Frankenthal
Busbetreiber im Interview: „Mittlerweile haben wir im ganzen Stadtgebiet Probleme“
Wie sehr nerven die Baustellen, von denen es im Frankenthaler Stadtgebiet gerade eine ganze Reihe gibt?
Da muss man unterscheiden: Nicht jede Sperrung ist lange geplant. Ein Rohrbruch ist im Vorhinein nicht absehbar. Oft sind Schäden doch umfangreicher als angenommen. Da kann niemand was dafür. Allerdings verändert jede Umleitung den Verkehrsfluss. Der Arbeitstag der Fahrer ist zunehmend davon geprägt, dass es immer schwieriger wird, den Fahrplan einzuhalten. Das erfordert eine hohe Konzentration, man darf sich am Steuer nicht so leicht aus der Ruhe bringen lassen. Wenn man den ganzen Tag fährt, dann ist das was anderes, als wenn man mal eine halbe Stunde mit dem Auto unterwegs ist.
Erfahren Sie denn rechtzeitig von geplanten Baustellen?
Die meisten Arbeiten sind geplant. Da arbeitet die Stadt auch sehr zuverlässig, sodass wir schauen können, wie sich das auf unseren Fahrplan auswirken wird und wie wir darauf reagieren. Ein Unsicherheitsfaktor bleibt aber immer der tatsächliche Verkehrsfluss.
Was heißt das konkret?
Nehmen Sie das Beispiel Pilgerstraße, in der wir fünf Linien bedienen. Wegen der Sperrung können wir derzeit die Friedrich-Schiller-Realschule plus nicht direkt ansteuern und müssen über den Foltzring fahren. Weil aber gerade morgens der Verkehr rund um die Baustelle groß ist, kommt es zu Rückstau, insbesondere im Kreuzungsbereich Mahlastraße und an der Ecke zum Europaring sowie an der Einmündung in den Ostring vom Nachtweideweg aus, durch den die Umleitung verläuft. Das betrifft dann wiederum die Robert-Schuman-Schule. Der Bus kommt schlicht nicht über die Kreuzungen. Die Folge: Wir können unseren Fahrplan nicht einhalten, es gibt Verspätungen. Gerade im Schülerverkehr haben wir da im Moment ein massives Thema.
Ist der Bereich rund um die Pilgerstraße die einzige Strecke, auf der es klemmt?
Nein. Mittlerweile haben wir fast im ganzen Stadtgebiet Probleme. Die Ausbesserung am Kreisel an der Kreuzung Benderstraße/Frankenstraße ab Mittwoch und die damit verbundene Umleitung wird beispielsweise sicher auch den Schülerverkehr zu den beiden Gymnasien treffen. Und ich kann trotz rechtzeitiger Information nichts dagegen machen. Die Mörscher Straße ist schon lange zu – und bleibt wohl noch eine Weile gesperrt. Und mit der fünfmonatigen Vollsperrung der Bundesstraße 9 ab Mitte Oktober rollt noch mal richtig heftig was auf uns zu. Da kann ich ja nicht drüberfliegen.
Wie ist dementsprechend bereits jetzt morgens die Stimmung im Bus?
Zunehmend schlechter. Zumal die Busse, anders als in den zurückliegenden Schuljahren, häufig sehr voll sind. Das ärgert einige. Wir sind gerade dabei zu klären, woran das liegt. Möglicherweise sind die Schülerzahlen stärker gestiegen.
Sind die Busse so voll, dass Kinder nicht mitgenommen werden können?
Auch das ist zuletzt schon vorgekommen. Wir wissen ja beispielsweise nie, wer wann mal mit dem Bus statt mit dem Fahrrad fährt. Diese sporadischen Fahrgäste sind für uns nicht kalkulierbar.
Was müssen Ihre Fahrer da aushalten?
