Kirchheimbolanden RHEINPFALZ Plus Artikel Lisel Heise verlässt mit 101 Jahren den Stadtrat

Lisel Heise bei ihrer Ernennung zur Stadträtin mit dem damaligen scheidenden Stadtbürgermeister Klaus Hartmüller.
Lisel Heise bei ihrer Ernennung zur Stadträtin mit dem damaligen scheidenden Stadtbürgermeister Klaus Hartmüller.

In mehreren Wellen rasten letztes Jahr Nachrichten aus dem kleinen Kirchheimbolanden rund um den Globus. Die erste, als eine Hundertjährige hier für den Stadtrat kandidierte. Die zweite, als die Wähler sie vom aussichtslosen Platz 20 der Liste „Wir für Kibo“ auf Platz 1 katapultierten – was am Tag nach der Wahl wegen des Ansturms von Zeitungs- und Fernsehleuten in Kirchheimbolanden eine internationale Pressekonferenz nötig machte. Die dritte, als die auf jeden Fall deutschlandweit älteste Stadträtin aufs Ehrenamt eingeschworen wurde. Und nun dürfte das internationale Publikum ein viertes, womöglich finales Mal an ihrem politischen Leben teilhaben, denn in dieser Woche hat Lisel Heise, inzwischen 101 Jahre alt, ihren Rückzug aus dem Stadtrat angekündigt.

In ihrem Brief an Stadtbürgermeister Marc Muchow nannte die alte Dame zur Begründung das stark nachlassende Funktionieren wichtigen Handwerkszeugs: der Augen, die man zum Lesen der vielen Unterlagen braucht, der Ohren, die das Sitzungsgeschehen aufnehmen sollen, und der „grauen Zellen“, die beides verarbeiten müssen. „Technisch ist da alles ausgereizt“, sagt Lisel Heise der RHEINPFALZ. Brille und Hörgerät könnten die gravierenden Mängel nicht mehr entscheidend mildern. Handicaps, gegen die auch die geistige Frische, der pragmatische Humor der „Kerchemerin“ nicht ankommen.

Ernüchtert von „Sankt Bürokratius“

War das kurze Dreivierteljahr im Stadtrat, dessen öffentliches Wirken zuletzt auch noch durch die Corona-Krise schachmatt gesetzt wurde, für sie dennoch eine Bereicherung? „Auf jeden Fall, es war interessant, mal ins Innenleben der Stadtpolitik blicken zu können.“ Dass sie im Ratsgremium auch so manchen früheren Schüler wiedertraf, freute die ehemalige Lehrerin überdies. Mit einiger Ernüchterung konstatierte sie als Ratsneuling allerdings, wie „Sankt Bürokratius“ mit Verordnungen von „oben“ die Ortspolitik durchdringt, mitunter wenig Freiheit bei Entscheidungen lässt. Und manchmal fragte sie sich auch, ob wirklich „so ein Haufen Papier“ sein muss, der ihr in Form von Ratsunterlagen regelmäßig ins Haus flatterte. Die meisten Ratsmitglieder erhalten diese Schriftstücke bereits auf elektronischem Weg, doch das, räumt die Ausnahme-Stadträtin ein, sei nun wirklich nicht mehr ihr Ding gewesen. Unterm Strich also ist sie „ganz froh, Feierabend zu haben“, zumal außer den persönlichen Steckenpferden auch noch eine Großfamilie mit 32 Mitgliedern keine Langeweile aufkommen lassen werden.

Was also bleibt, wenn Lisel Heise am kommenden Mittwoch aus dem Ratsgremium verabschiedet werden wird? Nächstliegend auf jeden Fall, dass sie der kleinen Bürgerbewegung „Wir für Kibo“ im Sturm einen zweiten Stadtrats-Sitz eroberte, der nun neu besetzt wird, vermutlich mit Klaus Brand, den Heise bei der Kommunalwahl regelrecht „überrannt“ hatte. Weiterreichend, dass sie, wie Stadtbürgermeister Muchow würdigt, per se eine Ermutigung, ja vorbildhaft für ältere Generationen ist. Nicht zu unterschätzen ist gewiss ebenso, dass dank ihrer Popularität der Name Kirchheimbolanden in Deutschland und in so manch exotischer Ecke der Welt hängengeblieben ist.

Vision vom „Badegewässer für Kibo“

Vor allem aber wirkt eine Vision weiter, indem die leidenschaftliche Schwimmerin Heise die längst totgeglaubte Diskussion um ein Freibad in Kirchheimbolanden wiederbelebte. Für diese dem sozialen wie gesundheitlichen Wohl dienliche Idee will sie sich weiterhin leidenschaftlich in dem auf ihre Initiative hin gegründeten Verein „Badegewässer in Kibo“ einsetzen.

Denn auch wenn Augen, Ohren und die grauen Zellen nach hundertjähriger Beanspruchung nicht mehr so wollen: Träumen kann man immer. Und den Traum von einem Freibad, am liebsten einem Naturbad auf dem früheren Thielwoog-Gelände, wird Lisel Heise niemand nehmen.

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