Reise RHEINPFALZ Plus Artikel Wattenmeer-Fahrt mit Geschichten: Von Kokain, Cognac und einer Leiche

Andreas Hellmann (rechts) geleitet die Ausflügler auf Norderoogsand. Der Friese hat immer einen flotten Spruch auf den Lippen un
Andreas Hellmann (rechts) geleitet die Ausflügler auf Norderoogsand. Der Friese hat immer einen flotten Spruch auf den Lippen und erzählt von spektakulären Funden: von Kokain, französischenWeinflaschen von 1856 und einer Leiche.

Die Pellwormer Familie Hellmann fährt seit 100 Jahren mit Touristen zu den Halligen und Sandbänken – und hat einiges zu erzählen.

Von Martin Tschepe

Wer zu spät kommt, der wird fürs längere Ausschlafen bestraft. Die Gebrüder Hellmann auf der Nordseeinsel Pellworm warten nicht. Wenn ihr Boot voll besetzt ist mit Ausflüglern, dann fahren die beiden ungleichen Männer einfach los, auch wenn im Veranstaltungskalender steht: Start sei erst um 8.30 Uhr. Egal.

Die beiden sind ein eingespieltes Team: Andreas (60) und Johann (74), den alle nur Jogi nennen, wie den Fußball-Weltmeister-Trainer von 2014. Die zwei Brüder ergänzen sich nahezu optimal. Jogi spricht lieber gar nicht, er steht am Steuer und hat die Technik im Griff. Andreas indes schnackt wie kaum ein anderer Friese. Er hat immer einen flotten Spruch auf den Lippen. Was er schon alles gefunden hat auf den Fahrten zu den Nachbarhalligen und den Sandbänken? Blitzschnelle Antwort: „Meine Frau.“ Sagt’s und lacht.

Die Familie Hellmann schippert seit ziemlich genau 100 Jahren Gäste durchs Wattenmeer. Angefangen mit dem Business, wie man heute sagen würde, hat Andreas’ und Jogis Urgroßvater. Die zwei sind voraussichtlich die letzten, die diese Tradition fortführen. Jogi hat keine Nachkommen, und Andreas erzählt, dass seine Kinder und die Enkelkinder (okay, das älteste ist erst 20 Jahre alt) kein Interesse hätten an dem kleinen Unternehmen. Und wenn kein Hellmann weitermacht, dann erlösche die Genehmigung. Im Nationalpark Wattenmeer sei vieles haarklein geregelt und reglementiert.

Cognac und Champagner in der Nordsee

Ein strahlend schöner Tag mit blauem Himmel, kurz nach 8 Uhr. Noch ist das Boot nicht voll. Diesmal haben also auch jene Touristen Glück, die sich auf die offizielle Abfahrtszeit um 8.30 Uhr verlassen. Eine Familie geht Punkt halb neun an Bord – und das Motorboot „MS Gebrüder“ (Baujahr 1971) mit rund 40 Passagieren an Bord legt an der Hooger Fähre ab. Die kleine Bootsfahrt vorbei an den Seehundsbänken nach Norderoogsand beginnt. Der 90-PS-Motor brummt und Andreas erzählt, dass dieses Schiff in einer gesamten Saison nicht mehr Treibstoff benötige als die größeren Kähne, die zu den Nachbarinseln fahren, an nur einem einzigen Tag.

Andreas ist nicht zu bremsen: Er plaudert und plaudert, erzählt zum Beispiel, dass er längst nicht „nur“ seine Gattin, die übrigens aus Waiblingen kommt, während einer der ungezählten Ausflugsfahrten gefunden hat. Zu den spektakulärsten Entdeckungen zählen ein Kilogramm Kokain, französische Weinflaschen von 1856 sowie eine Leiche. Über die Leiche mag er nichts weiter berichten, wohl aber über den Wein: Vermutlich ein paar hundert Flaschen seien anno dazumal bei der Havarie eines Schiffes in der Nordsee gelandet. Die Fischer hätten damals viele Flaschen gefunden – auch Cognac und Champagner. Ein paar Pullen seien von den Seemännern sofort vor Ort geköpft und geleert worden. Der Wein und der Cognac habe den Friesen sehr gut gemundet. Mit dem sündhaft teuren Champagner hingegen, mit diesem merkwürdig prickelnden Gesöff, habe sich keiner anfreunden können. Die unbekannte Flüssigkeit sei ins Meer gekippt worden. Die wertvollen Flaschen aber wurden mitgenommen, Glasbehälter seien einst wertvoller gewesen als jeder Inhalt. Das Paket mit Kokain haben die Hellmänner übrigens der Polizei übergeben. Was sonst? Und ein paar der uralten Weinflaschen lagern nach wie vor im Keller von Jogis Haus auf Pellworm, mit Inhalt wohlgemerkt.

Eine neue Insel im Wattenmeer

Während Andreas weiter referiert, auch über das Wattenmeer, über die Gezeiten und über die Muscheln, Schnecken und Krebse im Meer, lenkt Jogi stoisch weiter das Boot in Richtung Norderoogsand. Es geht dicht vorbei an zwei Sandbänken, auf denen zusammen geschätzt gut 200 Seehunde sich in der Sonne ausruhen.