Wir haben durchaus Verständnis für den Unmut der Fahrgäste. Die Kinder müssen pünktlich in die Schule kommen und das ist unser Job. Deshalb ist es für uns selbst frustrierend, wenn wir den Fahrplan nicht einhalten können, die Gründe dafür aber ganz woanders liegen. Wenn Kunden sich per E-Mail oder am Telefon mit Beschwerden an uns wenden, schauen wir als erstes, was konkret vorgefallen ist. Wir versuchen auch, um Verständnis zu werben.
Der Bus steht morgens im Stau, die Autofahrer kommen auch nicht voran. Gibt es da noch Rücksichtnahme und Verständnis im Verkehr?
Es gibt sehr viele Autofahrer, die großzügig sind und vorausschauend fahren. Dafür bin ich dankbar. Das hilft uns, den Fahrplan einzuhalten und Unfälle zu vermeiden. Aber es gibt auch andere, die ihre Vorfahrt regelrecht erzwingen. Da muss man höllisch aufpassen. Ein Bus ist wie ein Ozeandampfer. Er braucht nunmal mehr Platz als ein Pkw und kann nicht eben mal in eine Parklücke ausweichen, sondern muss durch die Mitte durchfahren.
Und wie ist es mit den Radfahrern, die sich beispielsweise schnell mal rechts am Bus vorbeischlängeln?
Auch da gibt es viele vernünftige Menschen. Allerdings gibt es ein paar echte Gefahrenstellen in der Stadt. Wenn etwa an der Flomersheimer Straße Radfahrer aus dem Carl-Bosch-Ring bei Rot über die Ampel schießen, kann der Busfahrer, der bei Grün losfährt, das im toten Winkel kaum erkennen. Deshalb schule ich mein Team, gerade an dieser Stelle besonders gut aufzupassen. Auch wenn bisher Gott sei Dank nichts passiert ist: Das ist jedes Mal ein Schockmoment.
So wie Sie das berichten, ist Busfahrer ein knochenharter Beruf. Wie einfach ist es, Leute für den Job zu begeistern?
Gar nicht. In ganz Deutschland fehlen 5800 Busfahrer. Unser Betrieb ist da keine Ausnahme. Und ich schaffe es nicht, jemanden hinters Steuer zu setzen, nur weil er einen Omnibusführerschein hat. Busfahrer zu sein ist eine gewisse Berufung. Eben mal schnell eingelernt und dann acht Stunden absitzen: So funktioniert das nicht. Da gehört eine gewisse Qualifikation dazu. Das hat man in der Politik noch nicht erkannt.
Wie viel Zeit investieren Sie in einen neuen Mitarbeiter, bevor er im Schichtplan mitläuft?
Bis zu vier Wochen. Und es gibt Bewerber, die ich am Ende trotzdem ablehnen muss.
Wie oft sitzen Sie selbst noch hinterm Steuer?
Gelegentlich. Wenn etwa ein Fahrer verschlafen hat, dann sieht man mich auch mal völlig zerzaust hinterm Lenkrad. Vorrang hat bei uns immer, dass die Linie bedient wird. Ich genieße das Fahren, weil ich dann wieder ein besseres Gefühl für die ein oder andere Situation bekomme. Das hilft mir bei meinen Entscheidungen.
Zur Person
Der gebürtige Frankenthaler Bernhard Dürk (60) ist gelernter Kfz-Schlosser und Kaufmann. Das Unternehmen Dürk Reisen beschäftigt 30 Mitarbeiter und hat seinen Sitz in Frankenthal-Studernheim. Betriebshof und Wohnort der Familie sind seit 2009 in Ludwigshafen-Ruchheim. Seit gut 30 Jahren bedient Dürk das Liniennetz in der Stadt Frankenthal – zunächst im Auftrag verschiedener Firmen, seit Januar 2021 in Eigenregie. Dürks Vater Benno hat 1974 die Firma gegründet, die beiden Töchter arbeiten ebenfalls im Familienbetrieb mit.