Kirchheimbolanden
Neustart in der Jugendarbeit: Raus zu den jungen Menschen
Den äußeren Anlass für die Neuorientierung der Kirchheimbolander Jugendarbeit lieferte der Verkauf des langjährigen Hauses der Jugend in der Amtstraße, dem danach zwei provisorische Ausweichquartiere folgten. Der tiefere Konflikt aber lag in der seit langem spärlichen Nutzung des Hauses durch Jugendliche, die in keinem Verhältnis zu den beträchtlichen Kosten stand.
Alexander Groth (FWG) brachte es jüngst im Stadtrat auf den Punkt: Man habe als Stadt zwar ein „reines Gewissen“ haben können, weil man ja was für die Jugend getan und sich auch regelmäßig (vom langjährigen Betreiber CJD) darüber berichten lassen habe – „aber so weitergehen konnte es auch nicht“. Jetzt, so Groth, gebe es ein klares Bekenntnis der Stadt, dass sie die Jugendarbeit ernst nimmt.
„klein.team“ aus Rockenhausen steigt ein
Mit großer Mehrheit – bei einer Gegenstimme und zwei Enthaltungen – beschloss der Rat die zunächst für zwölf Monate geltende Vereinbarung mit dem „klein.team“ aus Rockenhausen. Die Spezialisten für „pädagogische Dienstleistungen“ wollen, eingedenk auch erfolgreicher Arbeit in Eisenberg, nun ebenfalls die Kirchheimbolander Jugendarbeit aufmischen.
Es ist eine Richtungsumkehr, mit der sich die Hoffnung auf eine stärkere Resonanz verbindet. Kindern und Jugendlichen sollen vor allem dort vielfältige Angebote gemacht werden, wo sie sich aufhalten. In Kibo sind das etwa Römerplatz, Herrngarten oder Schillerhain. Geplant sind zum Beispiel „Stadtspieltage“, aber auch thematische Projekte zu Natur, Umwelt und Sozialem. Begegnungen der Generationen sind ebenso im Fokus wie das Anliegen, Jugendliche aktiv in die Stadtgesellschaft zu integrieren.
Ferienbetreuung soll verbessert werden
All dies soll nicht nur für sie, sondern mit ihnen zusammen organisiert werden – und in Kooperation mit möglichst vielen Partnern, zum Beispiel Vereinen. Auch um die bisher im Argen liegende Ferienbetreuung für Neun- bis 14-Jährige will sich der neue Betreiber kümmern – angedacht sind je eine Woche in den Oster- und Herbstferien sowie zwei Wochen im Sommer.
Die offene Jugendarbeit für bis zu 18-Jährige soll nicht auf die Kreisstadt beschränkt bleiben. Das rollende Spielmobil des Teams Klein wird, entsprechende Gemeinderatsbeschlüsse vorausgesetzt, auch in den Dörfern der VG Halt machen. Als erste sind 2023 Marnheim, Bischheim und Bolanden dabei. Folgerichtig ist geplant, die Zuständigkeit für die offene Jugendarbeit von der Stadt auf die Verbandsgemeinde zu übertragen – Stadtbürgermeister Marc Muchow nannte in der Ratssitzung das Jahr 2024.
Liebfrauenkirche als „Stützpunkt“
Aber nicht immer ist Sommer und nicht immer super Wetter. Ohne ein „Haus der Jugend light“, also einen wetterfesten Stützpunkt, kommt auch das neue Konzept nicht aus. Abermals erfährt die altehrwürdige Liebfrauenkirche eine Wandlung: Schon 1862 hatte die Stadt das Gebäude dem TVK als Turnhalle überlassen, später erprobten Schützen hier ihre Treffsicherheit, ehe es in jüngster Zeit als „Mehrgenerationenhaus“ und zuletzt als „Haus der Familie“ fungierte. Da die protestantische Kirchengemeinde Letzteres nicht weiterführt und den Mietvertrag kündigte, löste sich die Suche nach einer geeigneten Immobilie in Wohlgefallen auf.
Energetisch ist einiges zu tun
Stadtbeigeordneter Jamill Sabbagh, der sich in den letzten Monaten federführend um das neue Konzept kümmerte, war dieser Tage mit Chef Matthias Klein und weiteren Team-Mitgliedern vor Ort. „Sie waren begeistert vom Standort“, berichtet er. Im Gebäude selbst, das in mehrere Räume unterteilt ist, sehe man viel Potenzial, die Außenanlage sei hervorragend. Zwar müsse, vor allem in energetischer Hinsicht, einiges gemacht werden, dafür aber könnten Einrichtungsgegenstände sofort weiter genutzt werden – allen voran die Küchenzeile. Für die Außenfassade schwebt Sabbagh „eine Attraktion“ vor: eine hölzerne Kletterwand – darüber sei aber noch mit der Denkmalpflege zu reden.
Gekauft werden muss zunächst nichts
In den nächsten Wochen stehen erst einmal der Umzug und organisatorische Vorbereitungen an. Die Stadt hatte bereits früher viel für die Jugendarbeit bereitgestellt, vom You-Tube-Kanal und weiteren Medienangeboten über Sportspiele und Musikinstrumente bis hin zu Zelten. „Wir müssen erstmal nichts kaufen, und was noch gebraucht wird, bringt das Team mit“, sagt Sabbagh. Geöffnet sein soll das Haus laut dem Beigeordneten an allen Werktagen, während es an Wochenenden eher Aktionen geben wird.
Immer vor Ort mit einer Vollzeitstelle ist Jannik Wessa. Die weitere halbe Stelle, die die Zuschussgeber bewilligt haben, werde vorwiegend für Projekte genutzt, so Jamill Sabbagh. Auch Urlaubsvertretung sichere „klein.team“ ab.
Land, Kreis, VG und Stadt zahlen
Für das erste Jahr sind 103.000 Euro an Kosten veranschlagt – Kreis (33.633 Euro), Stadt (30.567 Euro) und Verbandsgemeinde (18.000 Euro) steuern Anteile bei. Für Ferienbetreuung und Projekte, die gesondert zu beantragen sind, werden Zuschüsse über 20.800 Euro erwartet. Laut Jamill Sabbagh war der Betrieb des bisherigen Hauses der Jugend deutlich teurer: Das für 2022 eingereichte Konzept wies einen Finanzbedarf von 153.000 Euro aus.
Damit Aufwand und Nutzen künftig in einem guten Verhältnis stehen, soll durch Besuche in Schulen und anderen Einrichtungen die Werbetrommel gerührt werden. Sobald es wärmer wird, ist eine Auftaktveranstaltung für Kirchheimbolandens neue Jugendarbeit geplant.