9.45 Uhr, Ankunft auf Norderoogsand. Andreas berichtet, dass er auf der Sandbank kürzlich ein Kitesurfbrett gefunden habe, mit der Adresse des Eigentümers drauf. Der Mann wurde informiert, das Brett wurde in Pellworm zur Fähre nach Nordstrand transportiert. Nun habe der Besitzer das gute Stück wieder und sei glücklich. Jetzt aber aussteigen! Alle Mann (und alle Frauen und Kinder) von Bord! Bald stehen die Ausflügler an Land beziehungsweise auf Sand, auf der sieben mal zweieinhalb Kilometer großen Sandbank. Andreas zeigt in Richtung Horizont: Am anderen Ende von Norderoogsand wachsen die Dünen, und auf den mittlerweile rund sechs Meter hohen Hügeln wächst seit ein paar Jahren sogar Strandhafer. Mitten im Wattenmeer entsteht eine neue Insel. 1000 Seevögel hätten hier gebrütet.

Doch langfristig helfe auch das Anwachsen dieser Dünen wohl nichts mehr, denn der Meeresspiegel steige und steige. Irgendwann, sagt der Mann, der seit Jahrzehnten Ausflügler begleitet, seien die Inseln, Halligen und Sandbänke im Wattenmeer vermutlich schlich weg. Überschwemmt. Pellworm benötige einen höheren Deich. Aber das ist eine andere Geschichte. Während einer kleinen, etwa einstündigen Wanderung über die Sandbank gibt’s für alle Gäste eine Stunde in Naturkunde. Andreas plaudert über die kleinen Halligen, die am Horizont zu erahnen sind, erzählt, dass Norderoog die einzige private Hallig im Wattenmeer sei, nur ein Vogelwart lebe dort, von März bis Oktober. Zu sehen, besser gesagt: zu erahnen, ist die alte Kirche auf Pellworm.

Von Bernstein und alten Scherben

Und dann gibt’s noch die Geschichte der „Ulpiano“ zu hören: Der Dreimaster war 1870 auf dem Weg von Spanien nach England, kam vom Kurs ab und zerschellte während eines heftigen Sturms an Heiligabend im Wattenmeer. Zwölf Spanier konnten sich nach Süderoog retten. Die Familie Paulsen auf der Hallig staunte nicht schlecht, als an Weihnachten plötzlich ein Dutzend wildfremde Männer an der Türe ihrer guten Stube auf Süderoog klopften. In dem harten Winter war die Hallig lange vom Eis eingeschlossen. Sechs Wochen lang harrten die Seemänner bei der friesischen Familie aus. Man verständigte sich mit Händen und Füßen, teilte die spärlichen Vorräte. Ein paar Jahre später erhielten die Paulsens ein Dankesschreiben des spanischen Königs.

Scherben von der sagenhaften Stadt Rungholt?

Wer Glück hat, findet Bernsteine. Oder Scherben von alten Tongefäßen aus Siedlungen, sogar aus der sagenumwobenen Stadt Rungholt. Andreas Hellmann hat vor rund 20 Jahren einen besonderen Fund gemacht: zugeschnittenes Holz, das er später auf Pellworm in einen Carport verwandelt hat. Mit Blick auf solche Aktionen sagt er zwinkernd: „Das Einkaufen auf Norderoogsand ist sehr günstig.“

Pellworm

Anreise
Mit der Bahn über Hamburg nach Husum, www.bahn.de, von dort mit dem Bus R140 nach Nordstrand, www.dbregiobus-nord.de. Von Nordstrand nimmt man dann die Fähre weiter nach Pellworm, www.faehre-pellworm.de.

Unterkunf
tSchön wohnen kann man zum Beispiel auf dem Friesenhof, es gibt unter anderem Tiny-Houses, Zimmer ab 99 Euro pro Nacht, www.friesenhof-pellworm.de.Auf dem Appelhof kostet eine Wohnung im Erdgeschoss für vier Personen ab 120 Euro pro Nacht, www.appelhof-pellworm.de. Exklusiver ist die Nordsee Lodge mit Wellnessbereich und Restaurant, Doppelzimmer mit Frühstück ab 145 Euro, www.nordseelodge.de.

Aktivitäten
Die Gebrüder Hellmann fahren von Mai bis in den Oktober hinein mit Touristen zu den Halligen und Sandbänken. Während der Winterpause werden die Boote repariert. Voraussichtlich noch bis 2030 wollen die Hellmänner ihre Ausflugsfahrten anbieten, dann ist Schluss. Angesteuert werden Norderoogsand, Hooge, Oland und Langeneß, alle Kutterfahrten kosten 30 Euro, Kinder von 4 bis 12 Jahre zahlen 15 Euro, unter 4 Jahre frei. Die Meeresbiologische Kutterfahrt kostet 20 Euro für Erwachsene und 15 Euro für Kinder. Kontakt: Tel. 016098784419 oder per E-Mail an mannhell@yahoo.

Allgemein
Pellworm im Netz: www.pellworm.de.

Info

Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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