch: Den einen oder die andere hat sie auch schon getraut, den Nachwuchs in einem besonderen Schulgottesdienst getauft. „Das schafft besondere Verbindungen.“

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