Kirchheimbolanden
Fragen und Antworten zur Jugendarbeit: Kurswechsel zu offenem Konzept
Das Konzept, das Kirchheimbolandens Aktivitäten für und mit der Jugend auf komplett neue Füße stellen soll, hat Marc Linn geschrieben. Der Erlebnispädagoge ist Überzeugungstäter in Sachen offene Jugendarbeit, wie er kürzlich bei der Vorstellung im Stadtrat bewies. Linn blickt dabei auch auf vier Jahre mit einem solchen Konzept in Eisenberg zurück. Als damaliger Angehöriger des „Teams Klein“ hatte er es maßgeblich mitgeschrieben und -betreut. Nun wollte auch die Stadt Kirchheimbolanden seine Erfahrungen nutzen.
Worum geht es?
Um eine Richtungsumkehr. Kindern und Jugendlichen sollen vor allem dort Angebote gemacht werden, wo sie sich tatsächlich auch aufhalten: zentral und in aller Öffentlichkeit. Während man in Häusern der Jugend, anscheinend bundesweit ein mittlerweile aus der Zeit gefallenes Modell, unter sich ist. Hinzu kommt, dass man sich in Kirchheimbolanden nach dem Wegfall des langjährigen Domizils ohnehin mit Provisorien beholfen hatte. Auf Plätzen dagegen, so auch die Erfahrung in Eisenberg, können sich Generationen und unterschiedliche Interessensgruppen zu Sport, Spiel und Gespräch begegnen. Gedacht ist zum Beispiel an „Stadtspieltage“, Themenprojekte zu Natur, Umwelt und Sozialem sowie an den Aufbau eines Jugendnetzwerkes. Kooperation mit sozialen Einrichtungen, Vereinen, Kirchen wird angestrebt. In Eisenberg hat man zusammen mit der TSG sogar eine Kletterwand installiert, berichtete Linn. „Miteinander statt Nebeneinander“, so bringt Jamill Sabbagh (Grüne) den Ansatz auf den Punkt. Der Stadtbeigeordnete kümmert sich federführend um das Konzept.
Gibt es dann keine feste Anlaufstelle mehr?
Doch. Die mobile Arbeit soll zwar klar dominieren, aber allein aus Witterungsgründen ist eine feste Behausung notwendig. Linn kann sich in so einem täglich geöffneten Stützpunkt vieles vorstellen: generationenübergreifende Angebote, einen Beratungseinstieg bei Sucht- oder Gewaltproblemen, ein selbstverwaltetes Jugend-Cafe. Man soll auch spielen oder die Räume etwa für einen Geburtstag mieten können. Zwei Fragezeichen bleiben: Wie groß muss bei alldem ein solch letztlich multifunktionaler Stützpunkt sein? Und wo gibt es diese Immobilie in Kibo? Einen Standort habe man bereits im Blick, soviel verrät Sabbagh, man hoffe auf Klarheit bis Ende August.
Und was soll das Ganze kosten?
Bisher lagen die Kosten für das Kirchheimbolander Haus der Jugend bei jährlich etwa 160.000 Euro, die sich Landesjugendamt, Kreis, Stadt und Verbandsgemeinde teilten. Die Schieflage zur Akzeptanz unter Jugendlichen konnte allerdings größer kaum sein: Maximal zehn Jugendliche sollen zuletzt noch gekommen sein, sagte Stadtbürgermeister Marc Muchow. Nach aktuellen Berechnungen dürften laut Jamill Sabbagh für das erste Jahr mit dem neuen Konzept rund 151.000 Euro nötig sein, der größte Teil für Fachpersonal und Ausstattung. Gedacht ist an mindestens 1,5 Stellen: eine im Stützpunkt, eine halbe für das mobile Angebot. Da Anschaffungen – zum Beispiel ein Fahrzeug – im zweiten Jahr wegfallen, geht Sabbagh für 2024 von geringeren Kosten aus.
Profitiert nur die Kreisstadt?
Sinnvollerweise sollten die Ortsgemeinden sukzessive in die mobilen Angebote einbezogen werden, heißt es, zumal die Verbandsgemeinde zu den Zuschussgebern gehört. Gemeinden könnten dann regelmäßig mit Spiele- und Begegnungsangeboten angefahren werden, wenn die Gemeinderäte das beschließen. Für den Anfang im kommenden Jahr stellt man sich das für Bischheim, Bolanden und Marnheim vor.
Ist auch Ferienbetreuung geplant?
Ja. Denn da bietet die Kreisstadt bisher zu wenig. Das Konzept fasst hier speziell die 9- bis 14-Jährigen ins Auge, für die in Kooperation etwa mit Jugendfeuerwehren, Sportvereinen und sozialen Trägern werktags von 7 bis 17 Uhr „Tagesprogramme mit Abenteuercharakter“ kreiert werden sollen. Und zwar jeweils eine Woche in den Oster- und Herbstferien, zwei Wochen in den Sommerferien. Allgemein soll sich die offene Jugendarbeit an bis zu 18-Jährige wenden.
Ist das Konzept beschlossen?
Nein, noch nicht. Es gab sogar einigen Unmut im Stadtrat, weil es schriftlich erst zu Beginn der Sitzung verteilt wurde. Nach der Vorstellung des Konzepts durch Linn wurden aber ausschließlich positive Signale gesendet. Der Rat stand unter Zeitdruck: Bis zum heutigen 1. August müssen Planung und darauf fußende Zuschussanträge bei der Kreisverwaltung vorliegen. Sobald die alles entscheidende Finanzierung des Konzepts durch Kreis, Stadt, VG und Land geklärt ist , können sich nach Ausschreibung durch den Stadtrat potenzielle Träger von Jugendarbeit um dessen Realisierung bewerben; viele Jahre lag der Betrieb des Hauses der Jugend in den Händen des Christlichen Jugenddorfwerkes (CJD).
Und was ist bis dahin?
Bis Ende 2022 ist der Weiterbetrieb in der Jahnturnhalle, dem derzeitigen Domizil des Hauses der Jugend, noch gesichert.
