Speyerer Umland RHEINPFALZ Plus Artikel Kerwe fällt aus: Einzelfall oder Dorffest-Sterben? (mit Bildergalerie)

2023 fand die Lingenfelder Kerwe zum ersten Mal im Oberwald statt. Doch der Standort hat sich nicht bewährt.
2023 fand die Lingenfelder Kerwe zum ersten Mal im Oberwald statt. Doch der Standort hat sich nicht bewährt.

Die Lingenfelder Kerwe wird dieses Jahr nicht stattfinden. Auch andere Veranstaltungen im Speyerer Umland sind schon zeitweise oder ganz verschwunden. Was sind die Gründe?

Die Entscheidung, dass die Lingenfelder Kerwe dieses Jahr nicht stattfindet, sei zusammen mit den beteiligten Vereinen getroffen worden, sagt Sebastian Ungeheuer (SPD), der zuständige Ortsbeigeordnete. „Die Resonanz war nicht so positiv und die Vereine sind meistens finanziell gerade auf null rausgekommen“, sagt er. Die Kerwe am dritten Septemberwochenende war bis vor drei Jahren noch in der Ortsmitte. Weil die Handballer damals bereits Probleme hatten, das Fest zu stemmen, sei die Veranstaltung in den Oberwald am Ortsrand verlegt worden, weil dort mehrere Vereine ansässig sind, blickt Ungeheuer zurück. Mehrere Vereine hätten das Fest dort gemeinsam organisiert. „Das erste Jahr war noch gut besucht und es gab auch positives Feedback von den Schaustellern“, sagt Ungeheuer. Danach sei es allerdings nicht mehr so gut gelaufen, einige Vereine hätten sich nicht mehr beteiligen wollen und es sei schwierig geworden, Schausteller zu finden. „Manche Bürger haben moniert, dass es zu weit draußen ist“, berichtet er. Generell werde es für die Vereine auch immer schwerer, Helfer zu finden. Allerdings hofft der Beigeordnete, dass es bei einem einmaligen Ausfall der Kerwe bleibt: „Für nächstes Jahr gibt es die Überlegung, dass die Kerwe an der Goldberghalle stattfindet“, kündigt er an. Dort könne die Infrastruktur der Halle für Bewirtung und Musik genutzt werden. „Die Kerwe ist Tradition und sie gehört in die Mitte des Dorfs“, findet Ungeheuer.

Die Lingenfelder Kerwe ist nicht das erste Fest und wird wahrscheinlich auch nicht das letzte im Speyerer Umland sein, das zumindest zeitweise aus dem Veranstaltungskalender verschwindet. Für diese Entwicklung gibt es verschiedene Gründe, wie ein Blick in die jüngere Vergangenheit zeigt. Eine Zäsur war die Corona-Pandemie, während der fast alle Feste abgesagt werden mussten. Nicht überall ist man danach wieder zur Tagesordnung übergegangen. Manche Feste hatten aber auch schon davor mit Problemen zu kämpfen. In einigen Fällen ist es gelungen, sie mit neuen Konzepten, Terminen oder der Fusion mit anderen Veranstaltungen zumindest teilweise zu retten.

Professionelle Hilfe

Für Otterstadt war die Pandemie besonders bitter, denn wegen ihr fielen die geplanten Feierlichkeiten zum 1000-jährigen Bestehen des Dorfs, die für 2020 geplant waren, ins Wasser. Als 2022 wieder gefeiert werden konnte, nutzten die Otterstadter den Neustart zu einer Änderung: Die Kerwe und das Stickelspitzergelage – zuvor zwei getrennte Veranstaltungen – wurden zur Stickelspitzerkerwe zusammengelegt. Ob das traditionsreiche Karpfenfest in Otterstadt eine Zukunft hat, muss sich noch zeigen. Nach einer italienisch angehauchten Variante mit einem örtlichen Gastronomen 2024 fiel es ein Jahr später aus. 2026 gibt es nun den nächsten Neustart mit professioneller Hilfe eines Speyerer Unternehmens, das auf Veranstaltungen spezialisiert ist.

