Otterstadt
Wird Otterstadts Ortsjubiläum dieses Jahr überhaupt noch gefeiert?
„Was wir auf gar keinen Fall wollen, ist die Gefährdung der Gesundheit unserer Bürgerinnen, Bürger und Gäste, zumal viele unserer Veranstaltungen gerade von Älteren besucht werden“, macht Ortsbürgermeister Bernd Zimmermann (CDU) auf Anfrage deutlich. Er rechnet aus heutiger Sicht damit, dass erst im kommenden Jahr eine Therapie oder ein Medikament gegen das Virus allgemein verfügbar ist.
Zimmermann verspricht jedoch, dass alle ausgefallenen Veranstaltungen – soweit möglich – nachgeholt werden sollen. Er schlägt vor, alle Termine in den bisher vorgesehenen Monaten zu belassen, sie jedoch bei anhaltender Gefährdungslage durch das Coronavirus um ein Jahr zu verschieben. „Das Otterstadter Jubeljahr wird dann eben auf – hoffentlich nur – zwei Kalenderjahre verteilt, und wir feiern unser schönes Jubiläum besonders lange“, sagt der Ortsbürgermeister.
Nach seinen Angaben ist die Theatergruppe von Ingrid Lupatsch für die letzten beiden März-Wochenenden im nächsten Jahr vorgesehen. Das entspreche auch dem Wunsch der Schauspieler, sagt Zimmermann. Die Vorstellungen sollten eigentlich im März dieses Jahres stattfinden.
Besuchermagnet: Karpfenfest
Das Karpfenfest, zu dem Tausende Besucher Anfang Juli in Otterstadt erwartet worden wären, und das wegen der Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus ebenfalls vorerst abgesagt wurde, soll auch erst nächstes Jahr im Sommer wieder stattfinden. Würde das Fest beispielsweise in diesem Herbst nachgeholt werden, sei das Wetter für den geplanten historischen Umzug ein Wagnis, sagt der Ortsbürgermeister. Die Termine um ein Jahr zu verschieben, anstatt zu versuchen, sie noch in diesem Jahr unter Berücksichtigung der Ausgangsbeschränkungen und der Corona-Gefährdungslage stattfinden zu lassen, sei auch dahingehend sinnvoll, weil die Veranstaltungen aufeinander abgestimmt seien. Im Sommer sei zum Beispiel eine Tanzshow mit lateinamerikanischen Rhythmen geplant gewesen, die im Winter nicht passend erscheinen würde, nennt Zimmermann ein Beispiel.
Festakt-Termin noch nicht sicher
Ob der Festakt, der für den 4. Juni geplant war, auch erst am selben Termin im nächsten Jahr stattfinden soll oder vorgezogen wird, ist laut Zimmermann noch nicht entschieden. Er persönlich würde ihn nicht vorziehen. „Erstens können wir nicht wissen, ob wir noch in diesem Jahr gefährdungsfrei feiern können, und zweitens handelt es sich lediglich um die ersturkundliche Nennung der Ortschaft, die vor 1000 Jahren erfolgte. Dass es hier Siedlungen gab, die älter als 1000 Jahre sind, gilt durch Funde als belegt. Somit sehe ich darin keinen Beinbruch, auch den Festakt erst 2021 durchzuführen“, sagt der Ortsbürgermeister.
Er geht derzeit davon aus, dass der Ortsgemeinde durch die Absage von Veranstaltungen mit bereits gebuchten Gruppen keine zusätzlichen Kosten entstehen. „Wer als Künstler in dieser schwierigen Situation auf die Gage angewiesen ist, erhält unsere Unterstützung, der Auftritt erfolgt eben später“, sagt Zimmermann. Einzig die Band „Barbed Wire“ wolle zum geplanten Termin Anfang Juni ihr Großkonzert geben – wenn es die Situation zulässt. Der Ortsbürgermeister rechnet aber nicht damit, dass ein solches Großkonzert in zwei Monaten stattfinden kann. Die neuen Termine im kommenden Jahr würden mit den Künstlern dann verhandelt, sagt der Otterstadter Ortschef.
Otterstadts Geschichte und Schmuckstücke
In ihrer langen Geschichte haben die Otterstadter viel erlebt – auch Schlimmeres als die derzeit herrschende Corona-Pandemie.
Die Schifferstadterin Irmtrud Dorweiler führt seit zehn Jahren Bürger durch die Altrheingemeinde. „Mein Herz schlägt für Otterstadt“, sagt die 77-Jährige. Ihrer Meinung nach ist Otterstadt „ein Dorf mit einem wunderschönen Zentrum“. Es lohne sich ein Besuch des jüdischen Friedhofs. Das geschützte Kulturdenkmal sei eine Kostbarkeit des Landkreises. Es besteht seit 1823 und diente Juden aus Otterstadt, Neuhofen, Rheingönheim und Schifferstadt als Begräbnisstätte. 1850 zählte Otterstadts jüdische Gemeinde 79 Mitglieder.
Dorweiler schätzt an Otterstadt, das wahrscheinlich von den Franken gegründet wurde, die Lage am Rhein beziehungsweise am Altrhein, die sich für „wunderschöne Spaziergänge“ anbiete. Die Ortsgemeinde mit einer Fläche von 15,57 Quadratkilometern ist Heimat von 3478 Bewohnern (Hauptwohnsitz, Stand Ende 2019). „Die Otterstadter sind freundlich, hilfsbereit und jederzeit ansprechbar, wenn es Probleme gibt. Diese werden schnell und unorthodox aus der Welt geschafft. Und sie lieben ihr Dorf, das lässt sich bei einem Gang durch dasselbe leicht feststellen“, sagt Dorweiler.
Was bei ihren Führungen nicht fehlen darf ist die Geschichte des „Uznamens“ der Otterstadter – „Stickelspitzer“. Der gleichnamige Brunnen, den Günter Zeuner 1986 am Königsplatz schuf, stellt die Anekdote dar, nach denen die Otterstadter auf einen durchreisenden Betrüger reinfielen, der ihnen Geld für eine noch zu bauende Eisenbahnlinie abknöpfte und ihnen dafür einen Bahnhof versprach. Die Otterstadter hatte für die Bahnlinie bereits Stickel gespitzt.
Außer dieser Sehenswürdigkeit nennt Dorweiler den Otterdritschenbrunnen in der Lindenstraße. Schmuckstücke sind der Königsplatz und die katholische Kirche Mariä Himmelfahrt, die 1891 gebaut wurde. „Die finanziellen Anstrengungen waren groß, selbst die ärmsten Leute trugen ihr Scherflein dazu bei“, sagt sie. Weiterer Höhepunkt sei 1750 die Einweihung der Kirche St. Remigius gewesen, die heute als Gemeindehaus dient.
Otterstadts Geschichte begann offiziell mit der besagten Urkunde vom 7. April 1020, in der beschrieben wird, wie Bischof Walther von Speyer eine Hufe Land in der Otterstadter Mark mit einem gewissen Sahso und seiner Gemahlin tauschte und diese sofort weitertauschen mit einem Wolbrand, der sich den Tausch was kosten lässt.
Seitdem durchlitten die Otterstadter von 1621 bis 1714 den Dreißigjährigen und Holländischen Krieg sowie die Pfälzischen und Spanischen Erbfolgekriege, die die Einwohnerzahl stark dezimierten und den Ort zerstörten. 1661 hatte er nur noch 150 Bewohner. Hochwasser, Missernten und Hungersnöte setzten den Otterstadtern zu. In den Weltkriegen mussten sie Tote beklagen – allein 121 im Zweiten Weltkrieg.