Reise
Fès entdecken: Im Labyrinth der Medina zwischen Gerbern, Handwerk und Genuss
Von Tanja Neumann
In den 9000 Gassen der Medina scheint Orientierung reine Glückssache zu sein. Wer das prachtvolle Tor Bab Bou Jeloud mit seinen leuchtenden Mosaiken passiert, durchschreitet eines der Wahrzeichen der Stadt. Augenblicklich verliert man sich in einem Labyrinth aus Lehm und Stein. Fès ist mit rund einer Million Einwohnern die drittgrößte Stadt Marokkos und die älteste der vier Königsstädte des Landes. Ihre Medina zählt zum Unesco-Weltkulturerbe. Hier rücken die Mauern so eng zusammen, dass die Schultern sie fast berühren.
Statt Autos drängen sich schwer beladene Esel und Männer mit vollgepackten Handkarren durch die Gassen. Der Duft von frischer Minze vermischt sich mit dem scharfen Aroma von gegerbtem Leder. Der Ruf „Balak!“ fordert unmissverständlich Platz für den nächsten Transport. Doch dieses vermeintliche Chaos folgt einer jahrhundertealten Struktur. Jedes Viertel ist eigenständig organisiert und verfügt über eine eigene Moschee, einen öffentlichen Brunnen, eine Gemeinschaftsbäckerei, ein Hammam und eine Koranschule. Dieses Geflecht aus Glauben und Gemeinschaft spiegelt sich in den beeindruckenden Bauwerken von Fès wider. In den Medersen, den historischen Koranschulen, verstummt der Lärm der Gassen. Zu den schönsten Bauwerken der Stadt zählt die Bou Inania Medersa aus dem 14. Jahrhundert. Studenten wohnten hier einst in kargen Zellen über kunstvollen Innenhöfen aus Zellige und Zedernholz.
Ab in die Werkstätten
Nur einen Steinwurf entfernt liegt die Al-Quaraouiyne-Moschee. Ihre Universität zählt zu den ältesten der Welt. Sie wurde bereits im 9. Jahrhundert von Fatima al-Fihri, der Tochter eines wohlhabenden Kaufmanns, gegründet. Dass eine Frau den Grundstein für eines der bedeutendsten religiösen Bildungszentren des Islams legte, ist für diese Zeit außergewöhnlich. Wer dem stechenden Geruch tiefer in die Medina folgt, steht plötzlich vor den Gerbereien von Chouara. In den bunten Steinbecken wird Leder noch heute wie im 11. Jahrhundert bearbeitet. Männer waten knietief in den Laugen, während Besucher sich Minzzweige gegen das scharfe Aroma vor die Nase halten.
In den Gassen der Medina wimmelt es zwar von Souvenirgeschäften. In den traditionellen Werkstätten erschließt sich Fès jedoch beim Zuschauen und Mitmachen auf eine ganz andere Weise. In der Keramikmanufaktur Art D’Argile wird deutlich, wie viel Arbeit hinter der Pracht steckt, die in Innenhöfen, Moscheen und Riads so beeindruckend wirkt. Aus Ton entstehen Schalen und Tajinen. Zellige-Meister schlagen aus glasierten Fliesen winzige geometrische Splitter und fügen sie von der Rückseite her zusammen. Ohne das fertige Muster zu sehen, arbeiten sie blind nach einem jahrhundertealten Plan. Qualität ist hier das Ergebnis aus Tradition und Können. Was bei den Profis leicht aussieht, bewundert man umso mehr, wenn man in einem Workshop selbst Hand anlegt: an der Töpferscheibe, beim Bemalen oder beim Legen der Zellige-Mosaike.
Hier wird alles frisch von Hand zubereitet
Hinter einer schlichten Holztür in der Medina verbirgt sich eine weitere Entdeckung abseits der üblichen Touristenpfade. Im Dar Sunrise kann man gemeinsam mit Einheimischen die marokkanische Küche entdecken. In wenigen Stunden gewinnt man hier ganz andere Einblicke in Land und Leute als bei einer klassischen Stadtführung. Die Begrüßung zum Kochkurs folgt dem marokkanischen Grundgesetz: Es gibt frisch aufgebrühten Pfefferminztee und Gebäck. Gemeinsam mit Koch Yassine beginnt der Einkauf dort, wo für viele Familien in Fès der Alltag anfängt: zwischen Gemüse, Dattelpyramiden und Gewürzen. In der traditionellen Küche der Medina wird anschließend so gekocht, wie man es von Müttern und Großmüttern gelernt hat. „Lasst uns den Ketchup vernichten!“, lautet Yassines Credo.
In dieser Küche sucht man vergeblich nach Dosen oder Fertigmischungen, denn hier wird alles frisch von Hand zubereitet. Der Star der Küche: Pastilla Fassi. Unter einem hauchdünnen Teigmantel verbinden sich süße Mandeln und herzhaftes Hähnchen. Diese Mischung aus süß und salzig ist typisch für Fès. Pastilla gilt hier als Festessen und kulinarische Visitenkarte der Stadt. Wer die Medina verlässt, entdeckt, dass Fès noch andere Gesichter hat. Am Königspalast Dar al-Makhzen funkeln die Tore golden in der Sonne. Die im 13. Jahrhundert errichtete Anlage dient dem marokkanischen König bis heute als Residenz. Die monumentalen Messingtüren und die weitläufigen Plätze bilden einen markanten Kontrast zum dichten Gassengewirr von Fès el-Bali.
Gleich daneben beginnt die Mellah, das historische jüdische Viertel. Während die Häuser in der Medina zum Schutz der Privatsphäre fensterlos bleiben, öffnen sich die Fassaden in der Mellah nach außen. Hölzerne Balkone ragen wie kleine Bühnen über die Straße. Läden und Wohnhäuser reihen sich aneinander. Nach den schmalen Gängen der Medina wirkt dieser Stadtteil wie ein neuer Takt: offener und doch voller Geschichte.
Fès
Anreise
Ab Stuttgart gibt es derzeit keine Direktflüge nach Fès-Saïss. Ryanair fliegt ab Karlsruhe/Baden-Baden und Frankfurt-Hahn, www.ryanair.com, Eurowings ab Köln/Bonn, www.eurowings.com. Wer die Einreise beschleunigen möchte, kann einen Fast-Track-Service buchen, etwa bei 1001 Evasion. Preis ab 66 Euro pro Person, www.1001evasions.com/fasttrack.php.
Unterkunft
Das Riad La Maison Bleue am Rand der Medina verbindet klassische Fassi-Architektur mit traditioneller Atmosphäre, Doppelzimmer mit Frühstück ab 230 Euro, www.maisonbleue.com. Das B&B Dar Sunrise in einer Seitengasse der Medina passt zu Reisenden, die einfach und mitten in der Altstadt wohnen möchten, Doppelzimmer mit Frühstück ab 45 Euro, über www.booking.com. Das Hotel Sahrai liegt erhöht außerhalb der Medina, mit Pool, Terrasse und weitem Blick über Fes, Doppelzimmer mit Frühstück ab 320 Euro, www.hotelsahrai.com.
Aktivitäten
Stadtrundgang durch die Medina, 3,5 Stunden, ab 15 Euro. Keramik-Workshop mit Führung durch die Manufaktur, zwei Stunden, ab 40 Euro. Souk-Tour mit Kochkurs in privater Küche, 3,5 Stunden, ab 55 Euro, buchbar über www.getyourguide.de.
Allgemein
Marokkanisches Fremdenverkehrsamt, www.visitmorocco.com/de
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Info
Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.