Frankenthal RHEINPFALZ Plus Artikel Zeitzeugen der NS-Zeit: Tim Pröse liest im PIH

Volle Aula: Autor Tim Pröse fesselt mit seinem Vortrag die Schüler von PIH und AEG.
Volle Aula: Autor Tim Pröse fesselt mit seinem Vortrag die Schüler von PIH und AEG.

Schülern ein Gefühl für die Schrecken der Nazi-Zeit geben: Das hat sich Tim Pröse bei seiner Lesung aus dem Buch „Jahrhundertzeugen“ im Pfalzinstitut für Hören und Kommunikation vorgenommen. Für seine Recherche sprach der Autor auch mit der Schwester von Hans und Sophie Scholl.

Oskar Schindler und Sophie Scholl: Zwei Namen, die eng mit der nationalsozialistischen Geschichte verknüpft sind. Auf die Schicksale von Menschen im Widerstand gegen das NS-Regime möchte der Münchner Autor Tim Pröse am Dienstag in der Aula des Pfalzinstituts für Hören und Kommunikation (PIH) Schüler des Instituts und des Albert-Einstein-Gymnasiums aufmerksam machen. Zur jährlichen Gedenkfeier des PIH „Erinnern für die Zukunft“ stellt der 54-Jährige sein 2016 erschienenes Buch „Jahrhundertzeugen“ vor. Darin beschreibt Pröse Begegnungen mit 18 Zeitzeugen des Nationalsozialismus.

Emotional und lehrreich seien diese Gespräche gewesen. Neben dem deutschen Industriellen Oskar Schindler aus Frankfurt, dessen Ehefrau Emilie Pröse getroffen hat, stellt das Buch auch den weniger bekannten Berthold Beitz vor, der „noch mehr Menschen während des Zweiten Weltkrieges gerettet hat“. Mit Sophie Scholls Schwester Inge habe er sich ein Jahr lang ausgetauscht. Dass er einige Protagonisten für Gespräche überreden musste, erzählt der Schriftsteller den Schülern auf Nachfrage. Pröses Erfolgsrezept dabei: „Respekt und gutes Benehmen. Und Interesse zeigen.“ Inge Scholl habe ihn beispielsweise vor einem ersten Treffen um einen Brief gebeten, in dem er ihr erklärt, warum er sich für Sophie interessiert. Sophie Scholl sei anders als viele Mädchen, sagt der 54-Jährige. Ihr Vermächtnis sei das Wort Freiheit. Eine Botschaft, die er an seine Zuhörerschaft, alle zwischen 15 und 18 Jahre alt, weitergeben möchte: „Freiheit für Menschen, die es im Leben schwieriger haben.“

Zeichnungen von Überlebenden

Auf einem Tisch im Aularaum steht eine Vase mit weißen Rosen – das Zeichen der Widerstandsgruppe, der neben Sophie auch ihr Bruder Hans angehörte. Zwei Gebärdensprachdolmetscher übersetzen für die hörgeschädigten Schüler des PIH, was Pröse sagt. Warum er diesen Vortrag hält, beantwortet der Schriftsteller selbst: „Ich möchte euch diese Geschichte vom Gefühl her erklären, ein Gefühl dazugeben.“ Der Autor wechselt zwischen gelesenen Textpassagen und freiem Vortrag hin und her. Mal spricht er leiser, mal lauter. Im Hintergrund projizierte Bilder zeigen ihn mit Gesprächspartnern, auch Zeichnungen von Überlebenden des Holocaust werden eingeblendet. Wenn er den Aufbau einer Gaskammer beschreibt, zeigt er um sich, bittet, sich die Größenverhältnisse einer solchen Kammer vorzustellen. Wie KZ-Häftlinge im Todeskampf mit den Nägeln an den Wänden gekratzt haben, macht er an einer Wand nach.

Gebärdendolmetscher (hier im Hintergrund) begleiten die Veranstaltung am Pfalzinstitut für Hören und Kommunikation.
Gebärdendolmetscher (hier im Hintergrund) begleiten die Veranstaltung am Pfalzinstitut für Hören und Kommunikation.

Deutlich verweist der Münchner auf die Unterschiede zwischen damals und heute. Heute könnten Jungen und Mädchen frei über ihr Leben entscheiden. Damals haben die Nazis die Jungen zum Militär gezwungen, sagt Pröse mit lauter Stimme. „Um den Heldentod für den Führer zu sterben.“ Die Mädchen hätten nur eine Aufgabe gehabt: „Mutter werden und Kinder kriegen.“ Auch den Angriff der Hamas auf Israel vergangenen Oktober streift er kurz: „Es sind so viele Juden wie seit dem Holocaust nicht mehr getötet worden.“

PIH-Schüler drehen Film

Während er redet, ist es ruhig im Raum. Nach dem einstündigen Vortrag überraschen drei Schülerinnen Pröse mit einem selbstgemachten Film. Darin tragen sie einen Brief von Else Gebel, einer Mitinsassin von Sophie Scholl, in Gebärdensprache vor. Anders als Scholl hat Gebel den Krieg überlebt. Pröse ist berührt.

Für Fragen der Schüler ist ein Mikrofon aufgebaut. Ein Lexikon aus Kindertagen mit einem Bild von Sophie Scholl habe ihn zu seinem Roman inspiriert, erzählt der Autor. Der Schreibprozess des Buches sei „verdammt schwer“ gewesen. Der frühere Journalist schrieb das Buch „Jahrhundertzeugen“ nach einem Schicksalsschlag, der ihn zum Berufswechsel gezwungen habe. Jeweils etwa ein Jahr habe er an seinen bislang acht Werken gearbeitet. Im April erscheint Pröses neuestes Buch über die Nachkommen der Widerstandskämpfer vom 20. Juli, die mit einem Attentat auf Adolf Hitler das NS-Regime stürzen wollten. Auf Lesetour, über 200 Stationen absolviert Pröse im Jahr, spreche er ungern über seine privaten Ansichten. Es gehe ihm um die Geschichten der Überlebenden. Ein Schüler fragt, ob er einen Ratschlag gegen Hass habe. Pröse empfiehlt, sich einzubringen. Jeder solle versuchen, ein gutes Beispiel zu sein.

Zum Schluss noch ein Autogramm: Einige der Schüler kaufen nach der Lesung Tim Pröses Buch „Jahrhundertzeugen“.
Zum Schluss noch ein Autogramm: Einige der Schüler kaufen nach der Lesung Tim Pröses Buch »Jahrhundertzeugen«.

„Ich bin froh, so gut vorbereitet Schüler getroffen zu haben“, sagt der Autor auf Nachfrage der RHEINPFALZ. Ein paar Exemplare seines Buches kann er verkaufen, dann muss er zum Zug. Bei den Schülern kommt der Vortrag gut an. Die 16-jährige Felicitas Kreutzer besucht die Berufsfachschule I am PIH. Sie findet es wichtig, über die Opfer der Nazi-Verbrechen zu sprechen. „Das gehört zur deutschen Geschichte dazu. Was passiert ist, darf nicht vergessen werden.“

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