Frankenthal RHEINPFALZ Plus Artikel Neues Buslinienkonzept: Testfahrt mit dem Musterschüler

Gelassen: Fabrizio Sicilia steuert den Bus der Linie 465 von Ruchheim nach Frankenthal.
Gelassen: Fabrizio Sicilia steuert den Bus der Linie 465 von Ruchheim nach Frankenthal.

Überall tauchen sie jetzt im Stadtbild auf: die neuen Busse von Dürk Reisen. Seit 1. Januar hat das Unternehmen mit Wurzeln in Studernheim und Betriebshof in Ruchheim den Nahverkehr übernommen. Aber wie fährt es sich nun im blauen Mercedes? Eine Runde mit der regulären Amazon-Linie 465 und einem Musterschüler am Steuer.

Fabrizio Sicilia zirkelt den Bus sanft um die Poller ganz am Ende der Flomersheimer Allee – in einer fließenden Bewegung, ohne abruptes Abbremsen. „Das ist der Fahrstil, den ich mir von meinen Leuten wünsche: ruhig, vorausschauend und angenehm für die Fahrgäste“, sagt Bernhard Dürk. Der Chef persönlich hat seinen für den Betrieb des Linienbündels Frankenthal neu engagierten Fahrern bei einigen Touren durch die Stadt und ihre Vororte eingetrichtert, was ihm wichtig ist. Und der 32 Jahre alte Mann am Steuer des Mercedes ist – das wird auf der einstündigen Tour Ruchheim-Frankenthal-Ruchheim spürbar – ein echter Musterschüler des Busunternehmers. Am frühen Dienstagnachmittag kommen allerdings nur wenige Passagiere in den Genuss seiner Fahrkünste.

Als „Weihnachtsgeschenk“ sei der in Hannover geborene und in Südtirol, Österreich und der Schweiz aufgewachsene Sicilia an Heiligabend zum Team gestoßen, erzählt Dürk – exakt eine Woche vor dem Start der neu konzipierten elf Linien im Stadtbusverkehr Frankenthal. Der Mann mit den italienischen Wurzeln ist in der Pfalz gelandet, weil die Tourismusbranche seit Corona praktisch tot ist. Den ursprünglichen Job hinterm Lenkrad großer Reisebusse konnte der 32-Jährige bis auf einige Wochen im Sommer und Frühherbst ziemlich vergessen. Weil in seiner Wahlheimat Österreich große Verbünde den Linienverkehr dominierten, habe er einen Wechsel dorthin bisher gescheut. „Da bist du als Fahrer nur eine Nummer“, sagt Fabrizio Sicilia.

„Es hat vom Gefühl gepasst“

Nach seinem spontanen Entschluss, sich bei Bernhard Dürk zu bewerben, sei dann alles „sehr, sehr schnell gegangen“, erzählt er beim neunminütigen Stopp am Hauptbahnhof Frankenthal, bevor es wieder durch Flomersheim und Eppstein Richtung Römig und Ruchheim geht. „Das ist ein Familienunternehmen – es hat vom Gefühl her einfach gepasst“, sagt er über seinen Arbeitgeber. Nach einigen Wochen bei den Eltern in Ludwigshafen stehe jetzt noch die Suche nach einer passenden Wohnung an. Sicilia ist angesichts der katastrophalen Lage seiner Zunft überzeugt: „Es ist ein Privileg, arbeiten zu dürfen.“

Nach Bernhard Dürks Geschmack hätte es für ihn persönlich in den letzten Wochen etwas weniger Arbeit sein dürfen: Der Aufwand vor der Übernahme des Linienbündels, dessen Betrieb er für seine Firma bei der europaweiten Ausschreibung gewonnen hat, sei immens gewesen. Dürk: „Teilweise ging’s bis spät in die Nacht.“ Fahr- und Schichtpläne, Laufzeiten der Busse, Tank- und Waschzeiten – alles muss bis ins letzte Detail durchdacht sein. Mit Erfahrungen aus der Praxis werden die Abläufe dann weiter verfeinert. Geholfen hat dem Unternehmer Kollege Computer. „Da muss man sich aber auch erst in die Software reinfuchsen“, erklärt Dürk, während er durch die verschiedenen Ebenen des Programms klickt.

