Frankenthal NS-Euthanasie: Was die kleine Malou in der Heil- und Pflegeanstalt erlitten hat

Christelle Mami (Mitte) vor der einzigen bekannten Aufnahme ihrer Tante Marie Louise Weill.
Christelle Mami (Mitte) vor der einzigen bekannten Aufnahme ihrer Tante Marie Louise Weill.

83 Jahre nachdem Nationalsozialisten in der Frankenthaler Heil- und Pflegeanstalt ein fünfjähriges Mädchen zu Tode gequält haben, taucht überraschend seine Patientenakte auf – während ihre französische Nichte zum Gedenken in der Stadt redet.

„Übrigens, wir haben die Akte gefunden“, raunt mir DGB-Regionsgeschäftsführer Rüdiger Stein am Ende des Schweigemarsches im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus’ auf den Stufen vorm Dathenushaus zu. Wenige Minuten später wird er eine Kopie des unvermittelt aufgetauchten Dokuments an Christelle Mami überreichen. Die Französin ist die Nichte von Marie Louise Weill. Sie wurde nur fünf Jahre alt, ist im April 1942 allein in der Fremde gestorben. Das kleine Mädchen war eines der Opfer des Euthanasie-Programms der Nationalsozialisten in Frankenthal. Für deren grauenhafte Experimente an „lebensunwertem“ Leben ist Malou, wie sie von ihrer Familie liebevoll genannt wurde, von ihrer elsässischen Heimat in die damalige Heil- und Pflegeanstalt nach Frankenthal entführt worden.

„Das Mädchen war nach drei Wochen tot. Es starb an einer Lungenkrankheit.“ Viel mehr Gewissheiten als diese beiden mageren Sätze hat Christelle Mami bei ihren Recherchen zu diesem Teil ihrer Familiengeschichte in den vergangenen fünf, sechs Jahren bislang nicht erlangen können. Beim zweiten Besuch der 54-Jährigen und ihres Bruders Laurent Mami anlässlich des Holocaust-Gedenktags in der Pfalz nun die Überraschung: Die Zeit zwischen ihren Reden an der Augustin-Violet-Schule am Morgen – auf deren Gelände war die frühere Anstalt 1943 zerbombt worden – und nachmittags vor knapp 50 Gästen der Volkshochschule und des Fördervereins für jüdisches Gedenken in Frankenthal hatte Rüdiger Stein genutzt, um bei einer Doktorandin zum Forschungsstand nachzuhaken.

Fund im Pfalzklinikum

Die Wissenschaftlerin wertet derzeit Patientenakten aus, die im Pfalzklinikum Klingenmünster eingelagert sind. Dorthin war auch der seinerzeit akribisch gepflegte Bestand ausgelagert worden, der in Frankenthal die Luftangriffe überstanden hatte. Malous Akte umfasst drei bislang nicht bekannte beziehungsweise vermisste Dokumente: den Totenschein, medizinische Befunde und ein Gesuch ihrer verzweifelten Eltern, mutmaßlich mit der flehentlichen Bitte, ihre in der Mobilität eingeschränkte Tochter von weiterem Leid zu verschonen und sie nach Hause zu lassen.

Im Hof der Augustin-Violet-Schule nahm Mami am Holocaust-Gedenktag an einer Erinnerungsveranstaltung teil.
Im Hof der Augustin-Violet-Schule nahm Mami am Holocaust-Gedenktag an einer Erinnerungsveranstaltung teil.

Präzisere Erkenntnisse lassen sich beim ersten Blick in die Akte noch nicht gewinnen, weil ein Teil der Korrespondenz in Sütterlinschrift verfasst ist. Der muss zunächst transkribiert werden, ehe er dann ins Französische übersetzt werden kann. Dann hätten Christelle und Laurent Mami endlich mehr Klarheit über das Schicksal ihrer Tante. Sie dürfte angesichts der bekannten Gräuel im NS-Euthanasieprogramm eine schmerzliche werden.

