Kirchheimbolanden
Mit 101 Jahren aktiv durch die Corona-Krise
Das letzte Wort in einem „Corona Spezial“ des ZDF überließ Gastgeberin Maybrit Illner kürzlich einer zugeschalteten alte Dame aus Kirchheimbolanden. Der Mensch, so befand Lisel Heise mit der Weisheit ihrer 101 Jahre, müsse vermutlich ab und zu vom lieben Gott mal so einen Hammer kriegen, damit er wieder normal lebe. Und hoffen könne sie bloß, „dass diese immense Notlage Menschen zu den Werten zurückführt, die wirklich notwendig sind“.
Vom Humanismus, der dem Mammon, der globalen Gier, dem Raubbau an Natur und Umwelt und einer gewissen Sinnentleerung und Fremdbestimmung des Lebens geopfert worden sei, spricht Lisel Heise gern, ohne sich dabei als Umstürzlerin zu sehen. Sie wünscht sich einfach, dass Vernunft wieder zum Maß menschlichen Handelns wird, und sieht Corona dabei als einen immerhin möglichen Wendepunkt, einen Wegweiser für künftige Generationen. Die praktische Redensart „Es ist nix so schlecht, als dass es nicht für irgendwas gut ist“ hat sie einst als junge Lehrerin im Schwabenländle aufgeschnappt und verinnerlicht.
Einsatz für ein altes Freibad
In ihrer Heimatstadt Kirchheimbolanden war Lisel Heise 2019 als 100-Jährige in den Stadtrat gewählt worden – als zumindest deutschlandweit älteste Kommunalpolitikerin, was Medienleute aus aller Welt zu angeregten Plauderstunden in ihr Wohnzimmer führte. Ihr Einsatz für die Wiederbelebung eines Freibades in Kirchheimbolanden hatte sie in der Wählergunst von Platz 22 der Bürgerliste „Wir für Kibo“ auf deren Spitzenplatz katapultiert. Dass Heise selbst noch bewundernswert fit in Körper und Geist ist, schreibt sie neben guten Genen ja ebenfalls lebenslangem Sport zu – und vor allem dem Schwimmen.
In der Corona-Krise vermöge ärztliche Kunst Wunderbares zu leisten, sieht sie. Doch generell müssten Menschen wieder viel mehr selbst tun, um sich gesund in Körper und Geist zu erhalten – aber auch die Möglichkeit dazu bekommen. Größere Aktivitäten des von ihr initiierten Vereins „Badegewässer in Kibo“ ruhen zwar momentan wegen der Pandemie, doch die Lust der 101-Jährigen, dies Engagement möglichst noch zu Lebzeiten mit einem Erfolg zu krönen, ist ungebrochen.
Zum Wochenmarkt oder auf die Bank: Immer mit Mundschutz
Persönlich scheint Lisel Heise die Corona-Pandemie, vor deren starken Kontakteinschränkungen sie gerade noch mit vielen Gratulanten ihren 101. Geburtstag feiern konnte, mit einer gewissen Coolness zu begegnen. Oder ist’s eher die Gelassenheit des Alters, die Erkenntnis, dass man gegen manches Schicksal eh machtlos ist und Glück hat, wenn man heil davonkommt? Panik oder Angst jedenfalls empfindet sie nicht. Anders als viele Senioren, die in Alten- und Pflegeheimen mit der tückischen Krankheit infiziert wurden, hat sie allerdings das Glück, noch im eigenen Haus zu leben.
Die Familie kümmert sich, ums Seelische wie Praktische, „goldige Nachbarn“ helfen ebenfalls. „Aber immer auf Distanz“, wie Heise betont.“ Auf die Gass zieht es die streitbare alte Dame gleichwohl hin und wieder, vor allem auf den freitäglichen Wochenmarkt, oder, wenn erforderlich, zur Bank. Nie jedoch ohne ihren Mundschutz.
Taschentuch, getränkt mit Schwedenkräutern
Kaum zu glauben, dass man bei diesem Thema sogar ein bisschen ins Schmunzeln kommen kann. Denn: „Ich hab mir sofort einen genäht, als der ganze Kladderadatsch anfing“, erzählt sie. „Und wissen Sie, Liebes, was ich da immer noch einlege? Ein Taschentuch, getränkt mit Schwedenkräutern.“ Heise schwört darauf, dass sich die natürliche Mixtur, die sie früher sogar selbst ansetzte, heute aber aus der Apotheke bezieht, schon seit Jahrzehnten in der Familie als heilsam und schützend erweist.
Auch auf Spaziergänge an der frischen Luft zur Stärkung des Immunsystems verzichtet sie nicht, drei Stunden war sie letztens mit einer Bekannten in ihrer geliebten Natur – ja klar, auf Distanz. „Es gibt doch nichts Besseres für uns, als Sauerstoff zu tanken“, rät sie nicht nur Senioren, sondern auch Stubenhockern und „Fernsehglotzern“ jüngerer Semester, die im Zwangsdasein zu Hause momentan so leicht zu Sinnkrisen oder Missmut neigten.
Arbeiten an der Familienchronik
Ihr selbst würde das wohl nie passieren: Sie schreibt weiter an der schon umfangreichen Familienchronik, telefoniert mit der großen Schar an Kindern und Kindeskindern, ihrem Freundeskreis. Sie liest, freut sich am blühenden Hausgärtlein und schaltet meist erst spätabends den Fernseher ein. Dann, wenn die Krimis vorbei sind und die für sie spannenden wissenschaftlichen oder politischen Sendungen laufen.
Oder ein Talk, wie neulich bei Illner. Frei heraus hat sie dort im wörtlichen Sinne ihre Hoffnungen ins Mikrofon gesagt: aus einem weit geöffneten Fenster in der Kirchheimbolander Schillerstraße.