Überblick in Echtzeit

Vom Büro aus kann er beispielsweise in Echtzeit verfolgen, wo sich die im markantem Blau des Verkehrsverbunds Rhein-Neckar lackierten Busse gerade befinden und ob die Fahrer gerade gut in der Zeit oder leicht hinterm Plan liegen. „Grün ist am besten“, sagt Bernhard Dürk und weist auf den linken der zwei Monitore. Und da ist gerade viel Grün – mit ein bisschen Gelb und nur ganz wenig Rot. Dieselbe Information haben die Chauffeure der mit Hybridantrieb ausgestatteten Fahrzeuge über ein Display rechts neben dem Lenkrad immer im Blick.

Die „Autos“, wie der Firmenchef die bei Evobus in Mannheim bestellten und gebauten Omnibusse nennt, haben technisch einiges zu bieten: Die Mischung aus Elektro- und Verbrennungsmotor sollte Dürk zufolge den Verbrauch deutlich drücken. Bei konventionellen Linienbussen rauschen im Stadtverkehr schon mal um die 40 Liter auf 100 Kilometer durch. Der öffentliche Nahverkehr sei ja kein Wettrennen, aber die Busse erreichten auch dank der Stromunterstützung trotz Größe und Gewicht mit ihren 320 PS doch recht ordentliche Fahrleistungen. Das Ganze übrigens ohne den von älteren Bussen gewohnten Dieselsound. Eine Unterhaltung in normaler Lautstärke, während es durch die Eppsteiner Dorfmitte geht, ist jedenfalls problemlos möglich.

Kunstpause bei der Ansage

Dass sich der Stress der zurückliegenden Zeit gelohnt hat, dieses Gefühl stellt sich bei Bernhard Dürk nach den ersten Betriebstagen langsam ein. Offen für konstruktive Kritik der Fahrgäste möchte er in jedem Fall bleiben: „Wenn sich aus den Hinweisen etwas Sinnvolles herauskristallisiert, reagieren wir darauf.“ Um das Bewusstsein für den Job von Fabrizio Sicilia und dessen mehr als 20 Kollegen zu behalten, will sich Dürk auch immer mal wieder ans Steuer setzen. Das gehöre zu seinem Selbstverständnis genauso wie das Erledigen kleinerer Reparaturen. Oder das Aufnehmen der Ansagen für die Haltestellen. Technisch wird dabei aus Dürks Bariton eine weibliche Stimme. Am Carl-Bosch-Ring muss er schmunzeln: „Da habe ich eine Kunstpause eingebaut.“ Auffallen dürfte sie den wenigsten. Hauptsache, der Bus kommt pünktlich.

Noch Fragen?

Infos zum neuen Liniennetz auf der Internetseite der Stadt unter www.frankenthal.de/öpnv. Wünsche und Kritik können Fahrgäste auf der Seite www.stadtbus-frankenthal.de loswerden.
Geräumig: Die neuen Mercedes-Busse von Dürk Reisen bieten 38 Sitz- und bis zu 45 Stehplätze.
Geräumig: Die neuen Mercedes-Busse von Dürk Reisen bieten 38 Sitz- und bis zu 45 Stehplätze.
Gelenkt: Die Fahrer können in den Fahrzeugen auf ein Navigationssystem zurückgreifen.
Gelenkt: Die Fahrer können in den Fahrzeugen auf ein Navigationssystem zurückgreifen.
In einheitlicher Lackierung unterwegs: die blauen Busse des Linienbündels Frankenthal.
In einheitlicher Lackierung unterwegs: die blauen Busse des Linienbündels Frankenthal.
Weiterhin Dreh- und Angelpunkt des Busverkehrs in Frankenthal und Umgebung: die Haltestellen auf dem Bahnhofsvorplatz.
Weiterhin Dreh- und Angelpunkt des Busverkehrs in Frankenthal und Umgebung: die Haltestellen auf dem Bahnhofsvorplatz.
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