Kirchheimbolanden RHEINPFALZ Plus Artikel Borg Warner: Eine Erfolgsmeldung und noch viel Ungeklärtes

„Verunsicherung in der Belegschaft“ nimmt auch die Geschäftsführung wahr am traditionsreichen Standort des Automobilzulieferers.
»Verunsicherung in der Belegschaft« nimmt auch die Geschäftsführung wahr am traditionsreichen Standort des Automobilzulieferers.

Zwischen Automobilzulieferer Borg Warner und der Gewerkschaft IG Metall steht die nächste Verhandlungsrunde an für den Zukunftstarifvertrag. Es geht um nicht weniger als die Sicherung des Standorts Kirchheimbolanden. Werkleiter Andreas Denne indes freut sich über einen Erfolg – „ein Zeichen, dass wir bestehen können“.

1200 Mitarbeiter sind aktuell im Borg-Warner-Werk in Kibo beschäftigt. Ihr Betriebsrat war im Jahr 2022 in die Offensive gegangen, hatte mit einer Infoveranstaltung am Römerplatz auf die aus seiner Sicht prekäre Situation aufmerksam gemacht: Es fehle an Zukunftsprojekten, die den langfristigen Erhalt des Standorts garantieren. Im Oktober schließlich hatte die IG Metall ihre Mitglieder zu Versammlungen in der Stadthalle eingeladen, bei denen diese eindeutig dafür gestimmt haben, dass für einen Zukunftstarifvertrag gestritten werden soll.

Zwei Verhandlungsrunden hat es seither gegeben, wie Werkleiter Andreas Denne berichtet, die bis dato letzte in der vierten Januarwoche. Wenngleich Einigkeit bestehe, „dass wir das Werk zukunftssicher machen wollen“, liege man bei einigen Punkten noch weit auseinander –„sehr weit auseinander“, sagt Wladislaw Wolter, politischer Sekretär der IG Metall Ludwigshafen-Frankenthal. Die Gewerkschaft habe ihre Forderungen auf drei Säulen aufgebaut: Es geht um die grundlegende Zukunft des Werks, um dessen Transformation samt der Frage, wie die gesamte Belegschaft „bei diesem Prozess mitgenommen werden kann“, und um die Absicherung der einzelnen Arbeitnehmer. Anfang März steht die dritte Runde an.

Hatte die Mitarbeiterzahl fünf Jahre zuvor noch bei 1850 gelegen, so wurde zum Start ins aktuelle Jahrzehnt die Betriebsvereinbarung Kibo 4.0 auf den Weg gebracht. Bei jener Standortstrategie hatte die Arbeitnehmerseite Stellenabbau und Entgeltverzicht akzeptiert, im Gegenzug sollte das Werk mit Zukunftsprojekten für die nächsten Jahre gerüstet werden. Gewerkschaft und Betriebsrat hatten zuletzt kritisiert, dass es an solchen Projekten nach wie vor fehle.

Enttäuschung bei Hybrid-Fahrzeugen

Kibo 4.0 läuft noch bis Ende 2024. Bis dahin soll die Mitarbeiterzahl mittels Freiwilligenprogramm und Altersteilzeitregelungen auf knapp 1000 reduziert werden. Daran hält Denne fest, betriebsbedingte Kündigungen habe es bislang nicht gegeben und soll es weiterhin nicht geben.

Die Gründe, warum den Zugeständnissen der Belegschaft noch nicht die gewünschte Entwicklung auf der Habenseite gegenübersteht, beschreibt Denne so: „Die Welt hat sich weitergedreht“, und nach dem Abschluss von Kibo 4.0 nicht zu knapp. Corona, die Halbleiter- und die Energiekrise, zudem habe sich der Markt für Hybrid-Fahrzeuge schlechter entwickelt als erhofft. Diese hätten sich als Brückenschlag zwischen Turbolader und Elektromobilität für das Werk Kibo angeboten. Doch die Brücke ist nun halt „nicht so lang und nicht so breit“, sagt Denne.

Und dennoch: „Wir haben mal wieder einen Erfolg feiern dürfen“, berichtet der Werkleiter erfreut. Ende des Jahres 2022 hat das Werk ein neues Projekt an Land gezogen. Zwar handelt es sich um einen Auftrag aus dem klassischen Turbolader-Bereich – aber der Zuschlag für Kirchheimbolanden zeige, „dass wir Kibo 4.0 nicht umsonst gestartet haben“. Die Vorbereitungen sind angelaufen, im August 2025 soll die Produktion starten. Mit den Strukturen vor der Betriebsvereinbarung, da ist sich Denne sicher, wäre es nicht zu dem Projekt gekommen, zu dessen Umfang Borg Warner wie üblich keine Angaben mache.

Neue Projekte seltener geworden

Sehr positiv zu bewerten sei dies auch deshalb, weil neue Projekte „weniger als früher“ vorkommen, wie Denne bekennt. Damit allerdings stehe der Standort Kirchheimbolanden nicht allein, selbstredend seien die Kunden mit Investitionen im gesamten Verbrennermarkt zurückhaltend. Die im Oktober von den EU-Mitgliedsstaaten und dem Europäischen Parlament getroffene Vereinbarung, dass ab 2035 nur noch klimaneutrale Fahrzeuge zugelassen werden sollen, war da ein weiterer Wirkungstreffer, den die Verantwortlichen in ihren Planungen einpreisen mussten.

Die Beschleunigung bei der Elektrifizierung hält an. Darum werde die Ausrichtung weiter lauten: „Wir müssen jetzt transformieren.“ Bis 2035 will Borg Warner weltweit den Anteil der E-Mobilität am Gesamtumsatz auf 45 Prozent steigern, der 2021 noch bei unter drei Prozent gelegen hatte. Doch, und darauf verweisen die Verantwortlichen in Kibo, jede Menge Umsatz solle demnach auch dann noch aus dem klassischen Geschäft kommen. „Und der muss ja auch irgendwo herkommen“, sagt Denne. Auch daher sieht er das neu eingetütete Projekt „als Zeichen, dass wir bestehen können“.

Zusammenarbeit mit dem Land soll helfen

Zudem: Die Transformation des Werks schreite voran. Derzeit sei man mit mehreren potenziellen Kunden in Gesprächen, auch abseits der klassischen Ausrichtung in Kibo. Die Verlagerung des Ausbildungsschwerpunkts in Richtung Mechatronik und Weiterbildungsmaßnahmen in Kooperation mit der Technischen Universität Kaiserslautern liefen schon länger, Anfang des Jahres sei mit dem rheinland-pfälzischen Arbeitsminister Alexander Schweitzer bei dessen Werksbesuch eine engere Zusammenarbeit mit dem Land besprochen worden.

Der Werkleiter sagt aber auch, dass es nicht einfach wird und dass „wir noch lange nicht im Ziel sind“. Nach den offensiven Ansagen von Betriebsrat und Gewerkschaft im Vorjahr versuche die Werkleitung, durch „Transparenz in der Kommunikation das Verständnis bei den Mitarbeitern zu wecken, warum noch nicht alle Lösungen gefunden sind“. Dass es bei vielen eine gewisse Unsicherheit gebe, das sei verständlich. „Und ich gehe davon aus, dass wir weiter kämpfen müssen, um jeden Arbeitsplatz zu sichern“, sagt Denne. Er sei vor anderthalb Jahren in der Gewissheit angetreten, „dass wir hier eine Chance haben – und ich glaube immer noch daran“.

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