Kerwe und Stickelspitzerfest wurden in Otterstadt mittlerweile zusammengelegt. Hier ein Bild von 2025.
Kerwe und Stickelspitzerfest wurden in Otterstadt mittlerweile zusammengelegt. Hier ein Bild von 2025.
Das Karpfenfest in Otterstadt fand 2024 mithilfe eines italienischen Gastronomen statt. Im Folgejahr fiel es aus.
Das Karpfenfest in Otterstadt fand 2024 mithilfe eines italienischen Gastronomen statt. Im Folgejahr fiel es aus.
Die Spargelspitze in Dudenhofen: So wie hier 2013 konnten bei einem Spaziergang Spargelspezialitäten probiert werden. 2019 fand
Die Spargelspitze in Dudenhofen: So wie hier 2013 konnten bei einem Spaziergang Spargelspezialitäten probiert werden. 2019 fand die Veranstaltung zum letzten Mal statt.
Das Tabakdorffest in Dudenhofen wurde nach Corona 2023 wiederbelebt, stand aber schon öfter auf der Kippe.
Das Tabakdorffest in Dudenhofen wurde nach Corona 2023 wiederbelebt, stand aber schon öfter auf der Kippe.
Das Hohlbrunnenfest in Berghausen drohte aus Naturschutzgründen schon auszufallen.
Das Hohlbrunnenfest in Berghausen drohte aus Naturschutzgründen schon auszufallen.
Das Frühlingsfest in Heiligenstein wurde vom Ortskartell beerdigt. Der Grund auch hier: Naturschutzauflagen.
Das Frühlingsfest in Heiligenstein wurde vom Ortskartell beerdigt. Der Grund auch hier: Naturschutzauflagen.

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In Dudenhofen ist die „Spargelspitze“ schon vor der Corona-Pandemie aus dem Veranstaltungskalender verschwunden. 2018 fand das ungewöhnliche Format, bei dem die Gäste zwei Tage lang einen kulinarischen Wanderweg ablaufen und dabei Spargelspezialitäten probieren konnten, zum letzten Mal als eigene Veranstaltung statt. Im folgenden Jahr wurde es mit dem Spargelfest zusammengelegt, dann folgte das Aus. Eine Wiederbelebung hatte Bürgermeister Jürgen Hook (SPD) zwar angestrebt, gelungen ist sie bislang nicht. Immerhin: Das zwischenzeitlich eher stiefmütterlich behandelte Spargelfest ist wieder etabliert.

Bei den Nachbarn aus Harthausen ist es das Tabakdorffest, dessen Fortbestand auf der Kippe stand. 2016 wurde das Fest bereits mit der Kerwe zusammengelegt und konzeptionell runderneuert. 2022 wäre nach Corona theoretisch wieder ein Fest möglich gewesen, doch wegen fehlender Vorbereitungszeit und Helfer fiel es aus. Zwischenzeitlich beschlossen Gemeinde und Ortskartell sogar, das 1981 entstandene Fest ganz zu begraben und durch ein neues Dorffest zu ersetzen, ruderten dann aber zurück. Seitdem scheint die Organisation des Fests zwar ein steter Ritt auf der Rasierklinge zu sein, doch bis jetzt ist es gelungen, es am Leben zu erhalten.

Auflagen sind Problem

Probleme anderer Art haben in Römerberg den Festkalender durcheinandergewirbelt. In Berghausen drohte in den vergangenen Jahren das Hohlbrunnenfest schon aus Naturschutzgründen auszufallen. Naturschutzauflagen führten auch dazu, dass das Ortskartell Heiligenstein das Frühlingsfest in den Rauhweiden in diesem Jahr beerdigte. Stattdessen wurde nun die Heiligensteiner Kerwe auf den Termin gezogen. Im Ergebnis heißt das trotzdem: ein Fest weniger.

Einer der sich seit Jahren den Kampf für den Erhalt der Dorffeste auf die Fahnen geschrieben und sogar schon eine Demo dafür organisiert hat, ist der Römerberger Andreas Ruhnke. Er sieht zwei Hauptgründe für das Verschwinden von Dorffesten: „Immer weniger Menschen wollen in ihrer Freizeit unentgeltlich etwas arbeiten“, sagt er. „Bei Festen muss angepackt werden für den Auf- und Abbau, und es benötigt viele Unterstützer beim Bierzapfen und Bratwurst drehen. Natürlich kann man den Menschen nicht böse sein, wenn sie lieber nur als Besucher zu einem Fest gehen. Wenn aber alle so denken, dann war’s das gewesen.“ Dabei sei gerade für Neubürger der Einsatz für einen Verein eine gute Möglichkeit, Anschluss in den Dörfern zu finden. Zweites Thema, das Ruhnke, der seit 2024 für die CDU im Gemeinderat sitzt, umtreibt: „Die allgemeinen Vorschriften und Auflagen werden immer umfangreicher und dadurch aufwendiger“, bedauert er. Das betreffe nicht nur die vieldiskutierten Sicherheitsvorschriften oder den Naturschutz, sondern zum Beispiel auch die Verarbeitung von Lebensmitteln. „Ein Dorffest ist kein Restaurant und dementsprechend wird halt auch gearbeitet“, sagt Ruhnke. Die Konsequenzen sind nach seiner Einschätzung dramatisch: „Ohne Dorffeste können die Vereine kaum überleben. Sie brauchen die Einnahmen. Und ohne Vereine stirbt das Dorf.“

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