Sorge um Malous Mutter

Malous mittlerweile verstorbener Mutter werden diese Fakten erspart bleiben. Über das kleine Mädchen, dessen Porträt an einer Wohnzimmerwand von Mamis Großmutter hing, sei in ihrer Gegenwart allenfalls zögernd gesprochen worden, „aus Angst, ihr letztes bisschen Verstand endgültig zu zerstören“. Das berichtete die Enkelin bei der Gedenkstunde Ende Januar vor 130 Schülerinnen und Schüler im voll besetzten Hof der Violet-Schule. In düsterer Vorahnung hätten die Eltern das älteste ihrer sechs Kinder früh zu einem Fotografen gebracht, „als wollten sie Malous Gesicht verewigen“.

Im Sommer 2024 besuchte Mami mit ihrem Sohn und Bruder erstmals den Gedenkstein im Hof der Augustin-Violet-Schule.
Im Sommer 2024 besuchte Mami mit ihrem Sohn und Bruder erstmals den Gedenkstein im Hof der Augustin-Violet-Schule.

Und so schaut auf der sepiafarbenen Aufnahme ein kleines Mädchen mit offenem Mund, blassem Teint und lockigem Haar in die Kamera. Dass Malou katholisch war und nicht jüdisch bewahrte das in seiner körperlichen Entwicklung gehemmte Kind nicht vor der Deportation nach Frankenthal. „Sie wurde ihrer Mutter aus den Armen gerissen“, weiß Christelle aus der Familiengeschichte. Vater Guillaume Weill sprach unmittelbar nach seiner Freilassung aus der Gefangenschaft persönlich in Frankenthal vor, um seine Tochter abzuholen – um mitgeteilt zu bekommen, dass sie mittlerweile bestattet sei. Offizielle Todesursache: Bronchopneumonie, also eine Lungenentzündung. Diese Diagnose ist üblicherweise benutzt worden, um etwa tödliche Injektionen bei abschätzig so genannten Forschungskindern zu verschleiern. Louise Weill sei ein Leben lang nicht über diesen Verlust hinweggekommen, sei lange in psychologischer Behandlung gewesen, berichtet die Enkelin im Gespräch mit der RHEINPFALZ.

Langwierige Recherchen

Im Sommer 2024 waren die Geschwister Mami zum ersten Mal in Frankenthal zu Besuch, haben am Gedenkstein für die geschundenen Opfer des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ im Hof der Augustin-Violet-Schule des Pfalzinstituts für Hören und Kommunikation (PIH) Blumen niedergelegt. Vorausgegangen waren jahrelange Recherchen Mamis zu den letzten Wochen ihrer Tante. Eine Kontaktaufnahme zur Stadtverwaltung lief ins Leere, beim Förderverein für jüdisches Gedenken Frankenthal, an den sie sich vor einem Jahr wandte, kam sie letztlich weiter.

Spontane erste Begegnung: Mami und Oberbürgermeister Nicolas Meyer vorm Dathenushaus.
Spontane erste Begegnung: Mami und Oberbürgermeister Nicolas Meyer vorm Dathenushaus.

Warum die Stadt ihr nicht schon vor Jahren weiterhelfen konnte, lässt sich noch nicht restlos aufklären. Eine Sprecherin teilte auf Anfrage mit, dass zumindest dem Stadtarchiv keine unmittelbare Anfrage vorgelegen habe. Am Rande des Holocaust-Gedenktags kam es nun zu einer ersten spontanen Begegnung von Christelle Mami und Oberbürgermeister Nicolas Meyer (FWG). Er sicherte dem Gast zu, bei weiteren Recherchen behilflich sein zu wollen, wo der Stadt dies möglich sei. Konkret hat das Stadtarchiv auf eine Anfrage des Fördervereins hin das Friedhofsamt kontaktiert, das nun recherchieren will, ob auf dem Friedhof seinerzeit ein eigener Teil für die christlichen Patienten des NS-Euthanasieprogramms eingerichtet worden ist.

„Das Mädchen war nach drei Wochen tot“ – 83 Jahre nach dem Verfassen dieser lapidaren Notiz dürfte mehr Licht kommen in diese dunklen, die letzten Wochen von Marie Louise Weill. „Dass die Akte nun gefunden worden ist, wühlt mich sehr auf“, sagte Christelle Mami der RHEINPFALZ. Am nächsten Morgen ist sie zurückgereist an die französische Atlantikküste, auch um ihrer Mutter von dem Fund zu berichten. Ihre große Schwester, die kleine Malou, hat diese nie kennengelernt.

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